Das Buch und seine Geschichten...

Über Hunde und Menschen und die Macht der Liebe

 

Nathan der Weiße


Ich bin ein Kind des letzten Jahrhunderts.

Bei dieser Feststellung fühle ich mich gleich uralt - aber immerhin habe ich es in das 21. geschafft, bin noch halbwegs klar im Kopf und in der Lage mit PC und Handy zu hantieren, auch wenn ich Whats App weder  haben will noch brauche.

Nathans und meine gemeinsame Zeit spielt Ende der  70iger Jahre des besagten letzten Jahrhunderts  und ist somit  durchaus  auch ein Stück Berliner Zeitgeschichte. Heute würde ich es selbst mit 20 Rottweilern nicht mehr wagen in der Hasenheide spazieren zu gehen - schon gar nicht in der Abenddämmerung.

Damals reichte ein weißer Großpudel um mich zu beschützen...

Ob die große Hundewiese überhaupt noch für Hunde zugänglich ist oder nur noch für Drogendealer weiß ich nicht. Ich war - aus eben diesen  Gründen - seit über 30 Jahren nicht mehr dort. Laut google gibt es sie noch.

Aber der große Hundeauslauf am Grunewaldsee, an dem ein weiterer Teil dieser Geschichte angesiedelt ist, wird wohl auch bald Geschichte sein...


„Um Himmels Willen, kannst du mir helfen? Ich sitze hier zwischen zwei riesigen Hunden, die meine Wohnung zerlegen!“ Barbaras Stimme  kommt atemlos durch den Hörer, während die Hintergrundgeräusche, die sich anhören wie umstürzende Schrankwände, untermalt von kehligem Knurren aus mindestens zehn Wolfsrachen, die offenkundige Dringlichkeit ihrer Bitte unterstreichen.

„Wobei soll ich dir helfen?“ frage ich verblüfft. „Beim Renovieren? Und seit wann hast du Hunde?“

Wir kennen uns aus dem Katzenschutz, gehören zu einem Trupp Tierschützer, die im Berliner Bezirk Kreuzberg streunende Katzen einsammelt, kastrieren lässt und in einer eigens dafür angemieteten Hinterhofwohnung unterbringt, um sie von dort aus zu vermitteln.

„Nein, du Idiotin!“ Barbara hat offensichtlich jeglichen Humor eingebüßt, was durch ein grelles Kreischen und Fauchen, gefolgt von mehrstimmigem Bellen, dem sich wiederum eine Kakophonie von offenbar zerschellendem irdenem Gut auf hartem Untergrund anschließt, einigermaßen verzeihlich erscheint.

„Ich habe den Schäferhund meiner Schwester zur Pflege und heute hat man mir einen Notfall aufs Auge gedrückt, einen Großpudel – und wenn ich sage Großpudel, dann meine ich richtig groß! – und die beiden toben jetzt durch die Bude, was allein schon einen Trümmerhaufen verursacht und nun jagen sie gemeinsam die Katzen die Gardinen rauf und runter – bittebitte, kannst du mir einen abnehmen? Bitte!!“

„Ich hab’ auch Katzen!“ sage ich entsetzt. „Und überhaupt keine Ahnung von Hunden!“

„Ja, aber du hast zwei Zimmer, ich habe nur eines und ein Hund allein macht überhaupt keinen Stress und es soll auch nur für höchstens ein oder zwei Tage sein, bis wir einen Pflegeplatz für ihn gefunden haben! Oh bitte, lass mich nicht hängen, ich werd’ hier wahnsinnig, wenn das die ganze Nacht so weitergeht!“

„Keine andere Möglichkeit?“

„Nein! Keine!“

„Für höchstens zwei Tage?“

„Allerhöchstens!“

„Also schön“, sage ich seufzend, „bring ihn her.“

Mein derzeitiger Lebensabschnittspartner lässt die Zeitung sinken und beäugt mich wachsam über skeptisch schillernden Brillengläsern hinweg.

„Habe ich das gerade richtig verstanden?“ begehrt er zu wissen. „Ein Hund?“

„Ein Hund“, bestätige ich. „Und?“

„Frau“, sagt er, „du schreckst ja buchstäblich vor nichts zurück!“

„Blödsinn! Es geht um einen Hund, nicht um eine schwarze Mamba! Und für höchstens zwei Tage, also wo soll das Problem liegen? Tierschützer müssen sich gegenseitig unterstützen!“

„Na dann, “ sagt er und hebt die Zeitung wieder, „solltest du hoffen, dass die anderen das auch so sehen! Und vor allem solltest du hoffen, dass Luzie und Musch deine Meinung teilen.“

Ich blicke unbehaglich auf die beiden Kätzinnen, von denen die Ältere, Musch, schon mehr als einmal auf das Rabiateste zu verstehen gegeben hat, dass sie vierbeinige Eindringlinge keinesfalls für eine wünschenswerte Bereicherung ihrer Lebensumstände hält. Gegen diese beinharte Meinung hatte sich bislang nur Luzie behaupten können, was allerdings nicht heißen soll, dass ich mich an diese Tage mit großer Freude zu erinnern wüsste.

Es vergehen keine zehn Minuten und Barbara steht vor der Tür.

Was sie durch diese herein schiebt sieht nicht aus wie ein Hund, sondern wie ein Schaf.

Rundum wollig, weiß, stummelschwänzig, schlappohrig.

Und groß.

Die schönen dunklen Augen blicken jedoch eindeutig intelligent genug um eine dauerhafte Verwechslung, über den ersten Augenblick hinaus, auszuschließen.

„Er heißt Nathan“, sagt Barbara, noch immer in der Tür stehend und den Eindruck erweckend, sie wolle sich stehenden Fußes aus dem Staube machen.

„Halt, halt, “ sage ich, „rein mit dir! Erzähl mir was über den Hund! Wo kommt er her, wie alt ist er, was frisst er, was hat er für Eigenheiten?“

Der Hund steht bereits im Wohnzimmer und starrt die Zeitung an, hinter der sich der Lebensabschnittspartner verschanzt. Hinter dem Sessel in dem er dieses tut, ragt der Schwanz einer Katze steil und Unheil verkündend in die Höhe – der Farbe nach zu urteilen der von Musch. Unter dem Sessel hervor dringt leises Fauchen an mein nervös zuckendes Ohr – Luzie macht sich kampfklar.

Barbara bewegt sich drei Schritte in den Flur hinein, hektische Blicke auf den bewegungslos da stehenden Hund werfend und offenbar die Größe der Chance abschätzend, die ihr bleibt, ohne ihn aus der Wohnung herauszukommen, sollte er die Contenance verlieren.

„Er heißt Nathan“, wiederholt sie.

„Sagtest du schon. Ist das alles was du über ihn weißt?“

„Er hat einer Hotelbesitzerin gehört. Die ist vor ein paar Tagen abgehauen, musste angeblich geschäftlich verreisen, hat den Hund bei Bekannten gelassen – vorübergehend...“

„Aha!“

„...als sie nicht wiederkam sind die zu dem Hotel gegangen und haben festgestellt, dass es von der Polizei versiegelt wurde. Betrügerischer Bankrott. Die Frau ist verschwunden, die Leute können den Hund nicht behalten, haben bei uns angerufen und dann wurde er zu mir gebracht.

Der Verein versucht eine vernünftige Pflegestelle zu finden, aber wir haben nur mit Katzen zu tun, das ist also nicht so einfach. Ich habe keine Ahnung was er frisst, alles was ich gehört habe ist, dass er etwa 4 Jahre alt ist, sein Leben bislang in der Hotelhalle verbracht hat und zu den Großpudeln gehört, was noch größer ist als ein Königspudel.... Gibt’s ganz selten, soll teuer sein und anscheinend war er ein dekoratives Renommierstück. Armer Kerl.... Du, wirklich, ich muss los, der Chester sitzt unten im Wagen und tobt wahrscheinlich, also, das ist ganz toll von dir, echt super, du hörst von mir! Tschühüüs!“

Weg ist sie.

