Das Buch und seine Geschichten...

Über Hunde und Menschen und die Macht der Liebe

Lise Löwenherz und Sisi Sandnase


 Kinderjahre...

Lise kam 1994 sehr wahrscheinlich über den sogenannten Polenmarkt an der Deutsch-Polnischen Grenze nach Berlin, wo man nach der Wende nicht nur überaus günstig jede Menge Gebrauchsgüter sondern auch Rassehunde erwerben konnte, die reißenden Absatz fanden, da sie nicht einmal die Hälfte von dem kosteten, was ein seriöser Züchter verlangen würde. Unter welchen Umständen die Mütter dieser Welpen gehalten wurden und was mit den Tieren geschah, die man nicht los wurde, ganz zu schweigen davon, dass keiner dieser Welpen auch nur ansatzweise sozialisiert oder ausreichend entwöhnt war, daran dachte damals kaum jemand. 

Lises hier erzählte Vorgeschichte ist fiktiv; aber man kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen dass sie sich so oder so ähnlich abgespielt haben muss ...


„Ach du grüne Minna!“ Die Tierpflegerin, soeben damit beschäftigt unter ohrenbetäubendem Gekläffe die Zwinger mit dem Schlauch unter Wasser zu setzen, starrt in den Karton, den ihr einer der Lehrlinge unter die Nase hält. „Stand vor’m Tor“, erklärt der Junge. „Wäre fast dran vorbei, wenn’s nicht jepiepst hätte. Dachte erst s’wär `ne Ratte. Is’ aber keene. Is’n Hund, bloß `n janz Kleener.“ „Das is’n Welpe!“ stellt die Pflegerin fest, als würde es sich hierbei um etwas anderes als einen Hund handeln. „Verdammte Saubande!“ knurrt sie und starrt weiter in den Karton. „Der is’ keene vier Wochen alt, viel zu kleen um durch zu kommen! Da hätt’n  sen ooch gleich ersäufen könn’!“

„Wat?!“

Der Lehrling zieht den Karton zurück, als befürchte er, die Pflegerin könne diesem Wunsch mit ihrem Schlauch Taten folgen lassen.

 „Wir ham’ doch schon janz andere durchjekriegt! Selbst wenn se noch nich selber fressen konnten! Dann müssen wa eben wieder mit der Flasche ran! Is doch keen Problem!“

 „Keen Problem? Son Kerlchen braucht mehr als ne Flasche! Der braucht Wärme! Mutterwärme, Rudelwärme! Jetzt kommt er erst mal inne Quarantäne und da isser alleene und zwar sechs Wochen lang! Und wenn er da wieder rauskommt, dann hatt er `n Sockenschuss hoch drei, wenn er ihn nich’ jetzt schon hat, dann kannste ihn verjessen, da wird keen vernünftjer Hund mehr draus! Aber ejal! Bring’ ihn zum Doktor `rin und dann komm und hilf mir hier!“

 

Im Karton sitzt eine Handvoll Leben, etwa so groß, wie später einmal ihr Kopf sein wird. Kein Er, eine Sie. Rehbraun, spitze Schnauze mit heller Nase, Schlappohren, fadendünner Schwanz, helle, fast bernsteinfarbene Augen, die etwas glotzig hervorstehen. Keine Schönheit, weiß Gott nicht. Die helle Nase, die hellen Glotzaugen, die Knickohren, die niemals aufrecht stehen werden – zumindest niemals gleichzeitig – haben sie aus dem Zuchtstandard heraus katapultiert. Die Augen hätten dunkel sein müssen, die Nase hätte dunkel sein müssen und der Apfelkopf hätte überhaupt nicht sein dürfen. Mit ihr war kein Geld zu verdienen, nicht mal auf dem Polenmarkt hinter Frankfurt/Oder, wo sie mit ihren Geschwistern in einer Kiste hockte um als preiswerter Rassehund verhökert zu werden. Aber es wollte sie keiner haben, nicht mal preiswert. Also wartete die Oder auf sie. Dort landete alles was keinen Profit mehr brachte, vom verdorbenen Gemüse angefangen.

Warum ihr kleines, flackerndes Leben nicht dort endete war nichts als Zufall - wer denn lieber an Zufälle als an Fügung oder Gnade glauben möchte.

 


Sie saß in der Kiste mit dem vergammelten Gemüse und nagte an Kohlstrünken, als einer der letzten Marktbummler vorbei kam, sie sah und wissen wollte was mit ihr passieren würde.

 „Wollen haben?“ fragt der Händler, seine letzte Chance witternd.

„Ich brauch keinen Hund“, sagt der Marktbummler. „Aber was machst du mit ihm, Kollege, sag’ mal?“

„Ist billig!“ beharrt der Händler. „Letzte Stück. Reine Rasse. Feiner Hund. Wachsam. Mutter Champion. Ganz billig. Dreihundert Mark!“

„Du spinnst wohl, Kumpel!“ Der Marktbummler regt sich auf. „Meinst du, ich sehe nicht, was du mir da andrehen willst?“ Ohne dass er es merkt und vor allem ohne das er es will, hat er sich in Verhandlungen verstrickt. Und der Händler ist ihm zehnmal über. Nach fünf Minuten ist er fünfzig Mark los, hat dafür die Kiste samt Gammelgemüse und dem winzigen Hundebaby in der Hand und außerdem noch das Gefühl den Händler kräftig über den  Kamm geschoren zu haben.

„Dreihundert Piepen!“ brummt er. „Dem habe ich’s gezeigt! Bin doch kein Anfänger! Dreihundert für einen Hund, den keiner haben wollte! Lachhaft!“ Dann sieht er den Hund an und stellt fest,  dass er ihn ja eigentlich auch nicht haben wollte.

„Na großartig! Hier ist ja wohl wieder mal einer über sich selbst gestolpert!

Und was mache ich nun mit dir, du kleine Töle?“

Aus der Kiste schauen ihn die hellen Bernsteinaugen an, die kleine Nase arbeitet verunsichert und dann öffnet sich  das Welpenschnäuzchen und lässt eine Flut klagender Töne heraus, ein Winseln, Fiepen, Piepsen und Jaulen in jeglicher Klangfärbung, an- und abschwellend wie Windböen, unmissverständlich und unerbittlich fordernd: „Hunger!“

Er hat noch ein Wurstbrot und bietet es zögernd an. Kaum dargereicht, schnappt seine Neuerwerbung zu wie ein Piranha, dabei die Babyzähne nicht nur in das Brot sondern auch in seinen Daumen schlagend, mit immenser Heftigkeit an der Atzung zerrend, die er erschrocken fluchend fahren lässt, sich mit der Beute unter die Kohlstrünke zurückziehend und die nächsten zwei Minuten nichts weiter sehen lassend als ein winziges Hinterteil mit heftig wehendem Schwänzchen. Dann taucht der Bug wieder auf, mit Gemüse verziert, unablässig die Lefzen leckend und die Augen erwartungsvoll auf den Futterspender gerichtet. Der schaut suchend um sich und entdeckt einen Backwarenstand, der soeben schließen will. Milchbrötchen sind vielleicht nicht  die optimalste Welpennahrung, aber alles was im Augenblick verfügbar ist; und auf jeden Fall sind sie weich und labbrig, keine Schwierigkeit für die kaum sichtbaren Beißer. Und dem Welpen ist es offenbar egal, womit er seinen Magen voll bekommt, er schmatzt und schlingt sein Brötchen herunter und als der Mensch, einer jähen Einsicht folgend, ihn an eine Wasserpfütze setzt, löscht er folgsam seinen Durst. Anschließend torkelt er ein paar Schritte zur Seite und macht sein Geschäft.

 Dünnpfiff.

Immerhin, die ersten dringenden Probleme sind beseitigt, dennoch ist dem Menschen klar, dass weiterer Handlungsbedarf besteht. Das Bündel, kaum größer als eine ausgewachsene Ratte und einer solchen auch nicht unähnlich, sitzt auf der Erde und schaut, schwach fiepend und mit immer kleiner werdenden Augen, zu ihm hoch, offenbar im Begriff einzuschlafen, was den Menschen mit Erleichterung erfüllt, weil es ihn hoffen lässt, dass Geschöpf ungesehen über die Grenze zu schaffen, da er keine Ahnung hat von etwaigen Bestimmungen, die Ausfuhr von lebendem Gut betreffend. Er stopft den Welpen kurzerhand unter seinen Pulli, den er im Hosenbund verankert, damit der vierbeinige Reisegefährte nicht herausrutschen kann und dort lässt er ihn schlafen, ungehindert die polnisch-deutsche Grenze durchfahrend, bis Berlin. Unterwegs kaut er an einer weiteren Lösung des Problems herum, denn irgendwo muss das kleine Wesen ja untergebracht werden und in seinem Leben gibt es keinen Platz für einen Hund. Eine Freundin seiner Freundin kommt ihm in den Sinn; die hat zwei kleine Kinder – oder auch drei – und ist, soweit er weiß, nicht berufstätig. Kinder lieben kleine Hunde, sie werden begeistert sein, das wird sie vom Fernseher wegholen und an die frische Luft bringen und somit tut er gleich zwei gute Werke.

Bis er Berlin erreicht hat ist er so restlos überzeugt von dieser Vorstellung, dass er ohne jegliche Vorwarnung der Freundesfreundin ins Haus fällt, das Hundebaby in der Hand. Der Prognose erster Teil erfüllt sich; die Kinder sind begeistert, völlig aus dem Häuschen, so sehr, dass sie mit Freudengebrüll auf das Tierchen losstürzen, das schreckerstarrt auf dem Teppich sitzt, sich panisch duckt und augenblicklich eine Pfütze macht. Daraufhin kreischen die Kinder noch mehr und werden erst durch ein Machtwort der Mutter, die ungläubig sowohl auf Hund als auch Rinnsal schaut, zur Raison gebracht.

Begreifend, dass diese Gabe ihr und den Kindern als großzügiges Geschenk zugedacht ist, wandelt sich ihr Unglaube in Entrüstung. Was er sich denn dabei gedacht habe? Ein Hund! Sie mag keine Hunde! Die Kinder bringen schon genug Dreck mit, da braucht sie nicht noch einen Hund der Dreck macht und in die Wohnung pinkelt! Und die Haare! Und wer soll mit ihm rausgehen? Die Kinder machen das vielleicht drei Tage lang und an wem bleibt es dann hängen? Und die Kosten! Seinen schwächlichen Einwand, so ein Winzling würde ja wohl nicht viel fressen wischt, sie zur Seite. Sie redet von Hundesteuer und von Tierarztrechnungen, ob er da schon mal was von gehört hätte?

Er schrumpft zusammen, verlegt sich aufs Bitten, erklärt den Hergang, die Kinder beginnen zu flennen, der Welpe winselt, weil er schon wieder Hunger hat und sie kommt sich einmal mehr vor wie der Erzengel Gabriel, der mit dem Flammenschwert vor dem Paradies steht, hart, herzlos, unerbittlich und grausam auch noch. Natürlich gibt sie nach, das tut sie immer und die Kinder wissen es, darum legen sie noch eins drauf und heulen richtig laut, geben schluchzende Versprechungen ab, die bis ins nächste Jahrtausend reichen und möglichst noch darüber hinaus; der Freundesfreund redet von Unterstützung, will notfalls den Tierarzt bezahlen, und die Hundesteuer – ja mein Gott, wem fällt denn schon dieser Minihund auf, der ist doch kaum zu sehen, für den muss man doch keine Steuern zahlen, dass sollten mal die mit den Riesenkötern machen, die alle Wege vollscheißen und er kennt sowieso keinen, der bezahlt, also wirklich! Und er redet von Hilfe, die sie doch bestimmt immer brauchen kann, in diesem männerlosen Haushalt, reichend von defekter Waschmaschine bis zu abgefahrenen Bremsbelegen.

„Kannst immer anrufen, Hilde, egal wie spät, ich komme; wozu hat man Freunde?“

Aha. Deutlicher kann der Zaunpfahl wohl nicht winken,  auch wenn sie den Freundesfreund bislang kaum als den ihren angesehen hat.

„Und nun kuck’ dir das kleine Wurm doch mal an! Kannste da hart bleiben?“

Nein, das kann sie nicht und so kommt sie zu dem Hund wie sie auch zu den drei Kindern gekommen ist: sie kann nicht nein sagen. Jedenfalls nicht lange.

Die Kinder werden zum Supermarkt geschickt um Hundefutter zu kaufen, der Marktbummler macht sich erleichtert vom Hof, in der Gewissheit alles zum Besten geordnet zu haben, der Welpe erhält den Namen „Püppi“ und setzt einen dünnen Haufen vor die Eingangstür, weil keiner auf sein Fiepen geachtet hat.

Nachts jammert Püppi vor den verschlossenen Türen, weil sie auf einer Decke im Flur schlafen soll, aber nicht kann, weil sie tödliche Angst vor dem Alleinsein hat und nicht begreift, warum sie aus dem Rudel verstoßen wird.

Die Mutter ist der Meinung, sie müsse sich daran gewöhnen; die Kinder können nicht schlafen solange Püppi vor der Tür jault und lassen sie heimlich ins Kinderzimmer. Dort springt sie ins nächste Bett, was zu unterdrückt geführtem Streit führt, bei wem sie schlafen darf, bis der Jüngste den Sieg erringt, weil er anfängt zu plärren, was die Älteren befürchten lässt, dass die Mutter am Kriegsschauplatz erscheint.

Morgens finden sie im Zimmer verteilt Pfützen und Häufchen, die sie rasch zu entfernen suchen, die der Mutter dennoch nicht verborgen bleiben, was zu einem Donnerwetter führt, was zu erneutem Heulen führt, woraufhin Püppi gleich wieder Wasser verliert, weil sie sich fürchtet. Die Kinder werden zum Gassigehen eingeteilt, alle halbe Stunde muss einer mit ihr vor die Tür. Püppi macht die laute Straße Angst, sie kauert sich zusammen und macht gar nichts. Erst in der Wohnung, in der sie sich einigermaßen sicher fühlt, kann sie sich erleichtern. Die Kinder brüllen sie an, weil sie Angst vor den Vorwürfen der Mutter haben, daraufhin macht sie gleich noch einen dünnen Haufen und zwar auf den Teppich.

„Verdammt noch mal, ihr solltet doch mit ihr rausgehen!“ Mütter kommen immer in den ungeeignetsten Augenblicken zur Tür herein und dies ist so ein Augenblick. Die Kinder heulen sofort, aber sie protestieren auch: „ Wir waren draußen, sie hat bloß nichts gemacht. Grad eben!“ „Dann müsst ihr eben solange warten bis sie was macht!“ „Sie sitzt aber bloß da und bibbert! Laufen will sie auch nicht, wir mussten sie richtig ziehen!“

Ihre Mutter ist so ratlos wie wütend. Wie bringt man einem Hund bei, nicht in die Wohnung zu pinkeln? Nase in die Pfütze stuken hat sie mal irgendwann läuten hören, nur dass hier keine Pfütze sondern ein Haufen liegt und der ist schon widerlich genug, auch ohne dass sie noch irgend jemandes Nase hineintaucht, die sie dann hinterher womöglich wieder sauber machen muss.

Sie versucht sich zu bezähmen, aber es gelingt ihr nur unvollkommen. Sie weist die Kinder an, den Hund nicht aus den Augen zu lassen, ihn halbstündlich hinaus zu bringen und beim geringsten Anzeichen, dass er sich hinhocken wolle sofort „pfui“ zu schreien.

Diesem Auftrag kommen sie mit Begeisterung nach. Es hagelt Pfuis aus allen Ecken und Kehlen, lauthals und alle fünf Minuten. Püppi schnüffelt am Stuhlbein – Pfui! – Püppi duckt sich erschrocken – Pfui!!!! – Püppi sucht nach einem Platz zum Schlafen und will sich hinlegen – Pfui!!!!!!

Ihre Mutter reißt die Tür auf: „Ja sagt mal, spinnt ihr denn!“ Ihre Stimme ist auch nicht leiser als die der Kinder, nur für Püppi noch viel Furcht einflößender und so verliert sie sofort wieder Wasser, was mithin die Frustrationsgrenze der Mutter erreicht sein lässt.

 „Schluss, Aus! Der Hund kommt weg!“

Die Kinder brüllen, die Mutter brüllt noch lauter, weil sie sich jetzt durchsetzen muss und Püppi wird vollständig panisch. Als die Mutter sich bückt um sie hochzunehmen und wie ein riesiger, bedrohlicher Berg auf sie herabzustürzen droht, beginnt sie zu schreien, noch bevor sie überhaupt angefasst wurde, was die Angreiferin erschrocken zurückfahren lässt. Wie der Blitz verschwindet der Welpe unter dem Bett, auf dem Weg dorthin eine Bremsspur von Pipi und Flottem Otto hinter sich her ziehend.

„Holt sie raus und dann packt sie in den Karton. Ich ruf an, dass er sie sofort wieder abholen soll!“

Dieser Wunsch erweist sich als ein frommer, denn weder hat der Marktbummler Zeit noch hat er  die Absicht das Hundebaby wieder zurückzuholen. Er ist deutlich ungehalten aber er kann da wirklich überhaupt nicht helfen – im Augenblick jedenfalls nicht.

„Dann bring sie doch ins Tierheim!“ schlägt sie verzweifelt vor, aber das kann er leider auch nicht, er hat unaufschiebbare Termine; und Tierheim! Also wirklich! Wie herzlos!

„Und die fragen einem da echt ein Loch in den Bauch, denk bloß nicht, dass man da einfach den Hund loswird!“ Sie fragt nicht woher er das wissen will, sie überlegt auch nicht, dass ihr das eigentlich egal sein könnte, denn sie hat den Hund ja nicht aus Polen mitgebracht; sie hat nur eine tiefe Abneigung gegen unbequeme Fragen und sie mag sich auch nicht gegen falsche Anschuldigungen zur Wehr setzen müssen.

