Das Buch und seine Geschichten...

Über Hunde und Menschen und die Macht der Liebe

Fynn

Doch die Existenz der Engel...


 

Fynn aus Shumen, der am 4.April 2017 den Weg in die Ewigkeit angetreten hat...

 


Ich weiß nicht wie ich heiße. Wahrscheinlich habe ich keinen Namen, denn es hat mich niemals jemand gerufen – und ich habe so lange gewartet. Seit dem Tag als man mich halbtot auf der Straße gefunden und hierher gebracht hat, habe ich gewartet.

Worauf? Wie soll ich es erklären...?

Immer wenn die Menschen an den Zaun gekommen sind bin ich zu ihnen hingehoppelt um ihnen zu sagen dass ich da bin, dass es mich gibt, in all meiner Unvollkommenheit, der ich mir sehr – so sehr! -  bewusst war. Ich habe zwar stets versucht sie zu verbergen, aber es ist mir wohl nie wirklich gelungen. Ich konnte ja nicht laufen, nicht richtig jedenfalls. Nicht so wie früher, bevor man mich angegriffen und verletzt hat.  Aber wenn ich am Zaun saß und versuchte mit den Zweibeinen zu reden, dann konnte ich verbergen dass von einem Lauf die Hälfte fehlte. Dann saß ich da wie alle anderen auch.

Manchmal haben sie auch mit mir gesprochen. Aber ich glaube sie haben nie wirklich verstanden was ich wollte und worauf ich warte.

Eigentlich wollte ich nur dass sie näher kommen, dass sie hereinkommen und länger bleiben. Vielleicht hätte ich es ihnen dann erklären können. Vielleicht hätten sie verstanden was ich wollte … wenn sie  ein klein wenig Zeit für mich gehabt hätten…

Aber niemals hatte jemand so viel Zeit.

Einmal kam eine Weibliche. Ich war in der anderen Ecke und wollte eigentlich überhaupt nicht zu ihr hinhoppeln, denn dann hätte sie meine Unvollkommenheit ja deutlich gesehen. Aber sie sah mich genau an, durch die ganze Weite unseres Geheges, in dem doch noch so viele andere Gefährten waren, und sie sprach direkt zu mir. Also bin ich aufgestanden und zu ihr gegangen.

Man kann sich so schwer gegen die Hoffnung wehren, egal wie oft sie schon vergebens war. Dann gibt man ja alles auf.

Sie sprach mit mir und plötzlich dachte ich sie hätte mich verstanden. Ich fühlte es wirklich – sie hatte verstanden dass ich da war, nicht nur weil ich da am Zaun hockte und sie ansah – sie hatte verstanden, dass es mich gab, jenseits meiner Unvollkommenheit und meines fehlenden Laufes. Dass ich dort unversehrt und heil war. Irgendwo in mir drin war ich das doch - aber ich konnte es niemandem sagen. Und niemand sah es.

Ich dachte sie hätte es verstanden. Ich dachte sie hätte es gesehen und mir etwas versprochen, etwas woran ich mich festhalten konnte, wenn ich weiter warten musste.

Aber sie ist nie wiedergekommen.

 

Ich bin es wohl nicht wert gesehen zu werden – oder ich bin nicht wichtig genug, nur ein Niemand. Hier gibt es viele Gefährten. Sie sind wohl alle wichtiger – oder ist es ihnen nur  nicht so wichtig gesehen zu werden? Warum ist es mir so wichtig?

Ich kann mich nicht mitteilen. Ich kann mich niemandem mitteilen.

 

Es ist, als wäre ich ganz allein auf der Welt. 


 

 

So fand ich ihn, im Juli 2006. In einem der großen Zwinger in Shumen, nach Dobrich dem zweiten Tierheim in Bulgarien. Ich habe nie einen Hund gesehen, der seine Gefühle ähnlich und so klar ausdrücken konnte wie er.

In seinem Gesicht war immer alles zu lesen.

Und er bat mich um Zuwendung - oder doch zumindest um ein wenig Gesellschaft.

Aber ich hatte keine Zeit, versprach ihm aber zurück zu kommen.

Nur bin ich nicht zurück gekommen...


Juli 2006

 

Ich war wieder einmal auf dem Weg nach Bulgarien – diesmal nach Sofia.

Meine Begeisterung ein Flugzeug zu besteigen hielt sich nach wie vor in engen Grenzen, aber die Alternativen – (halsbrecherische Autofahrt durch ein Land, dessen Autobahn nach Süden den ermutigenden Namen „Autoputt“ trägt) - waren auch nicht bestrickender, also fügte ich mich in das Unvermeidliche und begab mich gottergeben zum Abflugschalter, wo ein bestens gelaunter Jungmann den Check-in vornahm.