Nathan sitzt inzwischen auf der Hinterhand und betrachtet weiterhin aufmerksam die Zeitung, die sich mittlerweile um einige Zentimeter gesenkt hat, um ein paar Brillengläser freizugeben, die ihrerseits den Hund anfunkeln.

„Was will er von mir?“

„Keine Ahnung. Vielleicht den Börsenteil der Zeitung? Du kannst Fragen stellen!“

Nathan ist offenbar inzwischen klar geworden, dass er ein Männchen vor sich hat und zwar eines dem er kein Interesse entgegenbringt, von dem aber offensichtlich auch keine Bedrohung ausgeht. Er beginnt eine Erkundungstour durch die Räume, dabei geflissentlich den Bannkreis der Katzen meidend, kehrt anschließend zurück und setzt sich vor mich hin, erwartungsvoll die Zunge heraushängen lassend.

„Also Junge“, sage ich, „ich muss jetzt raten was du wollen könntest. Du willst dich mit mir bekannt machen, du hast Hunger, du hast Durst oder du willst Gassi gehen. Hast du irgendwas davon verstanden?“

Er springt auf und lässt den kurzen Schwanz rudern, die Schlappohren zucken hoch und der ganze Hund sieht so lächerlich begeistert aus, dass ich ebenfalls zu grinsen beginne und nach der Leine greife, die Barbara – gottlob! – im Flur deponiert hat.

„Ich tippe mal auf Gassi!“ beschließe ich. „Offensichtlich ist dies ein sehr  verständiger Hund. Ich gehe mal mit ihm. Schätzchen“ – dies gilt dem Lebensabschnittspartner –„ könntest du so gut sein und eben kurz zum Supermarkt springen, Hundefutter kaufen?“

„Was für Hundefutter?“

„Dosen, Schätzchen, so wie für die Katzen, nur größer. Viel größer, würde ich denken und statt einer Katze dürfte ein Hund darauf abgebildet sein!“

Er legt duldsam die Zeitung zusammen und steht auf.

„Du willst wirklich mit diesem Riesenvieh auf die Straße?“

„Selbstverständlich will ich auf die Straße! Gibt’s eine andere Möglichkeit um mit ihm Gassi zu gehen?“

Das Wort „Gassi“ scheint eine Universalvokabel für Hunde darzustellen. Nathan läuft zur Tür und wieder zurück, zur Tür und wieder zurück, zur Tür und...

Er steht zwar bockstill, als ich ihn an die Leine lege, aber kaum ist die Tür offen bekomme ich einen Vorgeschmack welch kräftemäßiger Unterschied sowohl zwischen ihm und einem Zwergpudel als auch zwischen ihm und mir besteht. Ich stehe an der – gottlob – geschlossenen Haustür, bevor ich bis drei zählen kann und habe in dieser Zeitspanne immerhin einen Weg von zwei Etagen abwärts hinter mich gebracht.

„Heh!“ sage ich schnaufend, „damit das klar ist: ich lasse mich nicht von dir durch die Walachei zerren! Mir ist bewusst, dass du vier Beine hast und ich nur zwei, aber ich hoffe sehr, dass du das auch so siehst! Du wirst nicht ziehen! Verstanden? Nicht ziehen!“

„Der Hund wiegt etwa so viel wie du!“ sagt mein Schatz, der, mit dem Einkaufsbeutel bewaffnet, hinter mir auftaucht. „Könnte ein interessantes Match werden!“

„Mal sehen, ob er auch genauso viel Durchsetzungsvermögen hat!“ gebe ich grimmig zurück. „Und einen ähnlich gut entwickelten Selbsterhaltungstrieb!“ Dann packe ich die Leine kurz und wir setzen uns in Bewegung. Fünf äußerst erschöpfende Minuten machen mir klar, dass dieser Hund es offenbar nie gelernt hat, sich einem menschlichen Spaziertrott anzupassen – und dass er eindeutig mehr Kraft und auch mehr Ausdauer hat als ich. Wir bewegen uns im Sturmschritt die Straße entlang, der Hund, an der länger und länger werdenden Leine vorneweg, gleichwohl asthmatisch keuchend, ich, mit weit ausgestrecktem, fast ausgekugeltem Arm und nicht minder schnaufend, hinterdrein, die Leine, zweimal ums Handgelenk gewickelt, eisern festhaltend, meine 1.60 Meter große Person fast im rechten Winkel nach hinten gestemmt um ein Gegengewicht zur unbändigen Kraft des Tieres zu finden. Göttlich.


Die Hasenheide ist ein rund fünfzig Hektar großer Park in Berlin Neukölln, an der Grenze zu Kreuzberg. Der Name des Parks geht auf die Nutzung des Geländes als Hasengehege ab 1678 zurück. Der Große Kurfürst ging hier zur Jagd. Ob er Hasen gejagt hat weiß ich nicht. Am 19. Juni 1811 eröffnete Friedrich Ludwig Jahn hier den ersten Turnplatz in Preußen. Noch heute erinnert das Jahndenkmal am nördlichen Eingang des Parks an den sogenannten Turnvater und daran, dass die deutsche Turnbewegung hier ihren Anfang nahm.

Heute ist dieser Park, der einmal einer der schönsten Berlins war, in erster Linie ein Tummelplatz für Drogendealer...

 

http://www.bz-berlin.de/berlin/neukoelln/hasenheide-nicht-mehr-gefaehrlich-weil-die-polizei-nicht-mehr-kontrolliert

 

Nördlich des Columbiadammes grenzt der Park an das Tempelhofer Feld, das von Ackerland über Paradeplatz, Pferderennbahn, Sportanlage mit Badesee, sowie Flughafen schon so ziemlich alles war.

Heute ist es ein riesengroßer leerer Platz, über den sich weidlich gezankt wird, weil man alle fünf Minuten ein anderes Konzept aus dem Hut holt, um es  dann umgehend wieder zu verwerfen ...

https://de.wikipedia.org/wiki/Tempelhofer_Feld 


Die Hasenheide, normalerweise ein geruhsamer Spazierweg von einer halben Stunde,erreichen wir in der Rekordzeit von nicht einmal 12 Minuten, Nathan nicht im Mindesten schwächelnd, ich kurz vor einem Herzkasper befindlich. An der großen Wiese bleibe ich stehen; es wird dämmrig, nicht eben die beste Zeit um unbeschadet durch diesen verrufenen  Park hindurch zu kommen, aber da sind noch ein paar Gestalten, die ebenfalls ihre Hunde ausführen und außerdem brauche ich, im Gegensatz zu Nathan, dringend eine Pause. Ich sehe Nathan an und er sieht mich an. Und dann hake ich die Leine ab.

Er macht ein paar Schritte, dann bleibt er stehen und schaut zu mir zurück.

„Lauf, Junge“, sage ich. „Geh spielen und hab Spaß. Ich warte hier. Tob dich aus. Du scheinst es dringend nötig zu haben.“

Er setzt sich in Bewegung, zögernd, immer wieder fragend zu mir zurückschauend; dann wird er schneller, gibt mir Gelegenheit eine unnachahmliche, wippende Gangart, die an einen Afghanen erinnert, zu bewundern, verfällt in Galopp - und dann rennt er. Die Wiese ist riesig und er durchquert sie mit der Geschwindigkeit eines Kugelblitzes, rennt mit raumgreifenden, mächtigen Sätzen, erreicht das Ende, biegt nach rechts ohne auch nur abzustoppen und jagt weiter, um die gesamte, große Grünanlage herum, einmal, zweimal, dreimal und ich höre ihn jaulen, Töne ausstoßen, die nur eines zu künden scheinen: Entzücken, Seligkeit, Glück und reinste Freude an einem Leben, dass ihm offenbar soeben neu gegeben wurde.