Sie seufzt und legt auf. Sie hat die Sache am Hacken, so oder so.

Und der Hund sitzt immer noch unter dem Bett.

So groß wie eine Heuschrecke, aber mit dem Charakter eines Fleischerhundes...

Drei Stunden später sitzt er auf dem Behandlungstisch des Tierheimarztes und fletscht die Zähne.

Dass dies keine leere Drohung ist stellt der Tierarzt unverzüglich fest, nämlich als er versucht das Schnäuzchen zu öffnen, um die Zähne zu untersuchen. Die Mikroausgabe eines T-Rex schnappt sofort zu und lässt nicht den mindesten Zweifel aufkommen, dass es hier nur einen gibt der über diese Schnauze zu verfügen hat und das ist nicht der Weißkittel. Die Lefzen bis an die Knickohren zurückgezogen werden nadelspitze und rasiermesserscharfe Kau- und Beißwerkzeuge sichtbar, die einzusetzen ihre Besitzerin nicht die geringsten Hemmungen erkennen lässt, abgesehen davon, dass ihrem weit geöffneten Rachen die entsetzlichsten Schreie enthallen, die den bebenden Patienten und ihren besorgt blickenden Besitzern im Wartezimmer eine Vorstellung vermitteln, welche Schreckenskammer ihrer wartet. Eine Frau, deren Hund einem Herzkasper nahe zu sein scheint, erhebt sich wortlos und verlässt die Praxis, von den beunruhigten Blicken der anderen gefolgt, die offenbar überlegen ob eine feige Flucht der Hinmetzelung ihrer Lieblinge – und eine solche scheint sich da drinnen abzuspielen – nicht vorzuziehen sei.

„Was für ein kleines Biest!“ staunt der Tierarzt und lutscht an seinem Finger, in den das Gebiss seiner Patientin eine Rune hinein gegraben hat, die nicht von schlechten Eltern ist.

„Sie hat doch nur Angst!“ sagt der Lehrling, der lieber bei seinem Findling geblieben ist, als die Zwinger zu putzen. „Ist doch gut mein kleiner Floh, ist doch alles in Ordnung!“

Der „Floh“ teilt diese Auffassung nicht im Entferntesten. Es ist keine zwei Tage her dass sie der Wärme und Sicherheit ihrer Mutter entrissen wurde, dass sie stundenlang hungrig in einer engen Kiste mit ihren Geschwistern gehockt hat, von denen sie als einzige einsam zurückblieb, dass sie in einer fremden Umgebung, mit riesigen, trampelnden und brüllenden Zweibeinern, die Angst und Unbehagen verursacht haben, ausgesetzt wurde,  dass man sie in eine Kiste verpackt und wiederum an einem unbekannten Ort abgeladen hat und dass sie nun in grellem Licht auf einem Metalltisch sitzt und ein weiterer unbekannter Riesenmensch nach ihr greift, mit Absichten deren Sinn ihr vollständig unklar bleibt – was soll daran bitte schön in Ordnung sein?

Also tut sie ihr Missbehagen in der einzigen Form kund, die ihr zur Gebote steht und ihrem kämpferischen Wesen entspricht: sie wehrt sich und sie schreit.

„Ihre Lungen scheinen in Ordnung zu sein“, bemerkt der Tierarzt. „ Und die Zähne auch. Und wenn das hier Angst ist,“ und er versucht ihr Herz abzuhorchen, „ dann möchte ich sie nicht erleben wenn sie einen Wutanfall hat. Au! Halt ihr die Schnauze fest, sonst muss ich sie zubinden! So groß wie eine Heuschrecke, aber mit dem Charakter eines Fleischerhundes! Ein bisschen unterernährt, aber sonst ist sie in Ordnung. Nicht älter als vier Wochen, noch zu jung zum Impfen. Welpennahrung, sechsmal am Tag. Setzt sie zu einem anderen Hund in die Quarantäne, möglichst zu einem der ganz gemütlich ist, wenn wir so was haben. Und jetzt raus mit ihr, dieses  Geschrei weckt ja Tote auf! Impfen in zwei Wochen!“

Der Lehrling trabt mit der kleinen Hündin zur Quarantänestation und gurrt beruhigend auf sie ein, versichert ihr, dass alles gut werde, dass sie jetzt einen warmen Platz zum Schlafen bekomme, vorher noch reichlich zu fressen und dass sie – gottlob – auch nicht allein bleiben müsse.

 

Sie kommt zu Bubi in den Zwinger, einem alten Rottweiler, der seit drei Tagen hier ist und nur trauert.

Der „Floh“ ist nicht einmal halb so groß wie Bubis Kopf, aber von diesem Riesen strahlt keine Gefahr aus. Sie kauert sich zusammen und beäugt ihn vorsichtig. Er betrachtet das was da aussieht wie ein zweites Frühstück, und schnuppert.

Da ist eine verlassene Seele, gleich der seinen und es ist eine junge Seele, kaum geboren. Er nimmt den Welpengeruch auf, er wittert Angst und Erschöpfung und einen ungeheuren lautlosen Schrei der  Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit. Sie entspricht seiner eigenen Einsamkeit und Ratlosigkeit mit der er leben muss, seit man ihn hier her gebracht und zurückgelassen hat. Aber in dem Kind dort steckt, wenn auch überlagert von Müdigkeit und Furcht, eine unbändige Lebensenergie, wie eine starke Flamme die zu sagen scheint:

 „Ich bin! Und ich will!“

Dies ist nicht Bubi. Auch von ihm gibt es kein Bild, außer in meiner Erinnerung. Aber so ähnlich sah er aus. Das Foto zeigt eine von vielen verlassenen Seelen, die auch das Hundegesetz in die Tierheime verbannt hat, wo sie ihr Leben lang sitzen und warten. Dieser Rotti hatte das Glück noch einmal ein Zuhause zu finden.... So wie Bubi.

Das Kind, dass da hockt und sich die Lefzen leckt um ihn vorsichtshalber zu beschwichtigen, ist eigentlich noch viel zu jung  für den Kummer den es  tragen soll, aber es trägt ihn und es hat das, was ihm fehlt: den Willen zum Leben.

Er brummt ein bisschen, dann gähnt er gewaltig, um dem Winzling mitzuteilen, das ihm keine Gefahr droht, dann kommt er mit knirschenden Knochen auf die Beine und trottet zu seinem Fressnapf, den er seit seiner Ankunft nicht angerührt hat. Er legt sich davor, dreht das mächtige Haupt dem Welpen zu, gähnt wieder und legt die Schnauze auf die Pfoten.

Wenn es eins gibt was „Püppi-Floh“ Angst, Respekt und Erschöpfung vergessen lässt – jetzt und immerdar! – dann ist es die Aussicht auf Nahrung. Sie robbt mit rasanter Geschwindigkeit auf den Rüden zu, leckt ihm sicherheitshalber noch kurz die Schnauze und stürzt sich mit dem Ingrimm einer ausgehungerten Hyäne auf den Futternapf, in den sie fast vollständig hineinpasst, um sich schmatzend und knurrend einer gigantischen Fressorgie hinzugeben, von der sie erst kurz nach Erreichen der Speigrenze ablässt.

Als der Lehrling kommt um das fürsorglich bereitete Welpenfutter zu bringen, ist des alten Rüden Napf nahezu leer, während der Floh, vollständig beschmaddert mit Resten, grässlich würgend, dass zuvor inhalierte Futter wieder von sich gibt.

Bubi steht auf, zeigt dem Lehrling warnend das Gebiss, nimmt ein paar Hapse von der Welpennahrung und wendet sich dem Kind zu, dass sich soeben bemüht, die, jetzt zumindest mundgerecht zerkleinerte, Kost ein zweites Mal einzunehmen. Bubis lange Zunge fährt über den kleinen Körper und während der Welpe – jetzt etwas langsamer – weiter frisst, wird er von Bubi bedächtig und gründlich sauber geschleckt und danach, ebenso bedächtig, auf sein Lager getragen. Die kleine Hündin, kugelrund und satt bis zum Umfallen, rollt sich zwischen seinen Pfoten und dicht bei ihm zusammen, so nah, dass jeder von beiden Herzschlag und Atmung des andern spürt;

und das peinigend schmerzliche Gefühl des Verlassenseins und der Einsamkeit ist dahin und kehrt nicht wieder. 


„Im Tierheim sitzt ein junger Rehpinscher.“

Die Mitteilung der Nachbarin, so nebensächlich sie klingt, weckt mein Misstrauen.

„Ja?“ frage ich, zwar möglichst uninteressiert, aber überhaupt zu antworten war schon ein Fehler. Ich hätte es überhören sollen.

„Ich dachte nur. Du hast doch mal gesagt, du willst vielleicht noch einen zweiten dazu, wenn er klein ist. Der ist klein. Und auch noch jung. Vielleicht drei Monate.“

„Seit wann ist er denn da?“

„In der Vermittlung sitzt er seit vier Wochen. Davor sechs Wochen Quarantäne.“

„Du meine Güte! Dann muss er ja quasi als Neugeborenes rein gekommen sein!“

„So ziemlich. War ein Fundtier, nicht älter als vier Wochen. Weibchen.“

Hm. Also, gelegen käme das nicht, so mitten drin und ohne Urlaub. So ein Hund muss schließlich eingewöhnt werden, noch dazu ein Welpe. Ich habe sehr wohl darüber nachgedacht einen zweiten Hund aufzunehmen, aber richtig aktuell war das nicht. Und Geld! Ein Monat vor Weihnachten und ich bin froh durch das Weihnachtsgeld gerade wieder glatt zu stehen. Also vernünftig wäre das bestimmt nicht, nicht zum jetzigen Zeitpunkt.

Ich öffne den Mund um diese Meinung kundzutun, da kommt mir meine Tochter zuvor. „Sehen wir sie uns an, Mama? Nur ansehen, nur so!“

Natürlich nur so!

Als ob jemand freiwillig und nur so zum Vergnügen ein Tierheim besuchen würde! Ohrenbetäubender Lärm durch das Bellen der vielen, in engen Zwingern steckenden Hunde! Gestank. Und die vielen Geschöpfe, die hoffnungsvoll die Köpfe wenden, wenn die Tür aufgeht, in Erwartung von jemandem der nicht kommt, und zu wissen, dass sie dies schon wochen – monate – und manchmal jahrelang tun. Hunde, die ihre Pfötchen durch das Gitter stecken und die Hand ablecken, die sie durch eben dieses Gitter versucht zu streicheln. Oh nein, nur so tue ich mir das bestimmt nicht an.

„Ich komme mit.“ Die Nachbarin geht offenbar davon aus, dass meine Tochter hier die Richtlinien der Politik bestimmt, was mich die Stirn runzeln und zu einer wohlformulierten Abfuhr anheben lässt.

„Was ist ein Rehpinscher, Mama? Wie sieht er aus?“

Dass moderne Kinder nie wissen, wann sie den Mund zu halten haben! Nicht genug, dass sie laufend anderer Leuts Gespräche platzen lassen, sie schneien auch ständig in fremde Gedanken hinein und bringen sie zum Auseinanderfliegen wie einen Spatzenschwarm.

„Ein Rehpinscher? Das ist so ein kleiner, brauner-“ und dann verstumme ich, weil ich ihn plötzlich leibhaftig vor Augen habe, Omas Pinscher, der dieser Oma ihren Erkennungsnamen gab; denn ich hatte, anders als normale Kinder, drei Omas zu verkraften, die kategorisiert werden mussten, um sie einordnen zu können.

Die Pinscher-Oma war die Purzel-Oma, denn Purzel hieß der Pinscher, ein kleiner, vollgefressener Bursche, mit Spindelbeinchen und einer schrillen, misstönenden Kläffe, der Besuchern grundsätzlich Hassgefühle entgegenbrachte, ewig nur auf einem Kissen in der Ecke lag und jeden anzischte, der sich nach seinem Befinden zu erkundigen wagte. Ich machte mir nichts aus ihm, weil ich nicht mit ihm spielen durfte; er war zu krank und zu empfindlich und irgendwann bekam er die Staupe und musste eingeschläfert werden.

Bis zum jetzigen Augenblick war mir nie klar gewesen, was für ein scheußliches Dasein der kleine Kerl wohl gehabt haben musste; ein atmendes Sofakissen, dessen Welt am Laternenpfahl vor der Haustür endete; vier Stockwerke runter, Straße, Laterne, Bein heben und wieder vier Stockwerke rauf.

Trotzdem: so ein Hund war nicht mein Traum; schon das nadelspitze Kläffen ging mir auf die Nerven. Mein Traum war immer ein Königspudel, denn damit verbindet sich eine Erinnerung an einen wundervollen Ferientag, mit einem Hund, für den die Bezeichnungen „Bester Freund“, „Bester Kumpel“, „Bester Spielgefährte“ und „Bester Zuhörer“ eigens erfunden worden sein mussten. Seither fing ein Hund für mich eigentlich erst beim Königspudel an. Und als ich ihn dann hatte... aber das ist eine andere Geschichte.

Andererseits war Sisi, unser Familienhund Nummer eins, nicht mal annähernd mit einem Königspudel verwandt, sondern das Produkt mehrerer tadelnswerter Liaisons gemischtrassiger Dorfköter, in dem Spitz und Kleiner Münsterländer und vielleicht noch ein bisschen Dackel – eventuell noch etwas Cocker – eindeutig den Sieg davongetragen hatten.

Der halbfertige Satz steht immer noch im Raum, meine Tochter schaut erwartungsvoll und die Nachbarin interessiert, während Purzel sich vor meinem inneren Auge mühselig vom Kissen zum Wassernapf und wieder zurück schleppt, niemanden eines, auch noch so finsteren, Blickes würdigend, außer sein Frauchen, vor dem er sich ängstlich auf den Rücken dreht, die eingeklemmte Rute zaghaft rührend.

 

Meine liebe Oma, jüngste von fünf Schwestern, davon jede mit Statur, Stimmvolumen und Durchsetzungsvermögen eines preußischen Gardisten ausgerüstet, die - weil jüngste Töchter auch im Märchen immer etwas Besonderes sind - zusätzlich noch über die dazu passend angemessene Trinkfestigkeit verfügte und imstande war, jedem, nicht nur Mann und Kind und Hund, auf mehr als eine Weise die Flötentöne beizubringen.

Wer wartet da im Tierheim auf mich? Eine Reinkarnation von Purzel, neugeboren um mir die Hölle heiß zu machen, Wiedergutmachung einzufordern bis notfalls ins tausendste Glied?

Ich bin nicht jemand der sich drücken kann, dazu bin ich zu sehr Nachgeborene des Dritten Reiches, denen das kollektive Schuldgefühl schon mit dem Babybrei eingelöffelt wurde.

 

„Also los!“ sage ich. „Ansehen! Aber ich betone: nur ansehen!“ Selbstverständlich nickt meine Tochter verständig und ebenso selbstverständlich hat sie nur den  ersten Befehl gespeichert.

Das Tierheim entspricht zur Gänze meinen düsteren Erwartungen; Gebell und Geheul sind bis auf die Straße zu vernehmen, der Gestank haut mich fast um und die Pfleger glänzen durch Abwesenheit.

 

„Da lang!“ sagt die Nachbarin und ich marschiere, krampfhaft um Scheuklappen bemüht und meine Nachgiebigkeit verfluchend, stracks hinter ihr her, wohl ahnend, dass ich Schwierigkeiten haben werde hier wieder ohne Hund herauszukommen. Denn da sitzen sie, die Wehrlosen, die Verlassenen und Verstoßenen, die Zufallsprodukte, die Abfallgeschöpfe, die keiner braucht und keiner will, die Vergessenen, voll Kummer, Angst und Hoffnung, in ihren engen Zellen und den winzigen Höfen, die sich „Ausläufe“ nennen. Fellbündel pressen sich an die Gitter, Pfoten versuchen hindurch zu gelangen, Nasen wollen Witterung aufnehmen, Augen betteln um Aufmerksamkeit. Und am schlimmsten sind die, die reglos in einer Ecke liegen und alle Hoffnung aufgegeben haben. Meine Tochter hat bereits vergessen weshalb wir hergekommen sind und kauert vor einem der Zwinger, einen großen Schäferhundmix kraulend. Ich atme tief durch und trete an den Käfig, vor dem die Nachbarin stehen geblieben ist, innerlich einen feierlichen Eid schwörend, nicht mit einem Schäferhund im Schlepp dieses Asyl zu verlassen.

Hinten in der Ecke, ungerührt um den Krawall um ihn herum, liegt ein mächtiger Rottweiler, das gewaltige Haupt von einem hennaroten Winzling gekrönt, der, ein Ohr steil gerichtet, das andere schlapp hängend, mit bernsteinhellen Augen, deren Ausdruck nicht anders als herausfordernd bezeichnet werden kann, zu mir herüber sieht.

„Falls du dich mit der Absicht trägst mich hier wegzuholen, “ erklären diese Augen, „kann ich dir jetzt schon versichern, dass es kein Schleck für dich wird. Also mach mir später keine Vorwürfe. Du bist gewarnt!“

„Peggy“ steht auf der Karte am Käfig.

Fundtier. Weibl.

Ca. 3 - 4 Monate.

Im Tierheim seit dem 3.September 1994.

Heute haben wir den 26.November.

„Bubi“ heißt der Rottweiler, was sicherlich der absolut passende Name für dieses Riesenvieh ist, mir aber auch das Wasser in die Augen treibt. Wer nennt seinen 40 Kilo Hund „Bubi“, lebt lange Jahre mit ihm und lässt ihn dann so schmählich im Stich?