Meiner, auf seine strahlende Frage wo ich denn sitzen möchte, geäußerten Bitte nach einem schönen Fensterplatz kommt er dergestalt nach, dass er mich direkt neben die Triebwerke setzt, die genau zu studieren ich in den nächsten zwei Stunden ausreichend Gelegenheit habe, in direkter Augenhöhe mit jeder Niete die möglicherweise Anstalten treffen könnte herauszuspringen. Und falls die Triebwerke zu brennen anfangen bin ich die erste die es sehen wird.

Dennoch – ich habe keine Angst. Nicht so wie damals, vor sieben Jahren, als mich ein Jet nicht nur in eben dieses Land - (das ich danach nie wieder betreten wollte!) – brachte, sondern auch mitten hinein ins Unheil – von dem ich offenbar eine gewisse Vorahnung gehabt hatte.

Diesmal sitzt auch kein kaugummikauender Teenie neben mir. Meine nunmehr erwachsene Tochter hat mich netterweise zum Airport gebracht, um dem siechen Mütterlein den Koffer zu schleppen, und ist dann zur Arbeit gegangen, zu ihrem ersten, richtigen Job in einem Eiscafe.

Zwei Sitze vor mir befindet sich eine umtriebige Vierjährige, die offenbar die Erfahrung gemacht hat, dass ihr jederzeit die uneingeschränkte und volle Aufmerksamkeit ihrer Mitwelt zuteil wird, und die dem hinter ihr – und somit vor mir – sitzenden Herrn Papa ein Kasperletheater vorzuführen wünscht, an dem ich, ob ich will oder nicht (und ich will wirklich nicht!) teilhaben darf.

Eigentlich ist es Schlafenszeit für Vierjährige und ich blicke hoffnungsvoll durch die Luke auf einen Bilderbuchsonnenuntergang – „Kuckuck!“ kreischt es zwei Sitze vor mir – während sich unter mir dicke Wolkenberge türmen.

Wir sind auf Flughöhe. Und wir haben 30 Minuten Verspätung, die bereits in Tegel entstanden sind. Offenbar ist eine sichere Landung in Sofia aufgrund der Wetterlage ein wenig ungewiss.

In Bulgarien herrscht Hochwasser; die Donau ist über die Ufer getreten und hat aus Teilen des Landes ein Binnenmeer gemacht. Und es regnet dort unablässig weiter. Ich hoffe der Talkessel in dem Sofia liegt erlaubt dennoch eine trockene und vor allem pünktliche Landung. Ich hoffe es wirklich sehr –- denn die „Kuckuck!!!!“ - Lautstärke ist nicht nur unvermindert kräftig, sondern offensichtlich auch noch steigerungsfähig.

Der Himmel ist ein glühendes Fanal, ein lang gezogener flammender Streifen, rot wie der Schlund des Hades, und tief unten sehe ich  vereinzelte Lichter von Ortschaften, wie kleine Glühwürmchen in der dunklen Schwärze.

„Kuckuck!!!!!!!“  kreischt es jetzt allenthalben im Duo, da die ältere Schwester nun offenkundig das Kasperletheater zu unterstützen strebt, wenngleich sie zum Repertoire keine wesentlichen Neuerungen beizutragen hat – und so schießen nunmehr zwei Köpfe wie die Springteufel hinter den Lehnen auf und nieder, wohlwollend beäugt von den Eltern, die, wie ich übellaunig mutmaße, taub sein müssen oder sich die Ohren, wie weiland Odysseus, mit Wachs zugeschmiert haben.

Zwei Stunden können unter diesen Umständen zu einer gefühlten Ewigkeit ausarten, gehen aber dennoch irgendwann zu Ende. Offenbar hat der Pilot Vollschub gegeben um die 30 Minuten wieder aufzuholen – und geht nunmehr mit rasantem Sturzflug in den Sinkflug. Meine Ohren klingeln und die beiden Kuckuckskinder kreischen nicht mehr, sondern heulen - (ebenso schrill) -  aber selbst ihr Organ versumpft im Donnern der Schubumkehr; wir poltern auf die Landebahn wie der Albatros der Mäusepolizei, jagen mit heulenden Triebwerken – es sind noch alle Nieten drin und nichts brennt – dem Terminalgebäude entgegen und kommen heil und in einem Stück kurz vor ihm zum Stehen. Ich verrenke mir fast den Kiefer um meine Ohren wieder freizubekommen – und stelle fest dass ich überhaupt keine Angst hatte. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt mich über die kleinen Kreischgören zu ärgern um Angst zu haben.

Gesegnet sollen sie sein. Vielleicht sollte ich ihre Dienste für den Rückflug abonnieren.

 

Dennoch applaudiere ich nicht. Wir sind zwar unkaputt gelandet – aber es gibt gravierende Qualitätsunterschiede in der Ausführung.

 

Eine Woche später befand ich mich im Tierheim Shumen – für knappe zwei Stunden.

 

Shumen - wie es damals aussah.