 Ich stehe in der Dämmerung dieses Maiabends und sehe dieses Geschöpf und seinen unbändigen Ausbruch aus jahrelanger Gefangenschaft, die ihn nicht gebrochen noch gebeugt, nur seine Sehnsucht verschüttet hat, die sich nun auf elementare und wunderschön anzusehende Weise Bahn bricht, in diesem gewaltigen Lauf, der aussieht als wolle er den Himmel stürmen.

Nach einer endlosen Zeit, in der es fast völlig dunkel geworden ist und ich nur noch einen hellen Schatten wahrnehme, rufe ich ihn, reichlich unsicher, ob er folgen wird. Der Schatten verharrt, weit hinten, weit weg von meiner rufenden Stimme, auch weit weg von der Leine, die sein Dasein bislang bestimmt hat und nichts, so fürchte ich, kann ihn zwingen zu mir zurück zu kehren, nichts ihn veranlassen diese neue, kostbare Freiheit wieder aufzugeben, außer – ja was?

Vertrauen? Zuneigung? Gehorsam?

Ich bin ihm fremd, warum sollte er mir vertrauen, mich lieben, mir gehorchen und warum?

Ich warte still und er steht am anderen Ende der Wiese und wartet auch und obgleich wir einander so unbekannt sind, sind wir uns nicht fern, denn den Zauber, den er soeben erfahren hat, konnte ich mit ihm teilen und auch seine Glückseligkeit, die wie ein helles Licht gestrahlt und mich eingehüllt hat. Dies hat ein dünnes Band geschaffen zwischen uns, einen Faden fast nur, aber es ist da und über diesen schmalen Grat schicke ich meine Botschaft zu ihm.

Komm her zu mir. Vertrau mir. Komm zurück.

Der helle Schatten löst sich aus dem Dunkel der Bäume, setzt sich in Bewegung, gewinnt Gestalt, wird ein weißer, atemberaubend schöner Hund, der in königlich-fließender Gangart auf mich zu kommt, wie einer alten keltischen Sage entstiegen, als sei ein Elbenritter in schimmernder und ebenso unwirklicher Rüstung dicht hinter ihm -  ein Königshund.

„Nicht Nathan“, sage ich. „ Du siehst aus wie König Artus’ weißer Jagdhund. Er hieß Cavall.... Dies ist dein Name.

 Cavall....“

Der andere Name scheint auch das Wesen des Hundes zu verändern. Auf dem Rückweg läuft Cavall ohne Leine gemächlich neben mir – nicht weil er erschöpft wäre, denn das ist er nicht – sondern als würde er Rücksicht auf meine Unfähigkeit nehmen, mit ihm Schritt halten zu können, wobei die unbehagliche Tatsache, dass es mittlerweile stockfinster geworden und keine Menschenseele mehr zu erblicken ist, mein Lauftempo durchaus beflügelt. Die Hasenheide hat zwar noch nicht den Ruf des Centralparks, aber es fehlt auch nicht mehr viel. Als der Hund plötzlich stehen bleibt und zu knurren beginnt, fällt mir das Herz in die Hose und ich verfluche meinen Leichtsinn, mich ohne Eskorte hier hineingewagt zu haben.

Aber ich habe eine Eskorte, wie mir ebenso unverzüglich wie unerwartet klar wird.

Cavalls Knurren rutscht um einige Oktaven in den Keller, wird dafür umso lauter und erweckt unweigerlich den Eindruck es käme aus den Tiefen des Hades und sein Verursacher habe mindestens drei Köpfe. Der Hund steht bewegungslos zwischen mir und einem Gesträuch, in dem irgendetwas - oder irgendjemand – sein Missfallen erregt hat, ein Bild finsterster Drohung - und mir wird klar: was immer dort drin steckt – ein Tier ist es nicht. Ein Tier würde ihn nicht so aufregen, er würde es jagen oder ignorieren, aber nicht schützend vor mir stehen bleiben, mit diesen Furcht erregend anzuhörenden Lauten, die aus seiner Kehle kollern und jeden Glaubensabtrünnigen veranlassen würden sich das Vaterunser ins Gedächtnis zurückrufen.

Dieser Hund beschützt mich; mich, die er vor drei Stunden das erste Mal in seinem Leben gesehen hat und die ihm, nach menschlichen Maßstäben, eigentlich nichts bedeuten kann. Aber er kennt keine menschlichen Maßstäbe, er ist nur ein Hund und nach menschlichen Maßstäben steht er in der sozialen Rangordnung himmelweit unter der aller Menschen, die er gleichwohl, wie mir in diesem Augenblick zum erstem Mal wirklich klar wird, beschämt und in die unterste Liga verweist. Denn die Bedrohung für mich, die er dort wahrnimmt, geht vermutlich von einem Menschen aus, also von meiner eigenen hoch entwickelten Art, die auf zwei Beinen laufen, ein Besteck benutzen, die Fingernägel schneiden und Massenvernichtungswaffen herstellen – und auch einsetzen – kann, und vor eben dieser hoch entwickelten Art beschützt mich  diese niedere Lebensform, der man Geist und Seele aberkennt, die den Status einer Sache hat, die man besitzen und über die man verfügen kann, nach Wunsch und Belieben und auch eigener Gut-oder Bösartigkeit.

Wie ehemals über Frauen.

Und wie ehemals über Sklaven.

Ich habe mich selten zuvor meiner Art so geschämt, wie in diesem Augenblick, da meine Unversehrtheit, vielleicht sogar mein Leben, von diesem Geschöpf abhing, dass sich schützend zwischen mich und das Böse gestellt hatte, selbstverständlich und ohne Furcht um das eigene Leben.

„Komm!“ sage ich laut. „Komm weiter. Da ist nichts. (Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif...) Komm, mein Hund. Wir gehen nach Hause.“

 

Im Gebüsch muckst und rührt sich nichts. Entweder ist dort jemand vor Schreck gestorben oder wenigstens zur Salzsäule erstarrt, auf jeden Fall lässt sich Cavall überzeugen, den potentiellen Angreifer neutralisiert zu haben. Er reckt den Kopf triumphierend hoch und wirft – nach wie vor wüst knurrend - mit den Hinterläufen ausreichend Sand hinter sich, um die Pyramiden von Gizeh zuzuschütten.


Damals wohnte ich am Chamissoplatz,  im sog. "Zehlendorfer" Kreuzberg, der sich mittels dieser Bezeichnung vom "Arbeiter"Kreuzberg abzuheben wünschte, der um das Schlesische Tor angesiedelt war, wo fünf Hinterhöfe das Minimum darstellten,  und der nicht über die feinen Gründerzeithäuser verfügte, deren große Wohnungen damals noch spottbillig zu haben waren.

Bis sie saniert wurden und dann richtig fein waren.

Und nicht mehr bezahlbar.

Bild Nr. 1 zeigt "mein" Haus. Ich wohnte im zweiten Stock. In der Mitte ist ein Bild des Kiezmalers Kurt Mühlenhaupt, der um die Ecke wohnte.

Allerdings war der Platz weitaus grüner und malerischer, ebenso wie die Fassaden, die allesamt Balkone hatten, von denen ganze Urwälder herabhingen...


Ich erreiche meinen Hof ohne Müh’ und Not und überfalle den Lebensabschnittspartner – (in Folge und um Zeit, Energie und Papier zu sparen kurz Lap. genannt) - mit einer enthusiastischen Schilderung der beeindruckenden Fähigkeiten und Charaktereigenschaften dieses bemerkenswerten Hundes, was den Lap. allerdings lediglich zu der dämpfenden Bemerkung veranlasst, dass wir höchstwahrscheinlich einen harmlosen Parkpenner zu Tode erschreckt hätten. Und was mir eigentlich einfiele, so endlos lang wegzubleiben, ohne Bescheid zu sagen?