Abgabetier. 8 Jahre.

Sehr viel älter wird er kaum werden, das heißt, er wird hier sterben. Wer holt schon einen so alten Hund aus dem Heim, noch dazu von dieser Größe?

Ich sollte besser den Rotti nehmen, der Welpe wird kaum Probleme haben Besitzer zu finden. Seltsam, dass er überhaupt noch hier ist. Dann fällt mein Blick auf den ausgewiesenen Preis und mir wird klar warum.

Ich schnappe nach Luft. 500 satte Mark! Das ist ein fürstlicher Preis für das bisschen Hund und ganz entschieden zu viel für mich.

Die Nachbarin bemerkt meine Reaktion und deutet sie richtig.

„Ist schon saftig“, bemerkt sie. „ Aber mit dem Geld das für die jungen Hunde eingenommen wird, müssen die Alten ernährt werden, die nicht mehr weggehen. So wie der hier.“

„Zu viel!“ sage ich. „Habe ich nicht. Und ich bin auch gar nicht so wild auf einen Welpen. Ich würde lieber den Alten hier nehmen, aber der ist einfach zu groß. Der braucht Haus und Garten und Treppensteigen darf er auch nicht.“

„Das wird er wohl kaum noch kriegen“, meint sie. „ Der ist abgegeben worden, nachdem der Besitzer ein Pflegefall geworden ist. Von der Familie wollte ihn keiner behalten. Die Kleine ist ein Segen für ihn, sie hat ihn wieder auf Trab gebracht, er hatte sich schon aufgegeben.“

„Dann sollte man sie ohnehin nicht wegholen!“ entscheide ich und bin merklich erleichtert; aber da steht meine Tochter neben mir, die sich von dem Schäferhundmix losgerissen hat, nun feststellt, dass die Wogen über sie hinweg gerollt sind ohne dass sie darauf Einfluss nehmen konnte, und meldet Protest an.

Sie findet den kleinen Hund süß.

Ich nicht, aber darauf kommt es nicht an. Die traurige Geschichte des Rottweilers ist ein guter Angelpunkt, ihr zu erklären, warum die kleine Hündin besser da sitzen bleiben sollte, wo sie sitzt, nämlich auf seinem Kopf, weil sie da dringend gebraucht wird um  Bubis seelisches Gleichgewicht stabil zu halten.

Ihr stets bereites Mitgefühl ist aktiviert und selbstredend hat sie eine passable Idee anzubieten: „Alle beide!“

„Ausgeschlossen!“ erkläre ich mit Nachdruck. „Ich habe nicht annähernd genug Geld um beide zu kaufen. Eigentlich habe ich noch nicht mal genug für einen. Und drei Hunde kann ich nicht ernähren, noch dazu wenn einer davon so groß ist wie ein Pony. Unmöglich!“

Ihr Blick schweift nachdenklich zu Bubi und seiner Haupteszier.

„Aber wenn,“ überlegt sie, „der Große weg wäre – er könnte doch sterben, oder...“ verbessert sie rasch, „... jemand anderes holt ihn weg, dann wäre die Kleine doch ganz allein. Kaufst du sie dann?“

Neun Jahre Zusammenleben mit diesem Kind haben mich nicht davon kurieren können, nach wie vor in die meisten der von ihr aufgestellten Fallen blind hineinzutappen, beziehungsweise den Einfluss, den sie offensichtlich auf das Schicksal zu nehmen in der Lage ist, auch nur annähernd richtig einzuschätzen. Wie stets sehe ich nur das Wahrscheinliche, welches die Aussicht, Bubi könnte vor dem Welpen – oder überhaupt jemals – das Tierheim verlassen, zu wenig mehr als einer äußerst vagen Möglichkeit gestaltet. Aber dass er sterben könnte ist immerhin möglich, also versuche ich mich abzusichern, auf ein Restchen warnenden Instinkt hörend.

„Gut!“ sage ich. „Wenn er in einer Woche weg ist und sie ist noch da, dann holen wir sie!“

 

Alea jacta sunt. 


„Der Rottweiler ist weg!“

Ich starre die Nachbarin an und habe keine Ahnung wovon sie redet.

„War gestern im Tierheim“, erläutert sie. „Musste Katzenbabys holen. Da habe ich mal nachgesehen. Er ist weg. Und die Kleine schreit wie verrückt.“

Mir quellen fast die Augen aus dem Kopf, als mir dämmert was mir da gerade offenbart wurde.

„Du willst mir erzählen dass der alte Rottweiler verkauft wurde und der Welpe immer noch da rum sitzt?!“

„Nicht verkauft. Sie haben ihn zurückgeholt. Irgendeiner von der Familie hat den Besitzer aus dem Pflegeheim  wieder rausgeholt und der wollte dann seinen Hund wieder haben. Vielleicht war er geistig noch klar genug im Kopf um sie alle zu enterben, keine Ahnung; vielleicht hat ja auch wirklich mal das Gute gesiegt,“ sagt sie, mit einer Miene, die deutlich erkennen lässt, wie viel sie von der letztgenannten Möglichkeit hält, „jedenfalls ist der Rotti abgeholt worden.“

„Und, “ sage ich, vollständig gebrochen, „sie konnten sich nicht entschließen, den Welpen auch gleich mitzunehmen?“

„Offenbar nicht. Auf jeden Fall ist die Kleine jetzt total durchgeknallt und macht einen Radau dass die Heide wackelt. Und du hast gesagt - “

„Kein Wort zu dem Kind!“ zische ich. „Ich weiß genau was ich gesagt habe!  Ich habe gesagt in einer Woche! Samstag! Heute ist Donnerstag! Das sind zwei ganze, lange Tage, in denen sie noch vermittelt werden kann! Samstag, eine Stunde vor Toresschluss und keine Sekunde früher! Punkt!“

„Mach dir keine Hoffnung“, sagt sie mitleidig. „Die geht nicht weg. Viel zu teuer und völlig bekloppt. Die nimmt nur jemand wie du und da gehört sie auch hin!“

Sie entschwindet, bevor ich fragen kann, was in Drei Teufels Namen sie damit sagen will.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

Beim Betreten des Hundehauses höre ich sie – nicht die Hoffnung sondern die Hündin: durch Gebell und Geheul aus mindestens zwanzig Hunderachen, dringt ein hohes, schrilles Kreischen, wie in verzweifelter Todesangst, gemixt mit unbändiger Wut, an mein misshandeltes Ohr und lässt sowohl meine letzte zage Hoffnung dahinsiechen als auch meine Schritte voraneilen, hin zu dem Käfig in dem das rote Bündel sitzt und mit einer ungeheuerlichen Vielzahl von Jammertönen – und vor allem mit einer ungeheuerlichen Lautstärke! – seinen Verlust beklagt und zum Himmel hinaufschreit.

Dabei ist sie nicht einmal allein. Zwei andere Hunde sitzen ebenfalls im Zwinger und sehen aus als hätten sie Migräne oder wünschten sich dringend Kopfhörer.

 

Ich hocke mich vor das Gitter und versuche zum einen den Schreihals auf mich aufmerksam zu machen und zum anderen meine Schuldgefühle niederzukämpfen; zwei lange Tage, in denen ich nur gehofft hatte meinem Verhängnis zu entgehen und die sie verzweifelt schreiend verbracht hat!

„Hol den Pfleger“, sage ich nach hinten. „Hol irgend jemanden, der sie da raus holt“, und die Nachbarin stapft von dannen.

„Häschen“, sage ich, „hör auf zu schreien. Komm her, meine Kleine, komm, es ist alles in Ordnung, wir sind hier, komm her zu mir, komm, pschtpscht, sei ruhig und komm her,“ und ich angle nach den Leckerli, die jeder Hundebesitzer unvermeidlich mit sich herumträgt und die  regelmäßig sämtliche Hosen- und Jackentaschen vollkrümeln. Doch zunächst kommen die anderen beiden um sich zu bedienen und da bricht das Gekreische jäh ab. Eine winzige Schnauze zwängt sich knurrend zwischen die Rivalen, die sofort ausweichen, und schnappt nach meinen Hundekuchen.

„Na also, “ sage ich. „Ich bin zwar nicht dein großer Wachhund, aber ich biete mich als Alternative an. Und wenn du es genau nehmen willst, dann habe ich gar keine andere Wahl; du aber auch nicht, also sehen wir zu, dass wir das Beste daraus machen. Erinnerst du dich? Ich war schon mal hier. Kennst du mich noch?“

Die hellen Augen starren mich unentwegt an, offenbar darauf lauernd, dass noch mehr Leckerli durchs Gitter gereicht werden; aber dann setzt sie sich plötzlich auf die Hinterläufe und hechelt, am ganzen Körper zitternd. Sie ist offensichtlich an der Peripherie ihrer Kräfte angelangt, was mich nicht wundert, nach fast einwöchiger Schreiekstase.

„Fein“, denke ich. „Hysterie, gefolgt von beginnendem Schockzustand. Gleich fällt sie ins Koma und das war’s dann. Vielleicht kommt hier bald mal jemand angetanzt, zum Donnerwetter!“

Da naht meine Tochter  und zieht einen jungen Pfleger hinter sich her, den sie Gott-weiß-wo- ausgegraben hat, baut sich vor dem Zwinger auf und deutet auf den Welpen: „Den da!“ „Und zwar schnell!“ ergänze ich, was sich als höchst unglückliche Bemerkung erweist, denn offensichtlich genießt man hier als Käufer das Ansehen eines potentiellen Tierquälers, dem entsprechende Behandlung zuteil wird.

Das Antlitz des jungen Mannes verdüstert sich, von vagem Interesse zu ehrlicher Abneigung.

„Schnell is’ hier überhaupt nüscht!“ belehrt er mich, worauf ich entgegne, dass dies weder mir noch sonst jemandem verborgen bleiben könne und ob er vielleicht mal so freundlich sein wolle,  einen Blick auf den Hund zu werfen, der möglicherweise soeben im Begriff sei, sich von dieser Welt zu verabschieden und was er dagegen zu unternehmen gedächte?

Da schließt er endlich den Käfig auf und holt die Hündin heraus, die jetzt offensichtlich unter Schluckauf leidet, sich aber ansonsten augenblicklich beruhigt, als der Junge sie auf den Arm nimmt und ihr erklärt, dass sie ein verrückter kleiner Floh sei, der eine ganze Fußballmannschaft auf Trab halten könne. „Kann ich sie auch mal haben?“ erkundige ich mich. „Ich will zumindest testen ob sie mich überhaupt riechen kann, bevor ich sie mitnehme.“

„Mitnehmen?“ Der Junge betrachtet mich feindselig.

„In der Tat. Mitnehmen. Ich habe die Absicht den Hund zu kaufen. Deshalb bin ich hier.“

„Ja, aba so läuft det hier nich’, “ erklärt der Pfleger.

„Zunächst mal muss Ihre janze Familie mit her.“

„Ist sie. Das da ist meine Familie, “ und ich deute auf meine Tochter, die sich auf die Zehenspitzen stellt, damit er sie besser sehen kann.

„So? Und hamse noch andre Tiere?“

„Jawohl. Eine Hündin!“

„Und wo isse? Die muss auch her!“

„Im Schlachthof isse und wird grade zu Wurst verarbeitet! Darum wollen wir ja einen Neuen!“ Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich so unmöglich aufführe, aber mittlerweile koche ich vor Wut und würde dem jungen Lackel am liebsten die Hosen stramm ziehen.

„Sie sitzt im Auto und dreht Pfötchen, oder glauben Sie ich bringe sie in dieses Irrenhaus mit? Wir warten seit einer geschlagenen halben Stunde, dass sich hier mal jemand einfindet, der uns gerne behilflich sein möchte 500 Mäuse für einen Hund loszuwerden, der schon völlig übergeschnappt ist, stattdessen werden wir behandelt wie Sozialhilfeempfänger, die doppelt Stütze haben wollen! Ulkiges Geschäftsgebaren muss ich sagen. Preise wie beim Züchter, der Rest wie beim HO!“

Die Nachbarin legt sich ins Mittel:

„Nun krieg dich mal wieder ein!“

Und zu dem Pfleger: „Und du mach mal halblang! Du kannst den Hund nicht ewig hier behalten und das ist ‚ne Freundin von mir, da wird’s ihm gut gehen. Also komm langsam in die Puschen, ich wollte hier nicht übernachten!“

Der junge Pfleger starrt sie an und  erkennt sie dann offenbar als eine der ehrenamtlichen Katzenpflegemütter, was ihn allerdings nicht aufheitert.

„Ach Sie sind’s. Na dann.“

Im selben Moment wo ich erkenne, dass er wirklich an dem kleinen Schreihals zu hängen scheint, schwindet mein Groll gegen ihn, wenn ich auch nicht begreife, weshalb er ihn dann im Zwinger kreischen lässt, statt ihn zu sich zu nehmen.

„Kann er nicht“, erklärt die Nachbarin. „Solange die hier glauben, dass sich mit dem Hund Geld verdienen lässt geben sie ihn nicht heraus. Und 500 Mark kann der sich nicht leisten, ist bloß ein Lehrling. Ab und zu, wenn der Laden aus den Nähten platzt, machen sie mal eine Aktion und dann gehen Tiere für zehn oder zwanzig Mark raus, solche, die überhaupt keine Chance auf Vermittlung haben. Aber dazu gehört die hier bestimmt nicht. Jedenfalls noch nicht.“

Der Pfleger ist inzwischen Richtung Büro verschwunden – immer noch mit der Hündin auf dem Arm -  und wir folgen ihm, während meine Tochter zum Auto läuft, um Sisi zu holen.

Die Dame an der Kasse zieht die Brauen hoch und schaut anzüglich auf die Uhr. „Nun wird’s aber Zeit, wie?“ Und sofort hänge ich wieder auf der Palme, aber diesmal an der Spitze und sehe meinerseits auf die Uhr.

„Wenn ich mich nicht irre sind es noch zwanzig Minuten bis Ladenschluss! Wenn Sie so knapp an Personal sind, dass wir eine halbe Stunde warten müssen bis jemand kommt, sollten Sie Ihre Einstellungspolitik überdenken. Und wenn Sie sich nicht in der Lage sehen, mir in diesen zwanzig Minuten die Vertragsunterlagen auszuhändigen, damit ich sie ausfüllen und mit ihnen zu einem Vertragsabschluss kommen kann, für einen Hund, der 500 Mark kosten soll und den ich bis jetzt noch nicht einmal anfassen durfte, dann nehme ich meinen Scheck, schlage die nächste Zeitung auf, suche mir unter ungefähr fünfzig Angeboten einen Hund aus, bezahle nicht einmal die Hälfte und schreibe einen langen Leserbrief an die Bild-Zeitung, dass man in diesem Tierheim offenbar erst ein Bittgesuch stellen muss, um überhaupt ernst genommen zu werden!“

Irgendwo in meinem Hinterkopf ist mir klar, dass das genau das ist was ich am liebsten tun würde und dass ich vielleicht diesen ganzen Zauber nur veranstalte um mich in guter Haltung – und natürlich gänzlich schuldlos – verabschieden zu können.

 

Daraufhin geschehen drei Dinge gleichzeitig.

Meine Tochter, die es irgendwie fertig gebracht hat dem Pfleger den Hund zu entwinden und ihn leidenschaftlich an die Brust drückt, bricht in Tränen aus.

Die Kassendame schluckt und sagt: „Jetzt übertreiben Sie aber!“

Und hinter mir erschallt eine Stimme, nicht minder aufgebracht als die meine, die sagt: „Nein, Sie übertreiben hier! Jetzt werde ich Ihnen mal was sagen und da können Sie sich Hände und Füße dran wärmen: ich stehe hier seit geschlagenen zwei Stunden, mit meinem Freund und meiner Hündin und will diesen alten, klapprigen Schäferhund haben und man erfindet hier mehr Ausreden als Münchhausen um ihn mir nicht zu geben! Der Hund ist seit zwei Jahren hier, zumindest steht das so auf dem Zwingerschild, ich will ihm ein Zuhause geben und ich habe mein Leben lang Hunde gehabt; meine Hündin steht hier, sie ist fünf Jahre alt und in bestem Zustand, warum zum Teufel werden mir hier solche Schwierigkeiten gemacht?“

Ich fahre herum, sehe die Sprecherin und weiß warum.

Ihre Haare sind auf der linken Seite geranienrot und stehen borstig ab, auf der rechten Seite sind sie grün und fallen strähnig über das Ohr, in dem Ringe von Kürbisgröße baumeln. Ihre Nase ist gepierct, aus dem großzügigen Halsausschnitt wächst das Tattoo eines beeindruckenden lila Drachen heraus und die massiven Ringe an den schlanken Händen deuten auf erhebliche Besitzanteile an einer Silbermine hin. Die gefährlich funkelnden Augen sind ebenso schwarz umrandet wie die vollen Lippen, und die Ärmel der dicken, schwarzen – und unbestreitbar teuren – Lederjacke sind großzügig mit flatternden Fransen besetzt. Neben dieser abenteuerlichen Gestalt wirkt der schwarze Irokesenschnitt ihres Gefährten nahezu artig, auch wenn seine Ohrläppchen, von diversen Silberringen geschmückt, bemüht sind, mit ihrem Outfit Schritt zu halten. Die große Mischlingshündin, die zwischen ihnen sitzt und freundlich grinsend die Zunge heraushängen lässt, scheint im Urzustand verblieben zu sein; ihre Besitzer jedenfalls sehen aus, als seien sie einem Road-Mowie entwischt.

Die Kassendame betrachtet sie mit Abscheu, ich dagegen mit lebhafter Sympathie.

„Im Ernst“, frage ich, „sind Sie seit zwei Stunden hier?“

Ihre Augen glimmen. „Ich bin nicht nur seit zwei Stunden hier, sondern schon zum zweiten Mal! Zuerst heißt es, meine Hündin müsse mit dabei sein. Und jeder der in meinem Haushalt lebt. Also trabe ich heute mit Ferdi und Rosa Luxemburg an...“

„Mit wem?!“

„Rosa. So heißt meine Hündin...“

„Und das haben Sie denen hier gesagt!?“

„Natürlich. Steht doch in ihrem Impfpass, den musste ich auch vorlegen um nachzuweisen, dass sie kastriert ist. Ich durfte sogar mit dem alten Kerl spazieren gehen. Rosa fand ihn super.“

„Heißt er Karl Liebknecht?“ Ich kann’s mir nicht verkneifen.

Sie grinst bedauernd. „Nein, er heißt Rudi und er ist nicht mehr der Jüngste, sonst würden wir ihn umtaufen. Jedenfalls erzählen die mir heute, der Hund wäre schon zu alt, sie würden ihn nicht mehr vermitteln! Für wie dämlich halten die mich eigentlich?“

Keine Ahnung, aber die Ablehnung hängt wohl weniger mit ihrem IQ zusammen, als mit der Befürchtung, Rudi könne die falsche politische Luft zu schnuppern bekommen.

Sie beugt sich vor.

„ Ich möchte jetzt, genau wie die Kollegin hier – (huch!) – die Vertragsunterlagen haben, oder eine vernünftige Erklärung, warum Sie mir den Hund nicht geben wollen. Die möchte ich aber dann von Ihrem Tierheimleiter haben, verstehen Sie, oder ich verspreche Ihnen, ich gebe mich nicht mit Leserbriefen ab sondern stehe morgen mit einem Fernsehteam vor der Tür, ist kein Problem für mich, so was zusammen zu trommeln!“

Wow!

Die Kassendame wirft einen weiteren Blick auf die Uhr und entscheidet sich für das kleinere Übel. Wir bekommen unsere Unterlagen. Und wir bekommen unsere Hunde. Rudi entpuppt sich als der Schäferhundmix, mit dem meine Tochter jüngst geflirtet hat, eine tapsige, graue Schnauze, die sich freudig erregt an Rosa Luxemburg drängt, dabei mindestens drei Hundelebensjahre von sich abwerfend.

Und unser neuer Hund steht vor Sisi und knurrt sie an.

Exkurs: so war das damals tatsächlich mit der Tiervermittlung. Es gab keine Vorkontrollen und die Nachkontrolle für Lise fand zwei Jahre später statt. Meine Katze Luzie, die ich viele Jahre zuvor dort erworben hatte, kostete 10.- DM und wurde mir ohne jedweden Vertrag übergeben. Als ich Lise holte gab es zumindest schon die Order, dass alle Familienmitglieder zu erscheinen hatten. Überprüft wurde es nicht. Wie es heute im neuen Tierheim - wenn man diese Burg so nennen will - zugeht weiß ich nicht, denn ich war nie dort. Erna Graffs Tierheim war klein und zu ihren Lebzeiten sehr  familiär. Aber irgendwann nicht mehr zeitgemäß, wie ich zugeben muss...

Sisi hat das Gemüt eines Schaukelpferdes. Bedauerlicherweise, muss man sagen, denn wäre sie nicht so duldsam, so langmütig und bis zum Übermaß freundlich gegenüber jedwedem Lebewesen, sie hätte dem aufmüpfigen Gör kurzerhand eins hinter die Ohren gegeben und ihm damit ein für allemal seinen Platz zugewiesen: hinten in der Reihe!

Leider hat sie das verabsäumt.

Leider haben wir das alle verabsäumt und an den Folgen kauen wir bis heute.

Sisi betrachtet den knurrenden Kampfzwerg mit einiger Verblüffung, in keiner Weise realisierend, dass sie Attila den Hunnenkönig vor sich hat, noch dass dieses Minimonster nunmehr ihr Leben, ihr Heim und ihr Sofa teilen wird, von ihrem Futter gar nicht zu reden, und dass dieses Teilen nach Ansicht des Neulings ganz klar nach folgenden Regeln verlaufen sollte: 99 % gehören mir. Und um den Rest musst du kämpfen!

Künftig wird es heißen: „Ach, ist der süß, der kleine Hund!“ nicht ahnend, dass hier die Büchse der Pandora angehimmelt wird. Und niemand wird ihr noch einen Blick zuwerfen. Von nun an wird sie das brave Kind in der Klasse sein, das im Schatten des Lehrerschrecks einhertrabt und an dessen Gesicht man sich allenfalls mit vager Erleichterung und im Zusammenhang mit guten Noten erinnert. Kürzlich musste ich mich fragen lassen: „Sagen Sie mal, haben Sie nicht zwei Hunde? Sie reden immer nur von einem!“ So ist es und ich gestehe es mit größter Scham. Und obgleich Sisis Platz in meinem Herzen unangefochten war und ist und immer sein wird, so ist aber auch unzweifelhaft richtig, dass sie nie diejenige war, die mir Kopfzerbrechen bereitet hat.

Ich hatte bisher einen pflegeleichten Hund.

Nun hatte ich ein Problem.


Sisi wurde auf einem Bauernhof im Havelland geboren, in der Nähe von Nauen, Ergebnis des Flirts einer Kleinen Münsterländerin mit dem Schäferhunddackelspitz vom ehemaligen Molkereikombinat, der ihr sechs prächtige Wollknäuel bescherte, die sie in der Scheune zur Welt brachte, gut versteckt in einem Verschlag hinter abgestellten und nicht mehr benutzten Gerätschaften. Das Vorhandensein der Welpen wurde erst entdeckt, als sie aus ihrer Wurfhöhle herauskamen und begannen, auf wackeligen Beinchen, ihre Welt zu erforschen. Die Begeisterung über ihr Erscheinen hielt sich in Grenzen; lediglich die Kinder freuten sich riesig, sowohl die auf dem Hof, als auch deren Freunde und Spielgefährten, die in Scharen über das Anwesen hereinbrachen um mit den kleinen Hunden zu spielen. Dies brachte zumindest den Vorteil, dass vier Welpen ein neues Zuhause auf umliegenden Höfen fanden, mitgeschleppt von Kindern, die ihren Eltern entsprechend lange in die Ohren getutet hatten um diese Aufnahme zu ermöglichen. Ein Rüde, so wurde beschlossen, sollte auf dem Hof bleiben.

 

Für Sisi fand sich niemand.


 

Es war Anfang Mai und einer der heißen Tage, die in manchen Jahren, unvermutet aber durchaus willkommen zu dieser Jahreszeit, die Motorradfans auf die Landstraße ziehen. Ein junges Paar ratterte, höchst nostalgisch und stilvoll, mit Lederkappe, Brille und Beiwagen, auf den einsamen Landstraßen des Luchs, bis ihnen mächtige Betonquader den Übergang über eine baufällige Brücke am Havelländischen Kanal verwehrten. Während ihr Freund die Kamera zückte um käuende Kühe künstlerisch durch schwingende Peitschen höchst dekorativ platzierter Trauerweiden einzufangen, streifte das junge Mädchen müßig am Kanal entlang, naserümpfend den grüngelben Entenflott auf dem träge fließenden Gewässer begutachtend und überlegend, ob sie nicht vor kurzem an einem kleinen Badeweiher vorbeigekommen waren, der eventuell eine Chance zu einer kurzen Erfrischung bieten könnte - als sie einen älteren Mann entdeckte, der sich soeben, ein kleines Bündel unter dem Arm, dem Kanal von der anderen Seite der Brücke näherte. Ob er sie wahrgenommen hatte konnte sie nicht feststellen, jedenfalls nahm er keine Notiz von ihr. Er legte das Bündel im Gras ab und sie sah, dass es ein kleiner Hund war. Von einer unbestimmbaren Unruhe erfasst zog sie sich hinter einige Sträucher zurück, dabei aber den Hals reckend um das weitere Geschehen zu beobachten.

Als er eine Plastiktüte hervorzog und Anstalten machte den Hund hineinzustopfen, hielt sie sich für umfassend genug informiert um hinter dem Busch hervorzubrechen und, laut den Namen ihres Freundes schreiend, mit Höchstgeschwindigkeit auf den Mann mit der Plastiktüte zuzuspurten, und so unmittelbar vor ihm Halt zu machen, dass sie sich nahezu Nase an Nase mit ihm befand, als sie ihn erreicht hatte. Der Mann, die Plastiktüte in der einen, den Hund in der anderen Hand, schaute sie verblüfft aber mitnichten beunruhigt an, so als wolle er im nächsten Augenblick nach ihren Wünschen fragen.

„Sie!“ schreit sie japsend, „was haben Sie hier vor?!“

„Wat soll ick schon vorhaben? Und wat jeht Ihnen det an, Frollein?“ Der Bauer ist unbeeindruckt.

„Was mich das angeht? Was mich das angeht?! Was glauben Sie wohl, was mich das angeht! Sie wollen hier einen Hund ersäufen oder wie sehe ich das?!“

„Na und wenn? Det jeht Ihnen immer noch nischt an!“ Davon ist er wirklich überzeugt.

„Da sind Sie aber komplett falsch gewindelt guter Mann! Sie leben hier nicht mehr in der Kolchose Posemuckel zu Kaisers Zeiten, wo Sie Ihrem Gaul eins vor die Birne hauen und Katzen und Hunde im Dorftümpel entsorgen konnten, wie Ihnen grade war! Wir haben ein Tierschutzgesetz, schon mal was davon gehört?!“ Ihr hängt fast die Zunge aus dem Rachen, so sehr ereifert sie sich, aber ihre zornige Wut bleibt  ohne Eindruck auf den Bauern.

„Na und? Dat is mein Hund, da mach ick wat ick will und wenn Ihnen det nich passt, denn rennen Se doch zur Pollezei! Bis dahin hat der Köter längst schwimmen jelernt!“

„Sie – ich sag’ Ihnen – ich warne Sie ...“ wo zum Teufel bleibt ihr Freund, warum sind die Kerle nie da wenn man sie braucht! – „ich schubse Sie hinterher, wenn Sie das wagen! Her mit dem Hund, aber zügig!“

„Aber bitte schön! Hätten Se doch gleich sagen könn’ dass Se ihn haben wolln! Hab doch ja nischt dajejen!“ Und damit drückt er ihr den Welpen in die Hand, dreht sich um und stapft den Weg zurück. Die Plastiktüte nimmt er wieder mit. Die kann er offenbar noch gebrauchen.

Ihr Bedürfnis den Kerl im Entenflott zu ersäufen ist ungebrochen, ihr Aktionsradius dagegen nicht. Sie hat ein kleines Pelzknäuel auf dem Arm, das seine winzige spitze Schnauze in ihre Armbeuge bohrt und leise Gluckertöne von sich gibt.

„Herzchen“, sagt sie, „das ist ja wohl gerade noch mal gut gegangen. Du hast einen echten Schutzengel, weißt du das? Hier ist nichts, außer Gegend, wie unser Herr Fontane schon seinerzeit richtig bemerkt hat, und zwar soweit das Auge reicht und dass wir hier aufgekreuzt sind und zwar genau im richtigen Augenblick, ist schon ein komischer Zufall. Auf dich hat einer aufgepasst, würde ich meinen! Apropos wir! Wo steckt der Kerl eigentlich?“

Der Kerl stapft soeben durch das hohe Gras auf sie zu, in seliger Unkenntnis, dass ihn zwei finster zusammengezogene Augenbrauen und ein böse verkniffener Mund erwarten, der sich augenblicklich öffnet um in einigen wohlformulierten und messerscharfen Sätzen den innigsten Dank über die Zuverlässigkeit und Rasanz, mit der eine bedrängte Dame auf seine Hilfe rechnen könne, zum Ausdruck zu bringen.

„Was ist denn los?“

„Falsches Tempus! Nicht „ist“ sondern „war“! Es ist nämlich schon alles gelaufen, während du glückliche Kühe verfolgt und offenbar auf deinen Ohren gesessen hast! Hast du mich nicht schreien hören oder hast du geglaubt, dass ist eine muhende Kuh, häh? Hier war so ein Dreckskerl, der den kleinen Wuff ersäufen wollte! Aber dem habe ich Bescheid gesagt!“

„Ersäufen? Wie das denn?“

„Hergottnochmal, wie ersäuft man jemanden? Im Bierglas? Er wollte den Hund in eine Plastiktüte stecken und ins Wasser schmeißen, wahrscheinlich noch mit ein paar Steinchen drin!“

„Allmächtiger! Na, da hätte ich bei sein müssen!“

„Allerdings!“ bestätigt sie mit säurender Freundlichkeit. „Hättest du! Das hätte ich sehr zu schätzen gewusst!“

„Mäuschen“, sagt er, um Gut - Wetter bemüht, „tut mir ja wirklich leid, dass ich dich nicht gehört habe. Habe ich wirklich nicht! Wenn ich die Kamera vor der Nase habe sehe und höre ich nichts anderes mehr! Hast du den Kerl in den Pfuhl geschmissen?“

„Nein, ich hatte die Hände voll. Aber ich habe den Hund wie du siehst. Und wenn du den Burschen niederboxen möchtest, da hinten läuft er! Ich halte es allerdings für zweckmäßiger wenn wir uns jetzt davonmachen und eine Bleibe für das Baby hier suchen.“

„Durchaus!“ bestätigt er mit merklicher Erleichterung. „Hast du eine Idee?“

„Genau nicht, nein. Notfalls müssen wir ins Tierheim. Die werden aber Sperenzchen machen, wenn wir sagen, dass der Hund aus Brandenburg kommt. Da sind die nicht zuständig. Wir fragen erstmal rum, ob ihn jemand von unsren Freunden haben will und dann sehen wir weiter. Auf geht’s!“

Sie verstaut den Welpen unter der Motorradjacke, klettert in den Beiwagen und auf geht’s.

 

Keiner der Freunde wollte einen kleinen Hund haben; aber einer gab ihr zumindest einen guten Tipp, indem er sie über eine kleine Vereinigung informierte, die sich „SOS Katzenhilfe“ nannte und Notfalltiere  vorübergehend in Pflegefamilien unterbrachte, um sie von dort aus in gute Hände zu vermitteln. Vielleicht würden sie sich auch des Hundes annehmen. Er gab ihr zwei Telefonnummern und bei einer hatte sie Glück. Es meldete sich eine Frau König, die, nachdem ihr die Angelegenheit geschildert worden war, anordnete, dass ihr der Welpe unverzüglich  gebracht werden solle.

Also landete das Hundekind noch selbigen Abends in einem Haushalt, in dem es reichlich Katzen zum Spielen gab, welche Auffassung  zwar den Welpen erfreute, jedoch von den Katzen in keiner Weise geteilt wurde. Platzkater Nummer eins stieg von der Kommode herunter und buckelte beeindruckend, den aufgeplüschten  Schweif missvergnügt schwenkend, in der Kehle kollerndes Brummen. Der Welpe sah den rudernden Schwanz und missdeutete dies als Einladung zum Spiel, auf das er sich  freudig einzugehen anschickte. Die Vorderläufe platt auf die Erde gedrückt, das kleine Hinterteil hochragend, die Rute heftig kreisend, kläffte er sein Gegenüber  aufgeregt an, was ihm in nächsten Augenblick eine äußerst schmerzhafte Erfahrung bescherte, dass nämlich die Dinge des Lebens nicht immer die sind, wofür wir sie gern halten möchten und dass Kommunikation, so sie missverstanden wird, allzu häufig nicht der Verständigung dient sondern als Casus Belli.

Des Welpen Nase zierte ein blutender Ratz, seinem Schnäuzchen entfloh schrilles Schmerzgeheul, die Zweibeiner schritten ein, nahmen das attackierte Bündel tröstend auf den Arm und verwiesen den Kater barsch des Raumes, damit ein für allemal die Fronten abklärend: der Aggressor genießt keine Immunität, Katzen sind Aggressoren, das Hundekind ist im Recht und wird beschützt und darf sich künftig mit Halali auf alles stürzen was nach Katze aussieht.

Sisi hockte auf des Zweibeiners Arm, ließ sich streicheln und trösten und kläffte von dieser uneinnehmbaren Festung auf das unfeinste auf alles herunter was nicht an sie heran konnte.

Es fehlte ihr nicht an Schneid. Jetzt nicht und niemals nicht. Sie war Nachfahrin einer langen Reihe höchst durchsetzungsfähiger, jagd– und bellfreudiger Münsterländer, Spitze, Teckel und Schäferhunde.

Sie war ein Dokö.

Ein Dorfköter.


Ich wollte immer einen Hund. Schon als Kind. Natürlich. Schließlich wollen die meisten Kinder einen Hund. Im Gegensatz zu heutigen Eltern vertraten die meinen bedauerlicherweise nicht die Auffassung, dass es Kindern nicht wieder gut zu machenden Schaden zufügt, wenn man ihren Wünschen kein geneigtes Ohr schenkt. Mein Stiefvater lehnte harsch ab, meine Mutter vertröstete mich auf das jeweils kommende Jahr und irgendwann gab ich auf zu fragen. Die harsche Ablehnung war korrekt. Wer keinen Hund will soll sich keinen anschaffen, schon gar nicht als Spielzeug für quengelnden Nachwuchs. Nur dass ich kein Spielzeug wollte. Ich wollte einen Freund, jemanden, der mir zuhörte wenn ich einsam war, der mich tröstete, wenn ich Kummer hatte, der mich liebte, so wie ich war. Ob dies die richtige Voraussetzung für die Aufnahme eines Hundes in die Familie gewesen wäre muss ich heute bezweifeln. Wahrscheinlich war sie es nicht.