„Bescheid sagen? Wie denn? Da ist weit und breit keine Telefonzelle und außerdem, warum? Du hast doch gewusst wo ich hingehe! Hättest ja hinterher kommen können, wenn du dir solche Sorgen machst!“

„Ich habe mir keine Sorgen gemacht, ich habe mit dem Essen gewartet! Ich hatte Hunger!“

In diesem Augenblick bin ich mehr als bereit den Lap. gegen den Hund einzutauschen, noch dazu, wo weit und breit von einer labenden Mahlzeit nichts zu sehen ist, weil er alles aufgegessen hat - („Du kennst mich doch, wenn ich allein esse, dann lese ich und wenn ich lese, merke ich nicht, was und wie viel ich esse!“) – und weil er meinen aufregenden Schilderungen nur sehr laues Interesse entgegenbringt und vor allem, weil er sich keine Sorgen gemacht hat.

Mein mörderischer Blick und der rapide Temperatursturz entgehen ihm völlig. 

Er deutet auf Cavall.... „Und was ist jetzt mit ihm?“

„Was soll mit ihm sein? Er ist ein toller Bursche!“ Ich kann mich gerade noch zurückhalten, die Betonung allzu sehr auf das erste Wort zu legen, aber es fällt ihm ohnehin nicht auf. „Er kann hier bleiben, bis ein anständiges Zuhause für ihn gefunden wird!“

„Wie bitte? Ich denke, die Rede war von höchstens zwei Tagen!“

„War sie. Aber jetzt bin ich dagegen, dass er durch die Gegend geschoben wird. Er ist mein Beschützer, schon vergessen? Und er kann genauso gut hier bleiben, bis sich was Richtiges findet. Er stört doch hier keinen!“

„Und die Katzen? Und hast du eine Vorstellung, was er dich kosten wird? So eine große Dose kostet eine Mark und neunzig und ich vermute, die wird er gerade mal für eine Vorspeise halten! Ich habe vier Dosen gekauft, also kriege ich erstmal sieben Mark und sechzig von dir!“

„Schreib’s an. Dann muss ich eben sehen, wo ich billiger einkaufe. Außerdem kann man auch für ihn mitkochen, vorausgesetzt natürlich, man frisst nicht alles selber auf, weil man gerade den „Butt“ liest, der offenbar appetitanregend ist! Die Frage ist bloß, worin ich ihm sein Fressen servieren soll, “ und ich schaue mich suchend in der Küche um, in der sich aber lediglich die unabgewaschenen Töpfe von des Lap. Mahlzeit befinden.

„Na dann, “ sage ich rachsüchtig und angle die Töpfe aus dem Waschbecken heraus. „Die werden wohl genau die passende Größe haben. Einen Trinknapf braucht er schließlich auch!“

Unter den ungläubigen Augen des Lap. fülle ich einen Topf mit Wasser und den zweiten mit dem Inhalt einer Dose, setze sie vor den erwartungsvoll wedelnden Hund auf den Boden und sehe befriedigt zu, wie er sich mit gänzlich unköniglicher Gier darüber her macht, dabei schmatzende und schlingende Geräusche von sich gebend, die den Lap. gepeinigt das Gesicht verziehen lassen.

„Und was die Katzen angeht“, und damit beeile ich mich den ersten Einwand zu entkräften, „hat er sich bis jetzt in keiner Weise um sie geschert. Er jagt sie nicht, er frisst sie nicht, sie sind ihm völlig schnuppe.“

„Ja, aber er ist ihnen nicht schnuppe! Luzie traut sich nicht unterm Sessel vor und Musch sitzt auf  dem Schrank und faucht wenn man nur in ihre Nähe kommt!“

„Musch hat Konkurrenz noch nie leiden können. Sie wird sich damit abfinden müssen, denn letzten Endes bin ich diejenige, die entscheidet wer hier rein darf und nicht die Katzen!“

Das unausgesprochene „und du auch nicht!“ hallt so deutlich wie die Freiheitsglocke mittags um zwölf und wird genauso deutlich verstanden. Der Lap. schnappt sich seinen Parka, murmelt anstandshalber etwas von „noch Klausur vorbereiten“ und entschwindet unbetrauert.

Cavall, offenbar satt und zufrieden, wirft sich zu meinen Füßen nieder um einzuschlummern, wobei er schnarchenderweise ganze Regenwälder abholzt und, noch weitaus weniger zufrieden stellend, seinem Verdauungstrakt außerordentlich deftige Gase, von ungeheuerlicher Geruchsintensität, entweichen lässt, die mich zum Fenster stürzen lassen um Frischluft einzufächeln.

„Nahrungsumstellung“, denke ich begütigend, „wird sich wieder legen.“ Dennoch – und auch um den Katzen nicht noch mehr Frust zuzumuten – verbanne ich ihn zur Nachtzeit aus dem Schlafzimmer, was er gehorsam akzeptiert. Er bleibt in der Tür stehen und als ich ihn der Schwelle verweise, rollt er sich friedlich auf dem Teppich zusammen, mich meinen Katzen und meinem Schlaf überlassend.

Morgens finde ich ihn auf dem Sofa thronend vor, etwas herausfordernd blickend und zwischen den Pfoten ein Dessous  von mir, das er sich offenbar aus dem Wäschekorb geangelt hat, vermutlich um seine Einsamkeit, mittels anregender Düfte, erträglicher zu gestalten.

Zum morgendlichen Gassigehen verstaue ich ihn kurzerhand im Autobianchi, was diesen gefährlich überlädt und mich wünschen lässt, mir einen Geländewagen leisten zu können, umso mehr, als ich, nach einem Zwischenstopp beim Bäcker, rückkehrend feststellen muss, dass sich der Wagen kurz vor dem Umkippen befindet, weil Cavall es offenkundig rigoros ablehnt allein gelassen zu werden und in dem winzigen Automobil tobt wie ein Irrer. Beklommen denke ich an bevorstehende Seminarbesuche und die ziemlich geringe Aussicht den Hund in einen Vorlesungssaal schmuggeln zu können. Offenbar ist er nie allein gewesen und sieht nicht ein, weshalb er jetzt damit anfangen sollte, was die Möglichkeit, mein ungebundenes Leben ungehindert weiterführen zu können zumindest für den Augenblick in Frage stellt. Mir wird klar, dass ein Hund eine gänzlich andere Verantwortung darstellt als zwei Katzen, die man getrost ein paar Stunden allein lassen kann. Zumindest dieser Hund beharrt mit Nachdruck darauf in meiner Nähe bleiben zu wollen, was mich meinen künftigen Aktionsradius kritisch überdenken lässt.

Universität? Babysitter suchen oder streichen.

Arztbesuche? Streichen.

Freunde besuchen? Nur mit Hund.

Kino? Streichen.

Kaufhaus? Streichen. Kein Verlust, hab ohnehin kein Geld.

Kneipen? Genehmigt. Da kann er mitkommen, was mich einigermaßen erleichtert, weil ich für einen grausigen Moment die Vision eines von der Außenwelt abgeschnittenen Eremiten hatte, dem außer Gassigehen keinerlei soziale Kontakte mehr erlaubt sind, weil er sich ausschließlich auf seinen Wohnkonkon beschränkt sieht, einen schnarchenden und wohlig furzenden Vierbeiner zu Füßen, dessen Kommunikation sich allerdings im Rahmen eingeengter und möglicherweise nicht ausreichend befriedigender Parameter bewegt.