Es vergingen 37 Jahre bis sich meine Familienverhältnisse so weit konsolidiert hatten, dass ein Hund hineinpasste, auch wenn ich nicht behaupten kann mir über meine genauen Motive für diesen Schritt klar gewesen zu sein. Meine Tochter war acht Jahre alt und seit vier Jahren Hüterin zweier Meerschweinchen, eine Aufgabe, die sie mit größter Gewissenhaftigkeit und  Fürsorglichkeit erfüllte, was mich mit einiger Zuversicht hoffen ließ, dass ihren Versprechungen, sich ebenso eifrig um das neue Familienmitglied kümmern zu wollen wie ich, einiges an Glauben geschenkt werden konnte. Wir beratschlagten nahezu ein halbes Jahr über Größe, Rasse und Herkunft unseres Hundes, wälzten unzählige Hundebücher, um uns eingehend schlau zu machen und entschieden uns schließlich für einen Kromfohrländer. Nie gehört? Ich bis dahin auch nicht, aber er gefiel uns. Klein, agil, kinderfreundlich, nicht überzüchtet, da noch nicht allzu lange als Rasse anerkannt und absolut hübsch. Einziger Haken: es gab keine Zucht in Berlin. Die nächste befand sich in Nordrheinwestfalen und das war zu weit. Abgesehen davon musste die Aufnahme des Hundes ziemlich genau getimed sein, nämlich zum Beginn der Sommerferien, um ausreichend Zeit für die Eingewöhnung zu haben.

Ein Tierheimbesuch ergab nichts, außer töchterlichen Tränen, unzähligen viel zu großen Hunden und dem Schwur meinerseits, nie wieder einen Fuß dort hinein zu setzen. Es sollte ein kleiner Hund sein, weil der dreiwöchige Urlaubsbesuch der Labradorhündin Nellie, die mit Vorliebe im Flur lag, wo man bestenfalls über sie hinüberfallen konnte und schlimmstenfalls weder zur Eingangstür hinaus noch wieder hereinkam, mich davon überzeugt hatte, dass für kleine Wohnungen nur kleine Hunde passend waren. Nach einigem ratlosen Herumtelefonieren fiel mir der Katzenschutzbund ein - der mich zehn Jahre zuvor mit einem weißen Großpudel „vorübergehend“ beglückt hatte - ,  der mich wiederum seinerseits an die „ SOS – Katzenhilfe“ verwies, weil, sie hätten gehört dass da... eventuell.. ich sollte es doch mal versuchen. Ich versuchte es und kam gerade recht.

Ein kleiner Hund ... könnte auch ein Welpe sein... möglichst eine Hündin... der Rest sei egal.

Was für ein Rest?

 Nun... also...keine bestimmte Rasse oder so und das Aussehen spiele auch keine Rolle.

Aha. Nun kamen wir ins Geschäft.

„Wir haben tatsächlich einen Hund. Einen einzigen. Durch Zufall, wurde uns vor vier Wochen gebracht. Kommt irgendwo aus der Gegend von Nauen und sollte ersäuft werden. Weibchen und wie es aussieht, bleibt es klein. Nettes kleines Mädchen. Wenn Sie interessiert sind, kommen Sie her!“

Wir waren interessiert.

Die kleine Hündin war es nicht.

Sie saß in einem großen Ehebett, kaum zu sehen in einem Berg von Kuscheltieren, aber umso besser zu hören. Kaum hatten wir die Schwelle des Zimmers überschritten schoss ein kleiner, schwarzer, spitznasiger, schlappohriger Kopf aus den Kissen und kläffte uns empört an.

„Süüüß!“ flüsterte meine Tochter andächtig. „Die will ich haben! Mama, wir nehmen sie, ja?“

„Nein!!“ Das kam von einem kleinen Mädchen, wenig jünger als meine Tochter, dessen Kopf jetzt ebenfalls aus den Kuscheltieren ragte und uns mindestens so entrüstet wie der Hund beäugte, nur um einiges feindseliger. „Mami, das ist unser Hund!“

„Nein, Schätzchen, nein!“ Ihre Mutter ist ebenso nervös wie verunsichert. „Ich hab’s dir doch erklärt! Wir können Susi nicht behalten. Sie ist nur vorübergehend hier, bis wir jemanden gefunden haben, der sie haben will!“

„Aber du hast gesagt, wenn sich keiner findet, dann können wir sie behalten!“

„Ja aber jetzt...und das habe ich überhaupt nicht gesagt! Ich habe gesagt, dann müssten wir uns vielleicht überlegen, ob ... aber du siehst ja, jetzt ...“

Das Gespräch kommt mir überaus vertraut vor.

„Susi heißt sie?“ frage ich.

Sie nickt entschuldigend. „Ja, irgendwie musste sie ja heißen. Ich hab’ ja gar nicht gedacht, dass sie so lange hier bleiben würde. Frau König hat sie her gebracht, weil sie sich mit den vielen Katzen nicht so gut vertragen hat, oder die Katzen nicht mit ihr, ich weiß nicht genau. Und jetzt hat sich meine Tochter an sie gewöhnt, na ja, Sie wissen ja selbst, wie das so geht.“

Oh ja.

„Wie alt ist sie?“

„Etwa drei Monate, glauben wir, aber so genau wissen wir es natürlich nicht.“

„Schon stubenrein?“

Sie blickt noch entschuldigender. „Noch nicht so richtig. Wissen Sie, ich kenne mich besser mit Katzen aus, da hat man das Problem nicht. Ich müsste sie wohl ständig beobachten, oder so was, ob sie sich meldet, aber ich vergesse das meistens und dann macht sie hin wo sie will.“

„Alle zwei Stunden raus!“ sage ich, denn das stand in meinen schlauen Büchern. „Auch nachts. Wie bei einem Säugling.“ Und dann gehe ich in die Hocke, um mit unserem neuen Familienmitglied Kontakt aufzunehmen. Leider ist sie nicht im geringsten interessiert an mir, sondern bemüht sich nach Kräften, eines der Kuscheltiere in Fetzen zu reißen, während die beiden Rivalinnen um ihren Besitz sich stumm und  starr fixieren, bis meine Tochter offenbar zu der Auffassung gelangt, dass sie auf jeden Fall die besseren Bataillone im Rücken hat und, sich vor die Liegestatt kauernd, eine Reihe höchst abwechslungsreicher Schnalz-und Trillerlaute von sich gibt, was den Welpen veranlasst seine bereits vollständig zerrupfte Beute fahren zu lassen und sich der Initiatorin der merkwürdigen Geräuschkulisse zuzuwenden.  

 

Dies war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Wir holten sie am 24.Juni 1993, zwei Tage nach meines Kindes achtem Geburtstag, dem ersten Ferientag, nach Hause und von da an lautete ihr Name „Sisi“.

„Susi“ gefiel uns beiden nicht.

 

Wer jemals einen Welpen aufgezogen hat - ohne eine Hündin zu sein – weiß, wovon ich jetzt rede.

Meiner Tochter sind die durchwachten Nächte nicht mehr in Erinnerung –(sowenig wie die, die ich mir ihretwegen um die Ohren gehauen habe, und zwar jahrelang!) – sie hat einen Bärenschlummer.

 Aber nach der dritten Nacht, die ich fröstelnd, den Bademantel verkehrtherum über den Nachtlumpen gewickelt, vor der Haustür verbracht hatte, heimkehrenden  Zechbrüdern ebenso gequält zulächelnd wie frühaufstehenden Arbeitnehmern, dabei das verdutzte Hundekind mit steigender Gereiztheit zum Pullern animierend, gänzlich im Unklaren darüber, wie zum Teufel ich dem kleinen Vierbeiner klarmachen sollte, was ich von ihm erwartete, weil er sich absolut weigerte mich zu verstehen und nicht die geringste Lust hatte, sein Geschäft im Dunkeln auf kalter Wiese zu verrichten, sondern es prompt tat, sobald die Wohnungstür wieder hinter ihm zugefallen war, begann ich mich zu fragen, was eigentlich in mich gefahren war, einen Hund als unbedingt notwendige  Bereicherung unserer Lebensverhältnisse ansehen zu wollen. 

Die Zeit in der ich keinen anderen Wunsch mehr im Busen gehegt hatte als den, nur eine einzige Nacht durchschlafen zu dürfen, lag ja noch nicht allzu lange zurück – denn auf  Hunger-Windelnass-Hunger-Geschrei folgten Keuchhusten-Masern-Scharlach-Husten-Schnupfen-Fieber-ich-habe-Angst-im-Dunkeln-mein-Nuckel-ist-weg-mein-Teddy-ist weg- Fieber- Schnupfen- Husten -da-war-ein böses-Tier-in-meinem-Bett- Schnupfen- Fieber-Husten- et cetera p.p. – aber offensichtlich hatte ich sie in den hintersten Winkel meines Bewusstseins verdrängt.

Ich stellte den Wecker, stolperte alle zwei Stunden in die Nacht hinaus und trat dennoch mit unschöner Regelmäßigkeit morgens in Pfützen und Häufchen, weil ich viel zu unausgeschlafen war um zu sehen wo ich hintappte. Ich war am Verzweifeln, hielt den Hund für krank, mich selbst für unfähig, rief Tierärzte, Tierheim und alle mir bekannten Hundebesitzer an um zu erfahren, was ich falsch machte. Die Antworten waren so übereinstimmend wie wenig hilfreich: „Is’ noch janz normal. Machen Se sich mal keene Jedanken. Det wird schon noch!“

„Wann?!“

„Kann man nich’ sagen. Is’ bei jedem Hund unterschiedlich. Der eene kapiert schneller, der andre braucht ’ne Weile. Is’ wie bei Menschen. Der eene hat ’ne janz kurze Leitung, der andre steht druff. Da könn’ Se nich viel machen. Jeduld haben und Nerven bewahren!“

Da liegen nicht unbedingt meine Stärken. Aber möglicherweise hatte mich die Vorsehung deshalb wiederum mit einem Baby bedacht, das auf der Leitung stand und lange brauchte.

 

Um mich Geduld zu lehren.

Ich bezweifle, dass es erfolgreich war.

Aber irgendwann – ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat; auf jeden Fall zu lange für meinen Schönheitsschlaf – begriff das Hundemädchen, dass es, bei Erledigung seines Geschäftes in freier Wildbahn, überschwänglich gelobt und belohnt, bei Verrichtung desselben innerhalb der Mauern dagegen angepfuit wurde. Gelobt und belohnt zu werden zog es vor und nachdem es beides, Ursache und Wirkung, in den richtigen Zusammenhang gebracht hatte, war es geradezu versessen darauf, hinauszukommen um „Pipi zu machen“ – einen Begriff übrigens, der bis an ihr Lebensende ein glorreiches Signal war um zur Tür zu stürmen.

Eine weitere Hürde war, Sisi daran zu gewöhnen allein zu bleiben.

Der erste Versuch endete jämmerlich, obwohl wir vorschriftsmäßig, streng nach Buch, vorgingen. Wir setzten sie auf ihr Lager, versahen sie mit Spielzeug und Kauknochen, gaben ihr ein Leckerli zum Abschied, verließen die Wohnung und verharrten einen Augenblick hinter der Tür um zu lauschen.

Auf der Gegenseite saß Sisi und lauschte offenbar ebenfalls.

Da sich nichts rührte marschierten wir die Treppe hinunter, öffneten die Haustür, traten hoffnungsvoll auf den Gehweg – und der Sturm brach los.

Durch das angekippte Küchenfenster drang ein ungeheuerliches Wehgeschrei, das nicht vermuten ließ, dass es sich hier um einen einzelnen Welpen handelte, sondern eher an die Totenklage eines Wolfsrudels für ihren gefallenen Anführer gemahnte. Zusätzlich drangen noch weit bestürzendere Geräusche an mein entsetztes Ohr, nämlich die von abstürzendem Frühstücksgeschirr, was die unglaubliche Vermutung zuließ, der Hund säße auf dem Küchentisch und tobe dort seinen Kummer aus.

Augenblicks war Schluss mit lustig und streng nach Buch; ich stürzte ins Haus und in die Wohnung zurück und tatsächlich saß der Welpe auf dem Tisch, inmitten von Eierschalen, Käseresten, Kaffee/Kakaopfützen und Marmeladetümpeln. Das ursprünglich dazu angeordnete Geschirr lag samt und sonders auf dem Fußboden, mehr oder weniger in Einzelteilen. Zentriert in dieser Verwüstung saß das kleine schwarze Wollknäuel, die spitze Schnauze zur Zimmerdecke gerichtet und heulend wie ein Miniwolf. Ich stand wie gelähmt, aber an Bestrafung war natürlich nicht zu denken, denn die Kleine stürzte sich buchstäblich, mit einem letzten jämmerlichen Aufschluchzer, in meine schlaff hängenden Arme, mir winselnd das Gesicht abschleckend und ihre unwandelbare Liebe beteuernd – und was hätte ich schon tun können?

Wir beseitigten den Trümmerhaufen, schlossen das Fenster, rückten die Stühle weit genug vom Tisch weg und begannen von neuem mit der Zeremonie des Abschieds.

Lager, Spielzeug, Kauknochen, Leckerli, Tür auf.

Bei „Tür zu“ war das Experiment misslungen, denn Sisi stand mit uns draußen auf dem Treppenflur, hoffnungsvoll wedelnd.

Ich trug sie zurück in ihr Körbchen, sagte nachdrücklich „Platz“ und sie war schon vor mir an der Tür.

Daraufhin überließ ich es meiner Tochter ihr die Grundbegriffe hündischen Gehorsams beizubringen. Sie lehrte sie „Platz“ und „Sitz“ und „Halt“ und „Lauf“ und „Pfui“. Sie ließ sie an der Tür warten, trat hindurch, schloss sie hinter sich, wartete eine Minute, kam wieder herein und gab dem erwartungsvoll sitzenden Hund ein Leckerli, vorausgesetzt, er hatte nicht gebellt. Sie brachte ihm bei, dass warten ohne Heulen lohnend und Geheul „Pfui“  war. Sie brachte ihm allerdings auch bei aufs Bett zu springen, was ich verboten hatte und was zu einem handfesten Krach führte, als ich dahinter kam. Daraufhin begriff Sisi ziemlich rasch, besagtes Lager zu meiden, beziehungsweise schnellstens zu verlassen, sobald ich auf der Bildfläche erschien, es aber ungehindert als Ruheplatz anzusehen, war ich nicht vor Ort. Innerhalb unserer kleinen Wohnanlage lief sie von Anfang an ohne Leine; und da sie sich als ausgesprochen folgsam erwies, weiteten wir dies nach wenigen Tagen auch auf Spaziergänge entlang der wenig befahrenen Straßen aus.

Sie lief brav hinter uns her; dann lief sie neben uns; dann überholte sie uns und dann lief sie voraus.

Und dann sah sie eine Katze und rannte los um sie uns zu apportieren. Kein „Sitz“, kein „Halt“ und kein „Platz“ erreichte die wild flatternden Ohren; sie rannte dem mit Höchstgeschwindigkeit entwetzenden Stubentiger nach, blind und taub für jegliche sich anbahnende Katastrophe, noch für jegliches hinter ihr her schallende Gebrüll. 

Auf der Fahrbahn wurden Schlaglöcher geflickt. Eine Fläche von zwei Quadratmetern war frisch mit Zement ausgegossen und säuberlich mit gelben Bändern abgesperrt worden, ein Warnhinweis, dem weder Katz noch Hund Beachtung schenkten. Die Katze hatte entweder genug Verstand oder genug Erfahrung oder auch nur genug Sprungkraft um über das Hindernis hinweg zu setzen; der kurzbeinige Welpe sprang mitten hinein und versank, hysterisch schreiend und strampelnd, bis zum Bauch im feuchten Baustoff.

„Mamaaa! Sie ertrinkt!“.

„In dieser Pampe? Wohl kaum. Nicht hinterher! Warte! Haalt! Oh Mann! Habe ich es denn hier nur mit...“ Den beleidigenden Rest verschluckte ich und machte mich daran, beide, Kind und Hund, aus dem Zement herauszufischen, überlegend, ob ich die an ihnen haftenden Überreste abspülen (wo?) oder lieber nach dem Hartwerden abhämmern sollte, mich fürs Spülen entscheidend, als mein Blick auf die antiquierte Straßenrandpumpe fiel, mit deren Hilfe man vermutlich dermaleinst Wasch-Trink-oder Badewasser eimerweise in die Haushalte geschnauft hatte. Jetzt zerrte ich das sechsbeinige Gespann hinter mir her, gebot dem Kind den Hund festzuhalten und ihn auf keinen Fall loszulassen und setzte den Pumpenschwengel in Bewegung, so keuchend wie dieser ächzend, betend, ihm genug Wasser entlocken zu können, um die beiden, von Minute zu Minute härter werdenden, Gestalten von ihren Verzierungen zu befreien, bevor sie zu Monumenten erstarrt waren. Ein Nachbarsjunge, um Hilfe angefleht, lieh uns seinen kräftigen Jungmännerarm und schwengelte so kräftig, dass im rauschenden Fluss das noch lockere Gestein herunterrutschte und sich im Rinnstein verkrümelte.

Des Kindes Schuhe waren anschließend ein Fall für den Mülleimer, aber Sisi wagte sich nie wieder ohne ausdrückliche Erlaubnis an den Straßenrand, geschweige denn darüber hinaus.

 

Im Herbst fuhren wir eine Woche an die Ostsee, in ein Seebad namens Koserow, dessen Slogan: „Stets kose sanft, nie kose roh, stets kose wie in Koserow!“ zwar in der Tankstelle, der Bäckerei und dem Schreibwarenladen zu lesen war, aber keine ausführlicheren Hinweise auf eventuell damit verbundene Freizeitvergnügungen lieferte.