Was die sozialen Kontakte angeht, so offenbaren sich allerdings bislang gänzlich unbekannte Möglichkeiten. Am frühen Vormittag eines sonnigen Maisonntags ist die Hasenheide mit Hunden und Hundebesitzern nahezu übervölkert, was interessante Aussichten eröffnet. Mit niemandem kommt man so leicht ins Gespräch wie mit Hundefreunden und hat man ein so kapitales Exemplar wie Cavall bei Fuß, der weit und breit nicht seinesgleichen hat, ist die Schwierigkeit eher die, ein paar Schritte voran zu kommen, als die, einen netten Plausch zu halten. Ein durchaus ermutigend beginnender Flirt mit dem  schmucken Besitzer einer ebenfalls schmucken aber durchaus nicht zugänglichen Pointerhündin wird allerdings im Keim von eben dieser Hundedame erstickt, die unmissverständlich klarmacht, dass sie nicht daran denkt in ihrem Revier noch andere Bajaderen bellen zu lassen und drauf und dran ist mich anzufallen. Cavall, der höchst interessiert an ihrer Heckseite zu schnuppern versucht wird ohne Pardon weg gebissen, was allerdings nur den Verlust einiger dicker weißer Locken zur Folge hat.

Eingeschüchtert und lebhaft bedauernd ziehen wir davon.

Der abendliche Besuch in meiner Stammkneipe wird ebenfalls stressig.

Der Lap. sitzt maulend da und lässt eine trübselige Nase ins Pilsener hängen, die Freunde bestaunen mein Schaf und finden die Idee sich einen Hund zuzulegen überaus skurril -  was eine freundliche Metapher  für meschugge ist – der Barkeeper hält ein wachsames Auge auf  „das Vieh“ und gibt mir brummend zu verstehen, dass er eine Reviermarkierung in seinem Laden nicht zu tolerieren gedächte, während Cavall den Aufenthalt in diesem Etablissement für extrem unergiebig und langweilig hält, welchen Zustand er durch anhaltende Exkursionen – vor allem hinaus auf die Straße – zu beleben versucht. Jegliches Gespräch, selbst der dümmlichste Small Talk, kommt zum Erliegen, weil ich im Dreiminuten-Takt vom Sitz hoch- und dem unternehmungslustigen Pudel hinterher springen muss. Gesittet unter dem Tisch zu liegen lehnt dieses Tier offensichtlich ab und da ein Anbinden am Tischbein lediglich umstürzende Bierseidel und fluchende Kumpel zur Folge haben, weil Cavall diese Einschränkung seiner gerade neugewonnenen Mobilität  offenbar nur als Herausforderung, nicht aber als Behinderung betrachtet und massives, wenn auch wenig geheimnisumwittertes, Tischerücken in Gang setzt, ist der Abend nicht unbedingt, und wenn überhaupt, wohl nur mit den Augen des Hundes als Erfolg zu betrachten.

Beim Heimgehen mache ich mir erstmalig klar, dass ein Hund eine ebenso große Lebensumstellung bewirken kann wie ein Baby und dass ich möglicherweise weder für den einen - und  für das andere schon gar nicht -  derzeitig zu sorgen in der Lage bin.

Es macht mich traurig. Zwei Tage und ich habe mich komplett an diesen Burschen gewöhnt, ihn sogar lieb gewonnen, sodass der Gedanke an ein Leben ohne ihn mir Missvergnügen bereitet.

 

Dennoch wird, wie so häufig, mein Verstand über das Gefühl obsiegen.

Am darauf folgenden Wochenende beschloss ich, dem Hund ein besonderes Vergnügen zu gönnen: einen Ausflug zum Grunewaldsee, mit der Option des Badens in demselben. Das Wissen, dass eine solche Exkursion nicht unbedingt gleichbedeutend mit einem österlichen Sonntagsspaziergang ist, und dass man dem bekleidungsmäßig Rechnung tragen sollte, war mir zu dieser Zeit noch nicht zugänglich. Ich machte mich fein, nicht zuletzt eingedenk der Lehre meiner Großmutter, dass man schließlich nie wissen könne, wer einem über den Weg liefe – „und der erste Eindruck ist immer der Wichtigste, glaub mir!“

Und allzu häufig der falsche.

Auch dies eine Erkenntnis, die erst später kam.

 

Der wadenlange, weinrote Spitzenrock mit gleichfarbigem, großzügig dekolletiertem T-Shirt stellte einen überaus sehenswerten Gegensatz zum weizenblonden Haarschopf dar, der noch von dem des weißen Königspudels auf das grandioseste übertrumpft wurde – und mit rosengeziertem Florentiner auf dem lockigen Haupt, eine lilienweiße Hand zart auf der Haarkrone des Pudels ruhend, die andere ein Veichenbukett haltend, den Blick seelenvoll auf das väterliche Schloss in der Ferne gerichtet, hätten wir ohne weiteres für einen Gainsborough posieren können.

(Sollte jemandem die Figur rechts außen auffallen - ich hab sie reingemalt. Samt Pudel. Anstelle eines Jägers mit angelegter Flinte. Ansonsten stammt das Bild von  1788 und Johann Friedrich Nagel und zeigt das Jagdschloss von Norden her) 

Der Effekt war durchaus beabsichtigt und blieb auch nicht unbemerkt, kulminierend in der Frage zweier GIs, die mir am Nordende des Sees entgegenkamen und mich verblüfft ansahen: „Are you a Princess?“ was ich in bestem Liverpool bestätigte: „Yeah!“

Dass ich anschließend mit meinen safrangelben Wildleder Sandalettchen in eine Wildschweinkuhle trat und fortan, zumindest bis zu den Knöcheln, eher Aschenputtel als Cinderella glich, schmälerte meine Hochstimmung schon um einiges – als sich Cavall allerdings in eine Dalmatiner Hündin verguckte war es endgültig vorbei mit den prinzlichen Attitüden. 

 

Der Hund verliebte sich Knall und Fall, verlor Gehör und Gefolgschaftstreue und sauste seiner Lady hinterdrein, mitten hinein in den See und in sein  Verderben. Denn die Angebetete hatte bereits einen Verehrer – und dieser spielte in der Oberliga. Gegen die dänische Dogge die sich urplötzlich und unmissverständlich vor ihm aufbaute wirkte er wie ein Lotsenschiff gegen einen Supertanker – ein kleines, wolliges, unbedarftes  Schaf gegen gewaltige – und vor allem zurückgezogene - Lefzen, die ein ungeheuerliches Gebiss sehen ließen. Wenn Liebe blind macht, dann traf dies mit Sicherheit in diesem Augenblick auf Cavall zu; entweder realisierte er das Schwergewicht seines Rivalen nicht, oder die Dame war ihm jedes Risiko wert – auch das des eigenen, voraussehbaren Unterganges. Möglicherweise überschätzte er auch einfach seine Fähigkeiten – wie auch immer, als ich, mit schweren, weil bemodderten, Füßen am Kriegsschauplatz erschien, hatte ich gerade noch das zweifelhafte Vergnügen mit ansehen zu dürfen, wie der idiotische Hund die Dogge ansprang – die ihn im nächsten Augenblick am Hals gepackt hatte und fachmännisch unter Wasser drückte.  

Mich blindlings – und ähnlich lebensmüde wie mein Hund - in den See stürzend, konnte ich dennoch aus den Augenwinkeln eine Gestalt wahrnehmen, die in die nämliche Richtung hechtete – und gottlob die Dogge vor mir erreichte. Er, staturmäßig seinem Hund durchaus ebenbürtig, griff fachkundig zu, packte den Rüden am Genick, stemmte ihn mit der Leichtigkeit eines Fünfkämpfers in die Höhe und schüttelte ihn derbe durch, was Cavall, der japsend aber ungebrochen an die Oberfläche kam, für eine prachtvolle Chance hielt, den Siegeslorbeer doch noch zu erringen, indem er dem wehrlosen Gegner an die einladend dargebotene Kehle fahren wollte. Der Doggenbesitzer brüllte auf das unliebenswürdigste „nehm’ Se Ihre blöde Töle weg, oder ick lass meinen wieder los!!“ und ich warf mich auf Cavall, ihn am, gottlob gleich greifbaren, Halsband zurückreißend.

Statt meinen Wagemut zu begrüßen bedachte mich mein Kontrahent, sichtlich um Beherrschung ringend, mit den unfreundlichsten Blicken, was in mir den Verdacht aufkommen ließ, dass sich mein Äußeres von dem einer Goldmarie in das der Pechmarie gewandelt haben dürfte, so wenig Bewunderung war in seinen wütenden Augen zu lesen.

In jeder Hollywood-Komödie wäre die Geschichte, nach langen, urkomischen Verwicklungen, irgendwann zum Happy End gereift; aber im Verlauf meines Lebens musste ich leider die Erfahrung machen, dass selbst die filmreifsten Situationen äußerst selten wünschenswerte, weil positive, Endungen bereit halten. Vor allem seit ich Mutter bin stelle ich mit Betrübnis und dem nagenden Gefühl vollständigen Versagens, krasseste Diskrepanzen zwischen der Einsichtsbereitschaft meiner eigenen Tochter und der von Fernseh-Teenagern der 45 - Minuten - Nachmittags-Serien fest, wobei ich ohne weiteres die Möglichkeit einräumen will, mit den Müttern besagter Serien auch nur höchst periphere Ähnlichkeiten aufzuweisen.

 

Aber welches auch immer die Gründe waren: der Doggenbesitzer trieb seinen  Hund aus dem Teich und verschwand, mich mit meinem triefenden, aber gänzlich unbußfertigen Pudel bis an die Knie im brackigen Seewasser stehen lassend. Und ich sah ihn natürlich nie wieder, mal ganz abgesehen davon, dass ich in diesem Augenblick auch nicht den geringsten Wert darauf legte.

Ich watete aus dem Tümpel, Cavall hinter mir herschleifend, die Sandalen ruiniert, den Spitzenrock höchst unvorteilhaft an den Oberschenkeln klebend, die Frisur nass und strähnig, die Gainsborough-Idylle zerplatzt; und hätte ich einen Florentiner-Hut aufgehabt, so wäre er höchstwahrscheinlich bereits ins Schilf abgetrieben und nur noch als Plattform für Frosch-Konzerte geeignet gewesen.

Insofern konnte ich es als Pluspunkt ansehen erst gar keinen getragen zu haben.

„Das, “ sage ich zu dem Hund, „habe ich keinesfalls gemeint, als ich sagte, du könntest hier baden! Was fällt dir ein, du schwachsinniges Vieh, dich mit diesem Herkules anzulegen? Bist du lebensüberdrüssig oder was?“

Cavall, von meinem Griff befreit, schüttelt sich ausgiebig, was dazu führt, dass auch noch der letzte trockene Faden an meinem bewundernswerten Outfit in Mitleidenschaft gezogen wird, bellt mich kurz und unüberhörbar  missgelaunt an, um sich dann, wohl um das Fass endgültig zum Überlaufen zu bringen, auf einen des Weges kommenden Dackel zu stürzen. Der Dackel schreit wie am Spieß und flüchtet zu seinem ebenfalls kreischenden Frauchen, welcher Weg in die Wildschweinkuhle führt, wo Cavall ihn zu fassen bekommt. Allerdings bekomme ich zeitgleich Cavall zu fassen, erfüllt von nahezu Zeus’schem Ingrimm, der nunmehr ungebremst über den Übeltäter hereinbricht.

Ich reiße ihn heftig von dem Dackel weg, welcher Schwung ihn auf dem Rücken landen lässt und bevor er wieder hochkommen kann, stehe ich über ihm, packe ihn an der Kehle und drücke ihn in den Schlamm, dabei wüst auf ihn einschimpfend.

Dann stehe ich auf und ich bin sicher, dass es niemandem in den Sinn käme mich zu fragen, ob ich aus königlichem Hause sei.

Eliza Doolittle in all her glories.

 

Nicht mehr Gainsborough sondern Zille.

„Und jetzt mein Bester, “ teile ich mit, „ wirst du den Rest dieses genussreichen Spazierganges absolut vorbildlich absolvieren und solltest du es wagen auch nur... ach Quatsch! Bei Fuß! Sofort!!“

Cavall kommt hoch, schüttelt sich erneut, worauf sich nun auch schwarzer Wildschwein-Schlamm duftend und zierend an meine Bekleidung heftet, und akzeptiert mein Kommando; er bleibt den Rest des Weges neben mir, von einem weißen Schaf zu einem schwarzen Schaf mutiert, begleitet von einer Dame, deren äußere Erscheinung und finsterster Gesichtsausdruck vermuten lassen, dass sie in einem Schlammringerinnenwettbewerb gekämpft und alle Runden verloren hat.

Wir sehen beide aus wie die Schweine und riechen genauso, der Autobianchi sieht, nachdem Cavall ihn bestiegen hat, aus wie der dazu passende Stall und riecht nicht besser und alles was ich brauche ist ein Badezimmer, dieses allerdings dringend.

Ich habe aber keines.

Ich habe eine nette, große, billige Altbauwohnung ohne Badezimmer. 

Schauen Sie nicht so ungläubig drein, so was gibt es auch heute noch, selbst die profitgierigsten Unternehmer konnten noch nicht alle diese Wohnungen sanieren um sie mit verfünffachter Miete auf den Markt zu werfen.

Ich habe kein Bad, aber der Lap. hat eines, also steuere ich diesen rettenden Hafen an, betend, er möge nicht von einer Eisenkette versperrt und der Hafenmeister anwesend sowie in nachgiebiger Stimmung sein.

Der Lap. ist anwesend, aber er macht keine Anstalten, die Tür freizugeben und uns hineinzulassen, was ich ihm zwar nicht verdenken aber auch nicht hinnehmen kann.

„Ich brauche eine Badewanne!“ erkläre ich ihm.

„Nein wirklich?!“

„Ich habe keine!“

„Du willst doch nicht etwa...also, du hast doch wohl nicht vor...?!“

„Doch!“ sage ich. „Schätzchen, ich habe keine Wahl, das siehst du doch wohl! Der Hund muss gebadet werden und ich kriege ihn nicht allein in die Wanne. Du musst mir helfen!“

„Wie wäre es einem Besuch in der Spree? Da hast du das Problem nicht!“

„Schätzchen!“ sage ich drohend, „jede Sekunde die dieser Hund hier ungebadet verbringt, tropft eine Unmenge Schlamm und Dreck von ihm herunter in den Treppenflur, was deine Hauswartsfrau  nicht begeistern wird, wie ich sie kenne. Und da sie aus dem Fenster gelugt hat als ich ankam, wird sie nicht mehr lange brauchen um hier aufzutauchen und dir die Hölle heiß zu machen. Also lass’ uns rein und ich verpflichte mich die Dreckpfützen wegzuputzen!“

Er gibt grummelnd die Tür frei und uns die Gelegenheit, das Problem vom Hausflur in seine Wohnung zu verlagern. Cavalls Pfotenabdrücke, vereint mit der Spur meiner Schlammsandalen, zieren den gesamten Weg vom Eingang hin zum Badezimmer, mit einem Umweg durch die Küche, zu der es ihn magisch zieht, weil der Lap. gerade einen Topf Spagetti mit dazugehöriger Hackfleischsoße auf dem Feuer hat.

„Sehr gut“, denke ich, „Stärkung für nachher!“ und zerre den Hund zielstrebig in die sauber geschrubbte Nasszelle.

„Ich vorne, du hinten!“ ordne ich an und hieve den verblüfften Pudel bugwärts in die Wanne, während der Lap. mit einer Miene entsagungsvollen Widerwillens das Heck hinterher schiebt, wonach sein Outfit dem meinen etwas ähnlicher geworden ist.