Allerdings machte ich die Erfahrung, dass eine preiswerte, freundliche Ferienwohnung zu finden, in der Hundehaltung erlaubt ist, zu einer langwierigen Angelegenheit werden kann. Was ich fand war eine preiswerte Ferienwohnung, die Hunde erlaubte; aber sie war eine Bude mit sozialistischem Campingstandard, die allerdings unbestreitbare Vorteile aufwies: sie lag zu ebener Erde hinten raus, in einem Garten, der weder Blumenrabatte noch Gemüsebeete aufwies, also jegliches Hundebuddeln tolerieren würde; es war absolut ruhig und die Einrichtung von der Art, die weder Kinder noch Hunde noch eine Hausbesetzung mit anschließendem Happening übel nimmt. Ich hätte auch Schafe und Ziegen mitbringen können, dem Nadelfilz hätte es sowenig ausgemacht, wie Sisis Pfütze auf ihm zu bemerken war. Es war sicher nicht die erste, die dort ein Hund verloren hat.

Adele war damals noch nicht in dem Alter, wo man über fehlenden Komfort die Nase rümpft; sie bemerkte sein Fehlen nicht einmal. Es gab einen Farbfernseher mit dem man Bibi Blocksberg sehen konnte und mehr brauchte sie nicht. Dass sich dieses dringend notwendige Gerät in der Küche befand, deren weiteres Mobiliar aus Tisch und Stuhl und Eckbank bestand, vermerkte lediglich meine Wirbelsäule mit Ungnade, hielt mich dadurch vor allzu ausgedehntem Fernsehkonsum ab und trieb mich mit den Hühnern ins Bett, dessen Matratze mich wiederum durch etliche Berge und Täler in den Schlaf schaukelte.

Aber das Meer war lediglich 10 Autominuten entfernt, zumindest die, Besuchern frei zugängliche, Stelle an der Seebrücke, oder was als solche anzusehen war. Und hier gab es tatsächlich Sandstrand, feinen, weißen, puderigen Sand und unser kleiner Hund verwandelte sich von einem wolligen schwarzen Fellbündel in einen weiß bestäubten Sandwurm, der mit winziger Nase, dafür aber mit größtem Vergnügen gewaltige Furchen durch die Dünen pflügte. Daher hat sie ihren Namen, der ihr ebenso bleiben sollte wie die Lust am Sandschieben: Sisi Sandnase. 


Sisi murrte leise als der Neuling ins Auto gehoben wurde. Ganz leise. Der Welpe hatte sich im Mantel der Nachbarin verkrochen und schlief schon, bevor die Wagentür geschlossen wurde, während Adele auf die Rückbank kletterte um begütigend auf Sisi einzureden, die sichtlich beunruhigt Witterung aufnahm. Es ist eine Sache Nase an Nase mit einem knurrenden Welpen zu stehen, aber eine ganz andere, wenn derselbe Knurrhahn im Begriff ist, das eigene Revier zu okkupieren. Nach Verlassen des Autos rannte sie mit geradezu rührender Hast auf den Hauseingang zu, nur um, angekommen, feststellen zu müssen, dass der Feind sich unmittelbar hinter ihr befand und Einlass begehrte. Sie stellte Ohren und Schwanz hoch und machte sich daran, ihr Heim zu verteidigen, Welpe hin oder her.

„Sisi nein! Pfui!“

Wie? Was? Pfui? Das Biest will hier rein, in mein Revier! Das ist Pfui! Das meint ihr doch sicherlich, oder? Das meint ihr nicht? Ihr meint ich soll es zulassen? Ihr meint, das darf hier rein? In mein Rudel?

Das arme Tier ist vollständig niedergebrochen, als es erkennen muss, dass hier nicht etwa eine Kommunikationspanne vorliegt, sondern dass wir allen Ernstes von ihr verlangen, den kleinen roten Teufel ungeschoren durch die Tür spazieren zu lassen, noch dazu vor ihr.

Vor ihr!

Der Teufel marschiert ungerührt und mit steiler Rute in das neue Domizil, während eine fassungslose Sisi draußen hocken bleibt und mit den verstörtesten Kinderaugen anklagend zu uns hochblickt. Ich begreife nur halb was ich ihr da gerade antue und scheuche sie ungeduldig in die Wohnung, wo der Eindringling soeben die Reste ihres Frühstücks verspeist hat und es sich nunmehr auf ihrer Lieblingskuscheldecke auf dem Sofa bequem macht. Aber sie wagt nicht sich zur Wehr zu setzen; sie weiß was Pfui heißt und offensichtlich genießt dieses freche  kleine Ungeheuer diplomatische Immunität. Sie verkriecht sich in die hinterste Ecke unter dem Fernsehtisch und leidet.

„Sisi ist todunglücklich!“ bemerkt die Nachbarin und ich funkele sie an, verkneife mir aber jede Bemerkung darüber, wem ich diesen Familienzuwachs letztendlich zu verdanken habe.

„Sie wird sich schon dran gewöhnen“, meint sie hilfreich. „Bleibt ihr sowieso nichts anderes übrig. Morgen wieder Spaziergang?“ Damit meint sie unseren sonntäglichen Hundeausflug zum Grunewaldsee, mit Setter Charly und Leonbergerhündin Sophie.

So verschwindet sie, sichtlich zufrieden nach vollbrachtem Tagwerk, der einem kleinen Waisenhund eine neue Heimat beschert hat, während ich in den nächsten Sessel falle und mir beklommen vergegenwärtige, dass mir knapp anderthalb Tage bleiben, um einem Welpen, der schon Gott-Weiß-Was hinter sich und außerdem den größten Teil seines Lebens in einem Tierheimzwinger verbracht hat, an Stubenreinheit und stundenweises Alleinsein zu gewöhnen.

Die kleine Hündin lag auf  Sisis Kuscheldecke und betrachtete mich mit ihren hellen Augen, und der Ausdruck darin war akkurat der, den ich schon einmal gesehen hatte: im Tierheim, als sie auf Bubis Kopf thronte.

Der meine muss ausgesprochen skeptisch gewesen sein, denn sie gab einen Quiekser von sich und robbte zu mir herüber, setzte sich auf die Hinterhand und schlug mit den winzigen Pfoten in die Luft.

„Wie ein Zirkushund“, murmelte ich. „Möchte mal wissen, wer dir das beigebracht hat. Reg’ dich nicht auf, kleine Ratte, wie kriegen das schon irgendwie auf die Reihe!“

Unter dem Fernsehtisch drang ein tiefes, unglückliches Brummen hervor, mit dem Sisi ihren Kommentar abgab, der allerdings, wie ich vermutete, nicht als Zustimmung zu deuten war.

„Wie soll sie heißen?“ fragte ich meine Tochter.

„Wie heißt sie denn?“

„Na, Peggy!“

„Nee!“

„Nee und was noch?“

Sie grübelte lange, kam von Mausi über Hasi zu Pinschi, von da zu Bibi und weiter zu Barbie und Pippi, die gesamte Liste ihrer derzeitigen Heldinnen durch, bis wir uns schließlich auf Lieschen einigten.

Dennoch wurde sie nie anders als „Lise“ gerufen. Ihr fehlte von Anfang an jene gefällige Putzigkeit, die zu verniedlichenden Benennungen anregt.

Sie war ein Welpe und sie war winzig.

Aber war sie ernst zu nehmen.


Ich hatte ganz konkrete Vorstellungen davon, wo sich der Schlafplatz eines Hundes zu befinden habe, und auch genaue davon, wo er nicht sein sollte. Und in meinem Bett sollte er ganz sicher nicht sein.

Sisi hatte das immer anstandslos akzeptiert. Sie hatte ihr Körbchen, das in meinem Schlafzimmer stand und darin schlief sie.

Lise war aus  gänzlich anderem Holz geschnitzt, wie sie mir unverzüglich klar machte und sie erwies sich von Anfang an als hartgesottener Gegner. Mein Bett war ihr Bett und der Platz auf  dem sie zu nächtigen gedachte, war mein Bauch.

Nichts war mit „mein Bauch gehört mir“; mein Bauch gehörte ab sofort ihr und jeder Versuch sie vom Gegenteil zu überzeugen, stieß auf entschiedensten Widerstand. Meine Tochter schlief im Hochbett; dort kam sie also ohne Hilfe nicht hinein, abgesehen davon, dass ich mich, trüben Blickes, aufs Neue darauf eingerichtet hatte, mehrmals nächtens das Hundeklo aufsuchen zu müssen, sie also in meiner Nähe halten musste. Also wurde ihr eine Decke neben Sisis Körbchen ausgebreitet, sie selbst darauf gesetzt und eine gute Nacht gewünscht. Sisi, hereinkommend und feststellend, dass das feindliche Bataillon in die Nähe ihres Schlafplatzes vorgerückt war, machte augenblicklich kehrt und verschwand wieder im Wohnzimmer.

Lise sprang in mein Bett, wurde umgehend hinausbefördert und saß ebenso schnell wieder darin. Ich setzte sie mit Nachdruck auf ihre Decke, gebot ihr streng darauf hocken zu bleiben und begab mich auf mein Lager. Sie sprang mir umgehend hinterher. Nach dem fünften Mal

begriff ich, dass sie, was Energie und Ausdauer anging, haushohe  Überlegenheit zeigte, und dass sie die begonnene Vorstellung, perpetuierend bis zum Sankt Nimmerleinstag durchzuziehen bereit war. Ich dagegen wollte schlafen, hielt irgendwann, erschöpft und ergrimmt, Lise im Bett für das kleinere Übel, schob sie ans Fußende und zog mir die Decke an die Ohren.

Einen Augenblick blieb alles still; dann begann sie sich im Untergrund nach vorn zu arbeiten, zielstrebig wie ein Maulwurf; oben angekommen, lugte sie unter der Decke hervor, stellte fest, dass sie sich Nase an Nase mit mir befand, begegnete meinem finsteren Blick, machte kehrt, robbte ein Stück zurück und bestieg meinen Bauch, sich dort, genau auf dem Solarplexus, zusammenrollend und tief aufschnaufend zum Schlafen anschickend. Ich lag bockstill und überdachte meine Möglichkeiten. Groß waren sie nicht, wenn man Jaulen und Winseln eines ausgesperrten Welpen vermeiden wollte, was ganz entschieden meine Absicht war. Außerdem tat mir die Kleine mittlerweile unendlich leid, mindestens so sehr, wie ich ihre Hartnäckigkeit, um das zu kämpfen was sie haben wollte, bewunderte. Und ebenso wie ich mich, durch mein allzeit bereites schlechtes Gewissen, von meinem Baby hatte versklaven lassen, und jahrelang nur noch  Intervallschlafen konnte, ließ ich mich nun von einer Handvoll Hund platt machen. Hier war ein Baby mit Verlustängsten, dass viel zu früh und viel zu sehr herumgeschubst worden war und nun nichts mehr als Körperwärme und einen beruhigenden Herzschlag brauchte; und schließlich kann man auch mit einem kleinen Hund auf dem Bauch schlafen.

Lise belohnte meine Nachgiebigkeit insofern, als sie weder nachts Gassi gehen wollte, noch eine Pfütze an unangemessenem Ort machte; sie war sofort stubenrein.

Eigentlich.


Auf dem Parkplatz im Jagen 12 entkletterten meinem Mitsubishi zwei Frauen, ein Kind, sowie zwei große und zwei kleine Hunde, deren Leinen sich hoffnungslos verheddert hatten und vor den Augen grinsender  Spaziergänger entwirrt werden mussten. Charlie, der Irische Setter, brach sich fast das Genick und mir beinahe den Unterkiefer bei dem ungestümen Versuch, den gordischen Knoten, der ihn daran hinderte mit langen Sätzen im Waldesdunkel zu verschwinden, durchzuhauen, während Lise, die schon auf der Fahrt eine tiefe Leidenschaft für ihn entwickelt hatte, sich  strampelnd bemühte es ihm gleichzutun. Sophie, die gewaltige Leonberger Hündin, ließ sich mehr oder minder aus dem Wagen plumpsen und Sisi, nichts als vorauseilender Gehorsam, saß brav bei Fuß – wenn auch nicht ganz klar war, bei welchem – und wartete geduldig, bis sich der Treck formiert hatte. Charlie rannte bereits; diese sonntäglichen Ausflüge, bei denen er seinem Laufbedürfnis ungehemmt die Zügel schießen lassen konnte, gehörten zu den Höhepunkten seiner Woche. Wenn ich anrief, um mitzuteilen dass es nun losgehen sollte, erkannte er offenbar schon am Klingeln, dass ich es war und bekundete mit schrillstem Jaulen Einverständnis sowie Begeisterung. Alle Wege die wir liefen legte er mindestens fünfmal zurück, ohne im Mindesten zu schwächeln.

Lise fand ihn Spitze. Er hingegen bemerkte nicht einmal ihre Anwesenheit, zumal sie ihm kaum bis zum Knie reichte. Er war schon weit voraus, während wir noch überlegten, ob wir es riskieren sollten, den Welpen ohne Leine laufen zu lassen.

„Riskieren!“ entscheide ich. „Hier kann ihr nichts passieren. Und jeder normale Welpe wird beim Rudel bleiben.“

„Du sagst es!“ nickt die Nachbarin. „Jeder normale Welpe.“

Ich blicke sie irritiert an, habe aber bereits die Leine abgehakt und Lise saust los, dem rotbraunen Burschen hinterher, der mit langen, raumgreifenden Sätzen seine Fährten abrennt, um festzustellen, ob sich in der Woche seiner Abwesenheit Veränderungen ereignet haben.

 

„Fünf Minuten“, schätze ich, „ dann ist sie platt.“ Aber der kleine Pinscher ist bedeutend zäher als er aussieht und bleibt dem großen Setter hartnäckig auf den Fersen, folgt ihm unbeirrt und herzensttreu, auch als dieser auf den zugefrorenen See hinausschlittert, auf dünnem Eis einbricht und, mit gerade mal nassen Pfoten, ans Ufer zurückspringt. Lise versinkt im Uferstreifen des brackigen, eiskalten Dezembersees und muss gerettet werden, wobei ich meine Tochter gerade noch davon abhalten kann, sich opferbereit in den Tümpel zu stürzen. Dem Hund klappern die Babyzähnchen und er muss für den Rest des Weges unter der Jacke verstaut werden, um dortselbst die soeben gemachten Erfahrungen auszuwerten. Offenbar wurde, nach eingehender Überlegung, entschieden, dass Wasser lediglich in kleinen Portionen und in einem überschaubaren Trinknapf zu akzeptieren sei. Keine Katze könnte wasserscheuer sein als Lise, kein Maultier sturer in seiner Weigerung auch nur einen Schritt ins Freie zu tun, solange es regnet. Sommerliche Badevergnügen sind, zumindest was mich angeht, eine höchst zweifelhafte Angelegenheit, da zwar Sisi, weil in vollkommener Unkenntnis darüber, dass sie dem Ersäufen einst nur knapp entgangen ist, tapfer, wenn auch nicht unbedingt freudig, mit mir schwimmt, Lise jedoch jämmerlichst und schrillst kreischend am Ufer steht, sich schließlich in wilder Verzweiflung ins Wasser stürzt, in Windeseile auf mich zupaddelt, um schließlich auf mir an Bord zu gehen um ins Trockene zu gelangen, was ziemlich schmerzhafte und höchst unkleidsame Kratzer auf meiner bloßen Haut verursacht.

Ihre Verlustängste waren ungeheuerlich  und es gab keine Chance, sie langsam und sacht an ein paar Stunden Alleinsein zu gewöhnen.

Von unserem Ausflug zurückgekehrt, verkroch sie sich müde in meinem Bett, was ich für einen guten Zeitpunkt hielt, zu verschwinden, um ihre Reaktion zu beobachten. Wir hatten kaum die Tür hinter uns geschlossen, als auf der anderen Seite etwas dagegen krachte und das markerschütternde Geschrei, von dem dieses Krachen begleitet wurde, keine Zweifel daran aufkommen ließ, wer dieses unerfreuliche Geräusch verursacht hatte. Sie schrie gellend, ohrenbetäubend und steinerweichend, wie in Todesangst, was vermutlich auch genau das war, was sie empfand, und warf sich mit Vehemenz unablässig gegen die Tür.

„Raus!“ sage ich mit zitternden Lippen zu Adele und schiebe sie zum Hauseingang. „Solange sie uns hört, wird sie schreien!“

Dem Kind stehen die dicken Tränen in den Augen und beginnen bergab zu kullern, als es folgsam hinausstolpert und  mich dabei ansieht, als sei ich der Erzfeind der Christenheit. Wir stürzen hinaus und legen zwanzig Meter Abstand zwischen uns und das Haus, aber das durchdringende Geheul verfolgt uns und ich weiß, dass sie immer weiter gegen die Tür anspringt, hinter der sie gefangen ist. In das Kreischen dringt jetzt ein anderer Ton, ein wenig tiefer, unwillig und offenbar um Ruhe flehend: Sisi hat eingestimmt und so wie es sich anhört, beabsichtigen beide dieses misstönende Konzert in steigender Kakophonie bis zum Stimmbandriss fortzuführen.  Hinter den Gardinen regen sich die Nachbarn; Türen klappen, Fenster werden entriegelt und Antlitze mit unterschiedlichsten Missbilligungsgraden sichtbar. Ich marschiere ins Haus zurück, geschlagen wie  Napoleons Armee vor Moskau und reiße die Tür auf, willens dem Getier mit einem energischen „Pfui!“ zu zeigen wo der Hammer hängt; aber der Anblick des jammervollen Bündels, dass an mir hochspringt und bitterlich weinend alle seine Ängste herausschluchzt, lässt jeglichen Tadel weit unterhalb meiner Kehle absterben.

Was nun?

Ich rufe die Nachbarin an.