Cavall kooperiert solange, bis die Brause in Aktion tritt und ihn der erste Wasserstrahl trifft. Danach kämpft er um sein Leben oder zumindest um die Freiheit eines Christenhundes, der seinen derzeitigen äußeren Zustand in keiner Weise für bemängelnswert hält und über die Beibehaltung desselben nicht zu diskutieren wünscht. Ich diskutiere allerdings auch nicht, sondern halte ihn mit einer Hand eisern fest, während ich mit der anderen die Segnungen der Zivilisation, bestehend in Wasser aus der Wand, auf das reichlichste über ihn regnen lasse. Schlammige Lachen rinnen in den Abfluss, allerdings auch auf die Fliesen, fassungslos beäugt von meinem Lap., den zu besänftigen ich auf jeden Fall später noch Zeit finden muss, vorausgesetzt ich gewinne den Kampf mit dem ungehaltenen Pudel, dessen Fell sich mittlerweile von schwarz zu mittelgrau gewandelt hat, wofür er mir allerdings keinen Dank weiß und wobei der Lap. auch keine wesentliche Hilfe darstellt.

„Shampoo!“ keuche ich und: „Schäume ihn ein, oder halte ihn fest, ich kann nicht beides!“

Und er: „Warum gehst du nicht auch mit rein? Du hast es mindestens genauso nötig und vielleicht gibt er dann Ruhe! Was habt ihr überhaupt angestellt, um derartig desolat auszusehen? Warst du im Teufelsmoor mit ihm?“

„Grunewaldsee!“ zische ich. „Anderer Hund. Dogge. Verdammt groß. Wollte ihn ersäufen. Musste ihn retten – halt ihn fest! Festhalten! Hat sich dann in einem Wildschweinloch gesuhlt – du sollst ihn festhalten! Halt ihn“ – und damit ist Cavall aus der Wanne und rennt, sich wild  und ausgiebig schüttelnd durch die ganze Wohnung, weil keiner von uns zuvor genug Voraussicht gehabt hatte, sämtliche Türen zu schließen. Der Hund ist zwar bedeutend sauberer als vorher aber nichtsdestoweniger klatschnass und als wir ihn erreichen liegt er im, sorgsam von einer Patchwork-Tagesdecke bedeckten, Bett um sich dortselbst trockenzuwälzen.

Als Barbaras Anruf kommt habe ich eine ziemlich einsame Woche hinter mir. Der Lap. hat mir Hausverbot erteilt, zumindest für den Fall, dass ich es erwägen sollte „dieses Hundevieh“ mitzubringen. Die Kneipenbesuche habe ich aufgegeben, die Uni seit zwei Wochen nicht mehr von innen betrachtet. Soziale Kontakte finden ausschließlich in der Hasenheide auf der Hundewiese statt und da es seit Tagen regnet wie aus Eimern ist auch dieses Vergnügen ziemlich reduziert, zumindest was mich angeht; dem Hund macht das Sauwetter natürlich nicht das Geringste aus.

Man hätte, angesichts dieser deprimierenden Umstände, annehmen sollen, Barbaras Mitteilung sie wüsste einen Platz für Cavall, würde größere Freude bewirken, aber das Gegenteil ist der Fall. Ich bin ganz Misstrauen und Abneigung.

„Wer? Wo? Und warum?“ will ich wissen.

„Ein Antiquitätenhändler. Ganz in der Nähe, in der Bergmannstraße.“

„In der Bergmannstraße gibt es keine Antiquitäten. Da gibt’s nur Trödel. Und was soll der Hund hier in Kreuzberg? Das ist so ziemlich die mieseste Gegend für Hunde. Da kann er auch bei mir bleiben!“

„Sein Laden hat Edeltrödel. Seine Frau hat die Antiquitäten in der Keithstraße, am Tauentzien. Und sie wohnen im Grunewald, an der Königsallee. Beste Adresse.“

„Quatsch! Die Königsallee ist eine Piste für alles was die Herbstjagd überlebt hat und dann da überfahren wird. Eine Klasse-Alternative zum Avusrennen, weiter nichts!“

Barbara wird sauer.

„Ja sag’ mal spinnst du denn? Ich rede hier von einem Haus mit Garten, von Leuten, die mehr Geld haben als wir beide wahrscheinlich je sehen werden und die außerdem richtige Hundefans sind! Die haben keine Kinder, die hatten einen Königspudel, der gerade gestorben ist und jetzt sind sie am Boden zerstört, aber sie wollen auch nicht losgehen und einfach einen Neuen kaufen, weil sie noch so trauern. Wenn die den Nathan sehen fahren die bestimmt auf ihn ab und sie werden ihn hätscheln und tätscheln dass es eine Art hat, besser kann er es doch gar nicht treffen, also wirklich!“

„Na ja, “ sage ich kleinlaut. „ Ich kann ja mal hingehen und mir die Sache ansehen. Schaden wird es nichts.“

Sie stimmt mir energisch zu und nennt mir die Adresse; dennoch kann ich mich erst nach zwei Tagen aufraffen dort hin zu gehen.

Der Laden, den ich von außen misstrauisch beäuge, befindet sich ziemlich vorne an der Bergmannstraße, nahe dem Mehringdamm und ist ein Kellergeschäft, zu dem mehrere Stufen hinunterführen. Innen sitzt ein dicklicher Mann mittleren Alters an einem mächtigen Schreibtisch – so ziemlich die einzige Antiquität im Laden – und schaut auf als ich herunterkomme. Dann erblickt er Cavall hinter mir und sieht aus, als wolle er im nächsten Augenblick einen Satz über das antike Möbel hinweg machen.

„Oh nein!“ haucht er. „ Ist der schön!“

Er hockt sich zu ihm, was in der Wirkung einem Kniefall vor einem Weihealtar ähnelt, während Cavall, gänzlich unempfänglich für anbetende Huldigung, einen interessierten Streifzug durch den Laden unternimmt.

„Gehört er Ihnen? Wo haben Sie ihn her?“ Er stellt seine Fragen ohne mich auch nur anzusehen, so hypnotisiert folgen seine Blicke dem Hund. Offenbar hat er keine Ahnung, dass Cavall ihm zugedacht ist, was mich überlegen lässt woher Barbara ihre Informationen bezogen hat. Nachbarschaftsgetratsche höchstwahrscheinlich.

Ich kläre ihn über Cavalls Schicksal auf und nunmehr richtet er verklärte Blicke auf mich, dabei dennoch offen lassend, ob er mich überhaupt wahrnimmt.

„Was wollen Sie für ihn haben? Ich werde nicht handeln! Was, “ fügt er hinzu, „ ich sonst immer tue!“

„Er hat keinen Preis,“ erkläre ich edel, wobei mich flüchtig die Überlegung streift, wie die Reinigung des Bianchis, der Wohnung des Lap., inklusive des Treppenaufganges, der Verlust seiner Gunst, sowie der safrangelben Wildledersandalettchen pekuniär zu Buche schlagen sollten. Mein Gegenüber könnte es mir wahrscheinlich bis auf den letzten Heller ausrechnen, denn er sieht aus, als hätte er keine Pupillen mehr, sondern zwei Dollarzeichen in den Augen.

„Alles hat einen Preis!“ behauptet er. „Oder habe ich Sie missverstanden? Sie verkaufen ihn nicht?“

Er versteht mich wirklich nicht.

„Ich verkaufe ihn nicht“, sage ich. „ich suche ein Zuhause für ihn und das hat nichts mit Geld zu tun. Ich will dass er ein warmes Nest hat, das beste das ich für ihn finden kann. Wenn Sie Geld loswerden wollen dann geben Sie es dem Katzenverein, die haben ihn schließlich gerettet und können Spenden gebrauchen. Mich müssen Sie nicht bezahlen. Mich müssen Sie nur überzeugen.“

Da sieht er mich endlich an. Und offenbar bringt das was er sieht, die Dollarzeichen in seinen Augen zum Verschwinden, macht Ratlosigkeit Platz, Unsicherheit, aber auch Kummer. Er bewegt sich schwerfällig zu seinem Platz hinter dem Schreibtisch zurück und faltet tatsächlich die Hände.