„Sie kann nicht allein bleiben!“ erkläre ich und schildere die vergangenen zehn Minuten auf das Anschaulichste.

„Dachte ich mir schon“, erwidert sie lakonisch. „Wirst auch kaum erwarten können, dass sie das innerhalb eines Tages begreift. Musst ihr ein bisschen Zeit geben. Peu a peu wird sie sich dran gewöhnen. Hat Sisi schließlich auch.“

„Du bist gut!“ sage ich wütend. „Sisi hatte sechs Wochen Zeit sich daran zu gewöhnen. Jetzt habe ich keine sechs Wochen. Stattdessen habe ich in sechs Wochen höchstwahrscheinlich die Kündigung! Ich muss morgen arbeiten und sie schreit hier das ganze Haus zusammen! Du musst sie nehmen, solange wenigstens, bis sie es ein paar Stunden aushält!“

 

Sie stimmt zu, mit der Einschränkung, nicht den ganzen Tag Babysitten zu können. „Ich muss schließlich die Aufgänge saubermachen und da kann ich das Wiesel nicht mitnehmen. Und wenn sie mein Haus zusammenschreit, bringe ich sie zurück!“


 

 Sophie war eine Leonbergerhündin, die im TH Lankwitz vor sich hin dämmerte und offensichtlich das Leben aufgegeben hatte. Sie war völlig entkräftet auf der Landstraße gefunden worden und es wurde vermutet dass sie bis zur Erschöpfung einem Wagen hinterher gerannt war...Kurz zuvor musste sie noch Welpen gehabt haben...

Ihre Tätowierung war nicht mehr erkennbar, aber rein vom Aussehen entstammte sie einer ostdeutschen Zucht - und war offenbar nicht mehr "gebrauchsfähig".

Meine damalige Nachbarin überzeugte die Tierheimleitung, von ihrer überzogenen Geldforderung abzusehen und ihr die Hündin zu überlassen.

Das war 1994, kurz bevor ich Lise holte.

Sophie blühte auf und war eine der schönsten und liebevollsten Hündinnen die ich je kennenlernen durfte.

Und sie ließ sich ausnehmend gern und geduldig fotografieren - was man von Charly nicht behaupten konnte. Er saß nie annähernd lange genug still.

 

Wenn ich mich recht entsinne hatte Sophie noch fünf oder sechs Jahre, in denen sie geliebt und umsorgt wurde.


Erstaunlicherweise schrie sie nicht. Entweder lag es der Anwesenheit Charlys, den sie anhimmelte, oder an der von mindestens zwölf Katzen, in allen Größen und Schattierungen, die so interessante Jagdaussichten eröffneten, dass Gefühle von Verlassenheit nicht aufkommen konnten, oder die Nachbarin strahlte unmissverständliche Intoleranz gegenüber jedweden hysterischen Anfällen aus, jedenfalls gab es keinerlei Schreiattacken mehr und die Stunden, die Lise, zusammen mit Sisi, in unserer eigenen Behausung zubringen konnte, ohne durchdringend zu kreischen, wurden immer länger.

Allerdings bedeutete das nicht, dass sie diese Zeit in stiller Meditation oder gar unschuldigem Schlaf hinbrachte. Sie suchte sich Beschäftigung und sie fand sie, wenn ich auch heute annehmen möchte, dass der Sinn dieser Suche ausschließlich darin bestand, entweder Fressbares oder eine Höhle oder beides zu finden.

Wie sie den so genannten Apothekenschrank, eine herausrollbare Tür mit entsprechenden Fächern, öffnen konnte, wird mir für immer ein Rätsel bleiben, obgleich zu vermuten steht, dass die Tür nicht vollständig geschlossen war, sondern einen winzigen Spalt für eine winzige, aber spitze, Nase bot, um als Keil wirksam zu werden.

Dieser Schrank war mein Vorratsschrank und was ich bei der Heimkehr vorfand, lässt unschwer die Gefühle erahnen, die mich beim Anblick des Küchen- Armageddons überkamen und fast überwältigten. Das Schlimmste allerdings war, dass Lise, die den Schrank bis in die zweite Etage hinauf ausgeräumt hatte – höher war sie nicht gelangt - eine ganze Tüte Naturreis gefressen hatte - und zwar ohne ihn vorher zu kochen - jetzt mit aufgeblähtem und mehlbestäubtem Bauch auf der Seite lag und jappste. Ich wähnte ihr letztes Stündlein gekommen, griff hektisch nach Tasche, Tier und Autoschlüssel um den Tierarzt aufzusuchen, den torkelnden Welpen gerade noch rechtzeitig auf der Wiese absetzend, um zu verhindern, dass dünne, gelbliche und wässerige,  nichtsdestoweniger unmäßig stinkende, Rinnsale aus ihrer Heckpartie in mein Wohnzimmer sprudelten.  Dies wiederholte sie in halbstündigem Abstand und da es ihr anschließend eindeutig besser ging, konnte von dem Arztbesuch abgesehen werden.

Was das Verdauen von eigentlich Unverdaulichem anging, war und ist sie ein wahrhaftes Phänomen. Eigentlich konnte man sie nicht unangeleint laufen lassen, weil sie sich grundsätzlich bemühte Fressbares aufzuschnobern und sehr häufig erfolgreich war, aber außer Dünnpfiff und Bauchgrimmen hat ihr diese verderbliche Eigenheit nie nachhaltigen Schaden zugefügt. Gottlob.

Sisi, das Musterhündchen, konnte nach ihrem Erlebnis im Feuchtzement, gänzlich unbesorgt von der Leine befreit werden. An der Straße lief sie brav hinter oder vor mir und falls eine Katze ihre Aufmerksamkeit erregte und sie zur Hatz ansetzen wollte, genügte in der Regel ein scharfes „halt!“ um sie zur Salzsäule erstarren zu lassen. Zumindest funktionierte dieser Mechanismus an der Straße. Als sie im ländlichen Frankenwald eine Wildspur aufnahm, verschaffte sich der Kleine Münsterländer in ihr unmissverständlich Gehör und ließ sie alles an Erziehung und Gehorsam, was ich vermeinte ihr beigebracht zu haben, in den Wind schlagen und dem Rehrudel, dass sich schon längst nicht mehr an Ort und Stelle befand, in den Wald nachsetzen, Lise im Kielwasser, und alles Pfeifen, Schreien und Rufen verhallte ungehört im Äther. Oder wo auch immer.

Die Viertelstunde, die ich damit zubrachte ihrer Rückkehr zu harren, gehören nicht zu meinen erfreulichen Erinnerungen, weil ich ständig darauf gefasst war, die Schüsse knallen zu hören, mit denen ein Förster den wildernden Hunden das Lebenslicht ausgeblasen hatte.

Auch als Lise im Berliner Grunewald ein Wildschwein stellte, weil sie grundsätzlich alles ankläffte, was größer war als sie – genau genommen also den Rest der Welt – war dies nichts, was ich als Heldentat verbucht hätte, denn vor Wildschweinen habe ich mörderischen Respekt und jede Schwarzwildspur lässt mich den unverzüglichen Rückmarsch aus der Gefahrenzone antreten, was ich allerdings versäumt hatte, dem vernunftlosen Pinscher rechtzeitig klarzumachen.

Wir verlagerten danach unsere Spaziergänge von den Wäldern auf die Felder. Zumindest dort konnten beide Hunde frei umherstreifen, was Lise, nach dem Vorfall im Park, in unserem Wohngebiet nicht mehr gestattet war.

Es war unser kleiner Abendspaziergang, der um den Alboinplatz herumführte, auf dem sich ein Kinderspielplatz befand, angrenzend an ein nostalgisches Pissoir-Häuschen, das allerdings durchaus  noch in Benutzung war.

Lise trieb sich im Gebüsch herum, in unmittelbarer Nähe des Pissoir-Häuschens und als sie zurückkehrte erwies sich, dass diese lobenswerte Einrichtung zwar zur Benutzung bereit stand, jedoch offenbar nicht jeder Mitbürger die Auffassung vertrat, sie auch benutzen zu müssen, sondern dies als reine Kann-Bestimmung angesehen hatte;  dass dringende Geschäfte nicht in der Bedürfnisanstalt, sondern daneben verrichtet worden waren; und nicht nur solche rein flüssiger sondern bedauerlicherweise auch mehr oder weniger fester Natur.

Und in solchen Geschäften, von allerdings durchaus nicht fester Natur, hatte mein Hund sich gewälzt und zwar ausgiebig.

Der Gestank der römischen Cloaca maxima hätte kaum widerwärtiger sein können. Das Tier war von den Ohren bis zur Bauchmitte besudelt und eindeutig ein Fall für den Vollwaschgang; es war nicht einmal möglich, ihr die Leine einzuhaken, ohne ins Glück zu greifen und ohne Leine wagte ich nicht mit ihr zwei Straßenkreuzungen zu überqueren. Ich musste also hinein ins Vergnügen, heidnische Verwünschungen ausstoßend und ebensolche Eide schwörend, diese Ausgeburt eines missratenen Kloakenköters niemals – niemals!!! – wieder von der Leine zu lassen und dieselbe am besten noch mit einer Eisenkugel von Melonengröße zu sichern.

 

Wer eine detaillierte Beschreibung von Aussehen, Konsistenz sowie Geruch des Konglomerates wünscht, der wird mit der Lektüre von Peter Weiß: „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ ausreichend bedient sein. (Ich stehe allerdings nicht für die Folgen ein. Ich musste es als Siebzehnjährige in der Schule lesen und weiß bis heute nicht warum.)

Im Dezember hatte ich sie geholt.

Im Februar war ich soweit, mich wieder von ihr trennen zu wollen.

Zunächst hatte sie das Sofa zerlegt. Bei der abendlichen Heimkehr sah das Wohnzimmer aus, als sei ein Blizzard hindurch gezogen oder eine Lawine niedergegangen – alles weiß. Die Langeweile oder das Bedürfnis sich eine Höhle zu graben, hatten Lise veranlasst den, zugegeben schon etwas mürben, Bezugsstoff des Möbels mit der Nase anzubohren, fündig werdend immer weiter und weiter zu bohren und dann begeistert die schaumstoffartigen Innereien herauszuzerren und im Raum zu verteilen. Der Bezugsstoff war vollständig zerrissen, die Sitzfläche glich einer Voralpenlandschaft und Lise hatte sich innerhalb der ehemaligen und nur noch fragmentarisch vorhandenen Polsterung, eingegraben. Sie lugte mit unruhig arbeitender Nase daraus hervor, offenbar etwas unsicher, ob dieses Happening meinen Beifall finden würde.

„Das Sofa“, erkläre ich meiner Tochter, „ist ein Fall für den Sperrmüll. Und es hat überhaupt keinen Zweck sie auszuschimpfen, “ - weil das Kind Anstalten macht, dem Hund mit größtem Ernst ins Gewissen zu reden - „denn sie hat nicht die geringste Ahnung, worum es geht!“

„Aber sie sieht ganz kleinlaut aus!“ wendet Adele ein. „Sie weiß bestimmt, dass sie Mist gebaut hat!“

„Nein, weiß sie nicht. Sie hat nur Manschetten, weil sie merkt, dass wir sauer sind, aber warum, das weiß sie nicht. Die meistem Leute machen den Fehler zu glauben, dass ein Hund ganz genau wüsste, was er falsch gemacht hat, weil er den Schwanz einkneift und ängstlich guckt. Aber er weiß es nicht. Er weiß es nur, wenn man ihn direkt bei seiner Untat erwischt und das haben wir leider nicht. Ich fürchte, “ und ich atme tief durch, „dass Lise bei uns falsch ist. Sie braucht ein Zuhause, wo immer jemand da ist. Sie kann nicht allein bleiben.“

„Aber sie ist doch nicht allein! Sisi ist doch da und Frau Fahringer kommt immer und holt sie am Vormittag und dann sind es bloß noch ein paar Stunden! Da wird sie sich doch dran gewöhnen!“

„Das habe ich gehofft. Aber irgendwie sieht es nicht danach aus.“

„Doch, wird sie! Ganz bestimmt!“

Ich hatte meine Zweifel, aber auch keine Lust auf einen Tränenstrom, also schwieg ich vorerst.

Das Kind hatte ja nicht ganz unrecht; dadurch dass sie den größten Teil des Vormittags bei der Nachbarin verbrachte, musste sie nur knapp vier Stunden allein sein; und Sisi war schließlich auch noch da, und hatte sich mittlerweile mit der Existenz des Familienzuwachses abgefunden, der ja letztendlich mit dafür sorgte, dass die Stunden des Alleinseins auch für sie erträglicher wurden. Ein zweiter Hund ist immerhin Teil des Rudels und mag tröstlich sein, wenn man auf die Rückkehr des Anführers warten muss.

Aber Sisis Naturell war anders als Lises. Sie war gemütlicher und auch genügsamer, sehr viel ruhiger und auch langmütiger. Sie lechzte nicht unablässig nach Zuwendung und Beschäftigung. Und sie war immer bereit sich mit Dingen abzufinden, die eben so und nicht anders gegeben waren. Lise fand sich mit nichts ab, zumindest nicht kampflos.

Und sie fühlte sich nicht sicher, solange wir nicht zu Hause waren.

Nachdem sie das Sofa verhackstückt hatte, schleppte ich einen Pappkarton an, legte ein Kissen hinein und hängte ihn mit Decken zu, in der Hoffnung, sie möge ihn als Höhle akzeptieren. Sie zerhäckselte ihn innerhalb von drei Tagen in daumengroße Stücke. Aber immerhin schien diese Tätigkeit sie ausreichend beschäftigt zu haben, denn sie stellte nichts Schlimmeres an als dieses, sodass ich ihr mehrere Kartons  mitbrachte, in der Hoffnung sie damit von anderen Zerstörungen ablenken zu können.

Ich beschloss sodann, wenn auch zögernd, tagsüber mein Schlafzimmer offen zu lassen, damit sie sich in den vertraut riechenden Kissen eine Höhle buddeln konnte.

Sie pinkelte hinein, offenbar, wie ich heute vermute, um Sisi, die wahrscheinlich ebenfalls ins Bett wollte – was sie, wie bereits erwähnt, nur tat, wenn ich nicht zu Hause war – ihren Alleinvertretungsanspruch auf dieses Lager zu demonstrieren.

Als ich, beim Zubettgehen, meine bis zur Matratze feuchte Bettstatt entdeckte, lief das Fass über. Ich warf die Matratze samt Kissen und Decken auf den Balkon, schlief auf dem ramponierten Sofa, dessen Löcher ich notdürftig mit Kissen gestopft hatte und entschied, dass Lises Bleiben in diesem Haushalt nicht mehr länger währen könne.

Meine Tochter, von meinem Entschluss in Kenntnis gesetzt, heult wie ein kaiserlicher Schlosshund.

„Du bist gemein! Sisi hat auch Mist gebaut und du hast sie nicht gleich wieder weggegeben!“

„Sisi hat nie größeren Mist gebaut als ein paar Schuhe zu zerknabbern! Und was heißt gleich? Wir haben sie seit fast drei Monaten und sie zieht immer weiter eine Spur der Verwüstung hinter sich her, wo sie geht und steht! Schätzchen, glaub mir doch, der Hund ist hier bei uns falsch! Lise braucht jemanden, der den ganzen Tag zu Hause ist, nette ältere Leute, die sich mehr um sie kümmern können. Sie hat einfach Angst wenn sie allein ist und sie langweilt sich, aber deswegen kann ich doch nicht aufhören zu arbeiten! Ich muss schließlich das Hundefutter verdienen!“

Das Kind schnieft jämmerlich und drückt den Gegenstand seines Schluchzens eng an sich.

„Aber sie ist doch hier zu Hause! Was soll denn aus ihr werden? Sie hat uns doch lieb! Würdest du mich auch einfach verkaufen, wenn ich was falsch mache?“

Manchmal schon, denke ich ketzerisch und jeglichen Mutterinstinkten abhold.

„Sisi hat uns lieb. Bei Lise bin ich mir da gar nicht so sicher. Und darum geht es auch überhaupt nicht. Wir haben die Verantwortung für sie und wir müssen das tun, was für sie das Beste ist. Und ich glaube nicht mehr, dass bei uns zu sein, das Beste für sie ist. Ich werfe sie doch nicht auf die Straße!“

Oho, das klingt aber richtig gut und wenn mir auch das Kind nicht glaubt, so glaube ich mir doch selber, zumindest solange, bis sich auf meine Annonce ein reizender älterer Herr meldet, der genau das anbietet, was, wie ich behauptet habe, der Hund dringend braucht: ein kleines Reihenhäuschen mit Garten, gelegen im grünen Süden von Berlin, ein Rentnerehepaar, den ganzen Tag zu Hause, aber durchaus rüstig, um mit dem Tier viele Spaziergänge im Park machen zu können und von offensichtlich freundlicher und liebevoller Gemütsart.

Und genau da, im ungünstigsten Augenblick, steht wieder Omas Purzel vor mir, ganze Heerscharen von überfütterten Zwergpinschern hinter sich, die, an der Leine keuchend, ihre halbstündigen Runden im Park drehen und anschließend erschöpft dem Kaffeeklatsch ihrer Besitzer im Stammcafe beiwohnen, immerhin noch rege genug um die Tortenhäppchen aufzufangen, die vom Tisch herunterbröseln.

Ich sehe meine zierliche, agile Lise an, die auf dem lädierten Sofa hockt und mit einem Kauknochen kämpft, der fast so groß ist wie sie; sehe sie, fünf Kilo schwerer, auf einem weichen Kissen schnaufend, von dem sie Mühe hat hochzukommen, abgesehen davon, dass sie keine Lust dazu verspürt, um ihre tägliche, immer gleiche Runde durch den Park zu absolvieren, die sie in-und auswendig kennt und die ihrem abgestumpften Gehirn keinerlei Anreize mehr bietet; denke, dass sie erst ein halbes Jahr alt ist, und warum sich Rentner unbedingt einen Welpen anschaffen wollen, der sie möglicherweise überleben wird, statt einer armen Tierheimseele, die ihnen im Alter näher steht.