„Wir hatten einen Pudel“, sagt er schließlich. „Einen schwarzen. Nicht so groß wie er hier, aber auch wunderschön. Er hieß Anton. Elf Jahre ist er geworden. Wir haben ihn mit acht Wochen bekommen und er war unser Kind. Vor vier Wochen mussten wir ihn erlösen, er hatte Krebs im Endstadium. Er liegt in unserem Garten. Wir haben schon daran gedacht uns einen Neuen zuzulegen, aber irgendwie waren wir uns einig, dass wir nicht losgehen und einfach einen kaufen können. Wir dachten, dass vielleicht einfach einer kommen wird. Dass Anton uns einen zuführen wird. Und als Sie eben mit ihm hereinkamen, habe ich genau das gedacht. Dass unser Anton ihn hergebracht hat.“

Das klingt irgendwie völlig verrückt, aber ich habe nicht den Eindruck, dass er mir etwas vormacht. Er meint was er sagt und es gefällt mir jedenfalls bei weitem besser als alles, was er vorher von sich gegeben hat.

„Und Ihre Frau?“ frage ich. „Ich muss auch mit ihr reden.“

„Das können Sie gleich, jetzt, sofort tun!“ Er überschlägt sich fast.

„Ich rufe sie sofort an und wenn Sie wollen mache ich den Laden hier dicht und wir fahren gleich zu ihr. Sie ist im Geschäft in der Keithstraße!“

Ich beschließe die Gattin allein aufzusuchen und verfrachte Cavall in den, notdürftig gesäuberten, aber immer noch etwas feuchten Bianchi.

Das Geschäft in der Keithstraße beherbergt tatsächlich Antiquitäten und zwar von der Sorte, nach denen ich mir alle zehn Finger schlecken würde, würden sie preislich nicht mein Limit um ein vielfaches übersteigen.

Die Inhaberin steht bereits in der Tür und hält nach mir, oder vielmehr nach dem Hund, Ausschau, nichts als Edelklamotten, gelungenes Make up und trippelnde Erwartung. Ich darf auf einem zierlichen Regency-Mahagoni-Stühlchen Platz nehmen, einen Kaffee schlürfen, an exquisiten Gebäckröllchen – garantiert im KaDeWe erstanden - knabbern, die ich, weil mich der Hunger überkommt, samt und sonders aufesse, und einen wohlerzogenen Small Talk hinlegen, während die Blicke der Dame, ähnlich wie die ihres Mannes, nahezu ausschließlich dem Hund folgen, der wiederum auf das genaueste seine Umgebung in Augenschein nimmt.

Meine Gastgeberin legt ihre gesamten persönlichen Verhältnisse offen dar: das Haus; der Garten; der Wald; der See (ich zucke leicht); beste Verpflegung, alles selbst gekocht; ständige Gesellschaft, er wäre immer und überall dabei, entweder in dem einen oder dem anderen Geschäft; hervorragende tierärztliche Betreuung.

„Und natürlich werde ich umgehend den Urlaub stornieren; wir wollten nach New York, aber das hätte sich natürlich sofort erledigt, wenn.... dann ist unser Ferienhaus auf Sylt angesagt, am Hundestrand, da hat sich Anton immer wunderbar wohl gefühlt, den ganzen Tag toben und baden - (oh ja baden, aber haltet ihn von Doggen, Damen und Saukuhlen fern!) – wirklich, wir werden alles tun, damit es ihm gut geht, wissen Sie, es ist doch wirklich wie ein Wink des Schicksals, ich bin mir sicher, da hat Anton seine Pfote im Spiel, ich habe wirklich das Gefühl dass dieser Hund zu uns gehört, ja ganz bestimmt und Sie können ihn besuchen, wann Sie wollen, immer, wirklich!“

Wirklich.

Wirklich?

Sie hält ihm die Hand hin, die er freundlich beschnüffelt, dann kommt er zu mir und lässt sich zu meinen Füßen nieder und mir schießen die Tränen in die Augen.

Wo ist sein Platz?

Wo gehört er hin?

Und wo will er sein?

Wäre dies nicht nur eine rhetorische Frage, dann hätte er sie wohl soeben klar beantwortet und jede weitere Entscheidungsfindung überflüssig gemacht.

Aber er hat keine Wahl und auch keine Freiheit der Entscheidung. Ich werde darüber bestimmen, was gut ist, sowohl für ihn als auch für mich und wir werden dann beide damit leben müssen. Der Unterschied zwischen uns besteht nur darin, dass ich mir erklären kann was ich tue und warum, was geschieht und warum es geschieht. Er kann es nicht.

 

Er wird nur wissen, dass ich ihn verlassen habe.

 

Vier Tage später brachte ich ihn endgültig in sein neues Zuhause, nachdem wir täglich, entweder bei dem einen oder anderen, Besuch gemacht und gemeinsame Spaziergänge unternommen hatten. Dies war meine Bedingung gewesen.

Ich brachte ihn in die Keithstraße, wo er mit großem Zeremoniell empfangen wurde. Freunde und Bekannte waren angetreten, ein Büfett aufgebaut, auf dem sich fast ausschließlich Hundeleckereien befanden, die Dame des Hauses im Grünseidenen und freudig bewegt.

Ich wollte es kurz machen, denn es war alles gesagt und geklärt worden und schließlich verschwand ich ja nicht in den Weiten des Weltraumes, sondern war nötigenfalls jederzeit erreichbar. Also schüttete ich einen Anstandskaffee hinunter, sah dass Cavall mit drei Damen, die ihn mit Fleischbällchen bewirteten, gleichzeitig flirtete und hielt das für den besten Augenblick um zu verschwinden.

An der Tür holte er mich ein; und einen Herzschlag lang war ich drauf und dran diese Tür aufzureißen und mit ihm Hals über Kopf das Weite zu suchen.

Ich sah ihn an und er mich und seine Augen waren nichts als Fragen und Verwirrung und ergebene Liebe und ich hockte mich zu ihm, die Lippe zwischen den Zähnen, umarmte seinen schönen Kopf und sagte ihm, dass er bleiben müsse. Im Laden war es so still geworden, dass ich verschwommen das kurze Schluchzen einer offenbar weichen Seele vernehmen konnte und den Satz: „Mein Gott, das ist ja furchtbar!“ dann kam seine Besitzerin, kniete neben ihm nieder und sagte: „Bleib bei mir! Ich hab’ dich doch so gerne!“ und ich stand auf, strich ihm noch einmal über die Schlappohren und sagte: „Mach’s gut, mein Hund.“

Dann ging ich durch die Tür und auf die Straße und ließ ihn hinter mir zurück.

In den folgenden Jahren habe ich ihn ab und an besucht, mich überzeugt, dass es ihm bestens ging. Manchmal sah ich ihn im Vorbeifahren vor dem Laden in der Bergmannstraße sitzen, ein höchst dekorativer Blickfang, der wahrscheinlich auch einen Kundenfang darstellte.

Man nannte ihn wieder Nathan, was sicherlich ganz in Ordnung war.

Cavall war er nur für mich gewesen.

Manchmal holte ich ihn auch zu einem Spaziergang rund um den Grunewaldsee, ohne allerdings jemals wieder auf die Dogge zu treffen. Wir erlebten nie wieder ein Abenteuer miteinander, aber unsere seltenen Spaziergänge waren immer erfüllt von Freude und sehnsüchtiger Liebe. Und noch immer wurde er bewundert, wo er auch auftauchte.

 

Das ist jetzt fast vierzig Jahre her.

Nathan ist längst über die Regenbogenbrücke gegangen und hat Cavall mit sich genommen, nach einem langen und sicherlich guten Leben, an dem ich nur drei Wochen teil hatte.

Dass diese drei Wochen bis heute so lebendig in meinem Gedächtnis geblieben sind, zeigt wohl, was für ein Hund er war, dieser, mein erster Hund.

 

 

Die Ewigkeit bewahrt nur die Liebe, weil sie von gleicher Natur ist.
Khalil Gibran