 

Und ich sehe wie sie aufblickt, feststellt, dass ich sie beobachte, mit der dünnen Rute wedelnd gegen die Polster klopft und plötzlich vom Sofa springt, den Kauknochen in der Schnauze, um ihn mir zu Füßen zu legen, erwartungsvoll zu mir aufblickend und ich frage mich, wie ich jemals behaupten konnte, sie würde uns nicht lieben.

Meine Augen werden nass, ob solch schmählichen Verrates und ich mache mich daran, dem Bewerber die Gründe darzulegen, warum ich für den Hund einen neuen Besitzer suche, erwähne das Sofa und das bepinkelte Bett, sowie die Schreiattacken, bin gnadenlos ehrlich und lasse nichts aus,  das harte Schicksal erläuternd, das dieser arme Hund schon hinter sich hat und das sicherlich als Ursache für diese Verhaltensstörungen anzusehen seien.

 

Dieser gelungene Werbefeldzug führt unmittelbar zum Erfolg; der Bewerber dankt höflichst und erklärt, sich zunächst mit seiner Frau beraten zu müssen.

Dies war mein erster und letzter Versuch, ein Kreuz namens Lise, abladen zu wollen.


2004 - als ich diese Geschichte schrieb -  wurde sie zehn Jahre alt und Sisi elf.

Ihre Schnauzen - zumindest Lises - wurden unaufhaltsam grau, die Augen etwas trübe. Ihr Marschtempo hatte sich verlangsamt und war einem gemütlichen Schlendern gewichen; statt um die Wette zu rennen, wurden ausgiebig Nachrichten ausgeschnüffelt und Schlafen oder Dösen machte den größten Teil des Tages aus. Lise mussten zehn Zähne gezogen werden und ihre Augen waren so schlecht, dass sie mittlerweile jeden Busch anbellte, weil sie ihn nicht als solchen erkannte.

Das Mitteilungsbedürfnis von beiden war allerdings ungebrochen, das heißt, jedes Klingeln, jeder Unbekannte, der den Hausflur betrat, jeder Hund der unbefugterweise vorbei lief, wurde mit Bellen begrüßt, das um einige Dezibel über der Schmerzgrenze lag. Und leider hatte ich ihnen nicht beibringen können, solche Befehle wie „aus!“ zu befolgen. Sie bellten, bis alles und jeder die Flucht ergriffen hatte und wieder verschwunden war.

Aber ich hatte nette Nachbarn, die – meistens – einsahen, dass dieses Getöse durchaus in der Lage war, unerwünschtes Gelichter von unseren Heimen fernzuhalten.

 

Ich überlegte ob Sisi ohne Lise leben könnte, und hielt es für durchaus möglich, denn sie hatte sich zwar schon lange mit ihrer Existenz abgefunden, aber ihre Freude, wenn man ganz allein und nur mit ihr spazieren ging, war unübersehbar.

Von Lise glaubte ich es nicht. Ihre Anhänglichkeit und Treue an das Rudel war Grundlage ihres Lebens und ihr Platz war immer da, wo alle anderen auch waren und zwar ganz dicht. Nach wie vor schlief sie in meinem Bett; zwar nicht mehr auf dem Bauch, aber immer noch in unmittelbarer Nähe meines Herzens.

Ihrer beider Leben verlief inzwischen in Geruhsamkeit und Gleichmaß und ihre Ausgeglichenheit, die mich beim Heimkommen empfing, ließ Chaos, Lärm und Hektik eines anstrengenden Arbeitstages jenseits der Tür. Wir waren zu dritt grau und ein klein wenig ruhiger geworden, jeder von uns auf seine eigene, ganz persönliche Weise.

Natürlich war mir klar, dass sie vor mir über die Regenbogenbrücke gehen würden, aber ich hoffte, dass dieser Tag noch weit in der Zukunft lag, weil ich mir nicht einmal vorstellen wollte, wie meine Welt ohne sie aussehen würde...

Damals waren sie noch gesund und munter; keine von beiden war jemals ernsthaft krank – was bei Lise an ein Wunder grenzte, angesichts ihrer verderblichen Neigung auch das Unverdaulichste auf seinen Geschmack hin zu testen – und jede von ihnen war in ihrem Wesen unverändert geblieben; sanftmütig und folgsam die eine, kriegerisch und angriffslustig die andere. Dennoch gehörten sie zusammen wie zwei unterschiedliche Seiten einer Münze und die  überwiegend friedliche Koexistenz in der sie in diesen zehn Jahren zusammen lebten, zeigte zumindest mir ein weiteres Mal, wie viel wir von unseren vierbeinigen Gefährten lernen könnten: an Geduld und Toleranz, an gutem Willen und der Bereitschaft zurückzustehen; an Vertrauen und Hingabe und dem tiefen Bedürfnis, Konflikte nach Möglichkeit zu vermeiden.

Jedes Wolfsrudel könnte uns die hohe Schule des sozialen Miteinanders vorreiten; und in den Hunden, ganz gleich wie sehr Menschen an ihnen herumgezüchtet- und gepfuscht  haben, steckt noch genug Wolf, um uns eine sehr genaue Vorstellung geben zu können, wie man leben sollte, wenn man nicht in Krieg, Blut und Tränen untergehen will: indem man das eigene Wohl nicht als ultimativen Maßstab für ein gutes Leben ansetzt.

Das haben sie mich gelehrt, meine vielen Freunde auf vier Pfoten und auch meine beiden guten Mädchen, deren Spur der meinen so lange gefolgt ist.

 

Drei Tage in deinem Leben…

"Wenn Du jemals ein Tier liebst, dann gibt es drei Tage in Deinem Leben, an die Du Dich immer erinnern wirst...

Der erste ist ein Tag, gesegnet mit Glück, wenn Du Deinen jungen neuen Freund nach Hause bringst. Vielleicht hast Du einige Wochen damit verbracht, Dich für eine Rasse zu entscheiden. Du hast möglicherweise unzählige Meinungen verschiedener Tierärzte eingeholt oder lange gesucht, um einen Züchter zu finden. Oder, vielleicht hast Du Dich auch einfach in einem flüchtigen Moment für den dümmlich aussehenden Trottel im Schuppen entschieden - weil irgendetwas in seinen Augen Dein Herz berührt hat.

Aber wenn Du Dein erwähltes Haustier nach Hause gebracht hast und Du siehst es erforschen und seinen speziellen Platz für sich in Anspruch nehmen - und wenn Du das erste Mal fühlst, wie es Dir um die Beine streift - dann durchdringt Dich ein Gefühl purer Liebe, das Du durch die vielen Jahre, die da kommen werden, mit Dir tragen wirst.


Der zweite Tag wird sich acht oder neun Jahre später ereignen. Es wird ein Tag wie jeder andere sein. Alltäglich und nicht außergewöhnlich.

Aber für einen überraschenden Moment wirst Du auf Deinen langjährigen Freund schauen - und Alter sehen, wo Du einst Jugend sahst. Du wirst langsam überlegte Schritte sehen, wo Du einst Energie erblicktest. Und Du wirst Schlaf sehen, wo Du einst Aktivität sahst. So wirst Du anfangen, die Ernährung Deines Freundes umzustellen - und womöglich wirst Du ein oder zwei Pillen zu seinem Futter geben. Und Du wirst tief in Dir eine wachsende Angst spüren, die Dich die kommende Leere erahnen lässt.


Und Du wirst dieses unbehagliche Gefühl kommen und gehen spüren, bis schließlich der dritte Tag kommt.

Und an diesem Tag - wenn sich Dein Freund und Gott gegen Dich entschieden haben, dann wirst Du Dich einer Entscheidung gegenüber sehen, die Du ganz allein treffen musst - zugunsten Deines lebenslangen Freundes, und mit Unterstützung Deiner eigenen tiefsten Seele. Aber auf welchem Wege auch immer Dein Freund Dich verlassen wird - Du wirst Dich einsam fühlen, wie ein einzelner Stern in dunkler Nacht.

Wenn Du weise bist, wirst Du die Tränen so frei und so oft fließen lassen, wie sie müssen.

Und wenn es Dir typisch ergeht, wirst Du erkennen, dass nicht viele im Kreis Deiner Familie oder Freunde in der Lage sind, Deinen Kummer zu verstehen oder Dich zu trösten.

Aber wenn Du ehrlich zu der Liebe zu Deinem Haustier stehst, für das Du die vielen, von Freude erfüllten Jahre gesorgt hast, wirst Du vielleicht bemerken, dass eine Seele - nur ein wenig kleiner als Deine eigene - anscheinend mit Dir geht, durch die einsamen Tage die kommen werden.

Und in den Momenten, in denen Du darauf wartest, dass Dir all unser Gewöhnliches passiert, wirst Du vielleicht etwas an Deinen Beinen entlang streichen spüren - nur ganz leicht.

Und wenn Du auf den Platz hinunterschaust, an dem Dein lieber - vielleicht liebster - Freund gewöhnlich lag, wirst Du Dich an die drei bedeutsamen Tage erinnern. Die Erinnerung wird voraussichtlich schmerzhaft sein und eine gähnende Leere in Deinem Herzen hinterlassen.

Während die Zeit vergeht, kommt und geht dieser Schmerz als hätte er sein eigenes Leben. Du wirst ihn entweder zurückweisen oder annehmen, und er kann Dich sehr verwirren. Wenn Du ihn zurückweist, wird er Dich deprimieren. Wenn Du ihn annimmst, wird er sich vertiefen. Auf die eine oder andere Art, es wird stets ein Schmerz bleiben.

Aber da wird es, das versichere ich Dir, einen vierten Tag geben - entlang mit Erinnerungen Deines Haustieres - und durch die Schwere in Deinem Herzen schneiden. Da wird eine Erkenntnis kommen die nur Dir gehört. Sie wird einzigartig und stark sein, wie unsere Partnerschaft zu jenem Tier, das wir geliebt - und verloren haben.

Diese Erkenntnis nimmt die Form lebendiger Liebe an - wie der himmlische Geruch einer Rose, der übrig bleibt, nachdem die Blätter verwelkt sind. Diese Liebe wird bleiben und wachsen - und da sein für unsere Erinnerung. Es ist eine Liebe, die wir uns verdient haben. Es ist ein Erbe, das unsere Haustiere uns vermachen, wenn sie gehen. Und es ist ein Geschenk, das wir mit uns tragen werden solange wir leben. Es ist eine Liebe, die nur uns allein gehört. Und bis unsere Zeit selbst zu gehen gekommen ist, um uns vielleicht unserem geliebten Tier anzuschließen, ist es eine Liebe, die wir immer besitzen werden."

 

(Martin Scot Kosins)

Sisis dritter Tag kam am 28.April 2007.

Ich hatte nur sechs Wochen Zeit um mich darauf vorzubereiten – und mich abzufinden.

 

Als meine Tochter auszog, um ihr eigenes Leben als Erwachsene zu leben, muss etwas in der kleinen Gefährtin ihrer Kinderjahre zerbrochen sein; vielleicht war es ihr Herz.

Ich hatte beim Umzug geholfen und war relativ spät nach Hause zurückgekehrt; schon auf dem Parkplatz hörte ich sie schreien und rannte wie besessen die Treppen hinauf. Sie saß auf meinem Bett und heulte ihre verzweifelte Not in die Nacht. Zwar erkannte sie mich noch und beruhigte sich wieder, aber sie war eindeutig nicht mehr sie selbst. Sie hatte keine Orientierung mehr, war auf einmal völlig blind und taub, fiel die Treppe hinunter wenn ich nicht schnell genug hinterher war um sie zu tragen, und taperte wimmernd und ziellos durch die Räume. Die Tierärztin war ratlos, Homöopathie half nicht und auch meine Agi – meine Telefonverbindung „nach drüben“ -  fand keinen Zugang mehr zu ihrer Seele, nur schwarze Leere. Da ihr Appetit ungebrochen war hoffte ich sie würde sich wieder erholen, da ich glaubte dass ein Tier fehlenden Lebenswillen in erster Linie durch Futterverweigerung ausdrückt.

Sie war doch erst 14 Jahre alt, ein kleiner Mischling, und nie krank gewesen…

Nach sechs Wochen gab ich diese Hoffnung auf, wusste dass sie gehen wollte, aber allein nicht konnte. Sie stand vor mir, ihre alten, blinden Augen auf mich gerichtet, mit diesem tiefen, wimmernden Heulen in der Kehle, und flehte mich an sie gehen zu lassen.

Am nächsten Tag rief ich vom Dienst aus die Tierärztin an und bat sie am folgenden Tag zu kommen. Ich schickte Adele eine SMS. Reden konnte ich nicht. Mit niemandem.

Und ich fühlte mich einsam, wie ein einzelner Stern in dunkler Nacht.


Ich ging nach Hause zu meinen beiden Hunden, von denen der eine mich am nächsten Tag für immer verlassen würde, und haderte mit dem Schicksal, dass mir wiederum die Bürde auferlegt hatte ein Todesengel zu sein.

Und dann hörte Sisi auf zu heulen und kam zu mir aufs Sofa geklettert – was sie sechs Wochen lang nicht mehr getan hatte – und blieb eine lange Zeit neben mir liegen, so wie stets. So wie früher. Nur dass sie diesmal Abschied nahm.

Woher sie es wusste – ich kann es nicht sagen.

 

Ich bin nicht sicher, ob ich mir diese bedingungslose Liebe, die sie mir 14 Jahre lang gegeben hatte, wirklich verdient habe; aber sie war ein Geschenk und als solches habe ich es angenommen und bewahre es mit Dankbarkeit.

 Die Bilder die Agi nach ihrem Tod von ihr sah, lassen mich glauben, dass es wohl ihre Aufgabe und Bestimmung in diesem Leben war, der liebevolle Begleiter meines Kindes zu sein. Agi beschrieb mir die Straßen und Plätze auf denen sie unterwegs war; und es waren die Straßen und Plätze ihrer Kinderjahre – der ihren und Adeles. Wir waren schon lange dort weggezogen, aber dies waren wohl die Orte an denen sie am glücklichsten gewesen war.

Und als Adele fort ging, ging sie auch. 

Lise konnte ohne Sisi leben und blieb noch vier Jahre bei mir.

Ich hatte sie zu Freunden gebracht, bevor die Tierärztin kam, und Adele holte sie zurück als alles vorbei war. Sisi lag auf dem Boden und ich saß neben ihr. Sie schnupperte an ihr und legte sich dann neben mich. Zu dritt hielten wir die Totenwache.

Ihre letzte Ruhe fand Sisi auf dem Grundstück meiner Freundin Annett, neben dem Grab ihrer Hündin Babsy, die ein Jahr zuvor gegangen war. Und die eine andere Geschichte hat…

 

Lises kleines Löwenherz schlug– wenn auch holpernd – ungebrochen bis zum 11.12.2011. Zusätzlich zu einem Herzfehler war zwei Jahre früher noch eine Bauchspeicheldrüsenentzündung festgestellt worden. Sie war vollständig blind, fast taub und die Nase nahm auch nicht mehr sehr viel auf – Gassigehen ohne Leine war nicht mehr möglich.

Sie war uralt und auf anrührende Weise senil, aber sie wurde über 17 Jahre alt und machte dem Ruf der Pinscherzähigkeit alle Ehre.

Sie gab mir die Zeit der Vorbereitung auf ihren dritten Tag, ebenso wie die Gnade, den Weg dorthin mit ihr gemeinsam und Schritt für Schritt zu gehen.

Aber auch diesmal erfuhr ich nicht die Barmherzigkeit zu erleben, dass sie friedlich und aus eigener Kraft hinüber ging – wieder war ich es die die Entscheidung treffen musste zu sagen: es ist so weit.

Ihr Kampf begann um Mitternacht und dauerte 12 Stunden, bis der Tierarzt kommen konnte – und dann ging sie leicht und schnell hinüber.

Agi, die sie anschließend „besuchte“ sagte mir, sie habe gelacht…

Zu Lebzeiten habe ich sie nie lachen sehen, denn sie war immer eine ernste kleine Seele, die das Trauma ihrer Babyzeit nie wirklich hinter sich gelassen hatte.

Sie liegt nun auf dem Tierfriedhof Teltow, in einem Pappsarg den ich zwei Jahre zuvor  bemalt und dann für diesen Tag aufbewahrt hatte.

Er war das letzte was ich ihr mitgeben konnte. Solange ich in Berlin war bin ich oft dorthin gefahren, denn es ist ein schöner Ort und ich habe dort immer Ruhe gefunden. 

 

Nun bin ich fort und  wohin sie  gegangen ist weiß ich nicht. Das Land hinter dem Regenbogen ist für mich weit weg und ich habe nicht Agis Fähigkeit dort hinein zu sehen. Aber seither brennt ein Solarlicht für sie auf meinem Balkon - und  während die anderen, die zeitgleich aufgestellt wurden,  längst erloschen sind, leuchtet dieses noch immer. Jeden Abend vor dem Schlafengehen öffne ich das Fenster und kurz darauf fängt das Lämpchen an zu glimmern.

Und dann sagen wir uns gute Nacht...

Und warten auf den vierten Tag.

 

  

Sag mir, Tod - wo bringst du sie hin?
ich wüsst' es so gern
 

Ist sie mir dort nah oder ist sie mir fern?

Weiß sie dort noch, dass es mich gibt?
dass hier jemand ist, der sie liebt?

Bitte trage sie sanft

gib sie in gute Hände
die sie streicheln wie meine 

dort in der Fremde.