Zum einen war schon die Kommunikation ein Trauerspiel. Zum anderen hatte ich so gut wie keine Zeit und rannte, als säßen mir sieben Teufel im Nacken, durch das riesige Gelände, die Kamera in der Hand, um wenigstens einige Hunde für die Homepage zu fotografieren. Aber niemand konnte mir auch nur das Geringste über die armen Schnauzen erzählen, sodass mir lediglich die Hoffnung blieb, dass sich Dimitrov anhand der Bilder an den einen oder anderen erinnern oder zumindest den Doktor nach ihm fragen konnte.

Versuchen Sie mal Hunde zu vermitteln über die Sie nicht das Geringste aussagen können – nicht mal ob es sich um Männlein oder Weiblein handelt! Und wir mussten doch wenigstens versuchen für einige von ihnen ein Zuhause zu finden – wenigstens doch für die Jungen, die Hübschen, die Freundlichen, die, deren Chancen noch gut genug waren um Interesse zu wecken!

Aber Dimitrov war in Sofia geblieben und ich war allein hergekommen – in erster Linie um Maxima heimzubringen.

Man hatte ihren Körper vor kurzem freigegeben, nachdem er fast zwei Jahre in einer Tiefkühltruhe des hessischen Veterinäramtes gelegen hatte – und nachdem das Gericht befunden hatte, dass den für ihren Tod verantwortlichen Amtsveterinären nur vorgehalten werden konnte, dass sie es ebenso verabsäumt hatten den behandelnden Tierarzt, Dr. Q. beratend heranzuziehen, wie die Eigentümerin über die Tötungsabsicht zu informieren.

Es blieb bei diesem Hinweis – und Maxima, die wir 2004 von Schumen nach Deutschland gebracht hatten, war schon seit zwei Jahren tot. 

Ihr konnte nichts mehr helfen - aber wir wollten sie nicht der Abdeckerei überlassen. Und ich wollte dass sie dahin zurückkam wo man einst um ihr Leben gekämpft, wo man sie nicht aufgegeben hatte, als sie, schwer verletzt von Kampfhunden die auf sie gehetzt worden waren, ins Tierheim gebracht worden war.

Ich wollte sie nach Hause bringen.

Also war ich, mit einem Holzkästchen in dem ihre Asche ruhte, von Sofia nach Schumen gefahren – wo niemand der deutschen und nur sehr rudimentär der englischen Sprache mächtig war. Dr. Lüpcke, der Zweite Vorsitzende des Vereins, in Varna lebend und in beiden Sprachen – der bulgarischen und der deutschen – fließend zu Hause, wurde noch erwartet – also griff ich mir die Kamera um bis dahin noch ein paar Fotos zu schießen.

Die Anzahl der Hunde hatte sich fast verdoppelt, seit ich das letzte Mal – vor drei Monaten! - hier gewesen war; überall gab es neue Ausläufe und Gehege, und noch immer wurde gebaut, um noch weiteres Gelände zu erschließen. Es lebten inzwischen etwa dreihundert Hunde im Tierheim, und die Tendenz war unablässig steigend.

Zusätzlich waren im Februar 06 noch 14 Hunde aus Sofia hergebracht worden, die im Isolator Losenetz von der Tötung bedroht gewesen waren; die Übernahme dieser grauenhaften Tötungsstation stand damals bevor – auf dem Papier. Tatsächlich wurde sie unablässig blockiert – und die dort befindlichen Hunde starben weiterhin. Diese Vierzehn  waren herausgekauft und nach Schumen gebracht worden; und dort waren sie immer noch. Auch die wunderschöne rotblonde Hündin, die ich Serdika genannt hatte, und die bei ihrer Ankunft kaum noch in der Lage gewesen war, auf ihren Beinen zu stehen.

Zu ihr ging – besser rannte – ich sofort. Es ist stets herzerwärmend Tiere zu sehen über die man nur anhand von Fotos geschrieben hat – und dann auch noch zu sehen, wie sich dieses Wesen nahezu verdoppelt hat und sich wohlig im Gras wälzt, bringt einiges an  Motivation und Wohlbehagen. Sie teilte ihr kleines Gehege mit einem anderen Losenetzrüden, betrachtete mich gleichmütig aus sicherer Nähe ihrer Hütte und schien an keiner Unterhaltung interessiert. Jedenfalls nicht mit mir.

Auch gut – mit ihr war erkennbar alles in bester Ordnung – Kamera hoch, Fotos schießen und zum nächsten Auslauf.

(Kurze Zeit später fand sie ein Zuhause in Deutschland – als einzige der Losenetzhunde.)


Die kleinen Alten, die über eine Stiege einen direkten Zugang zum angrenzenden Haus haben, sind gesprächsbereiter; nur die Dackeldame, die bewegungslos vorn am Zaun steht, blickt stumm an mir vorbei zum Ausgang. Sie ist verwaist, wie mir Lüpcke später erzählt. Ihre Besitzerin ist gestorben und sie – ebenfalls alt und ein Leben lang ein Sofahund – wurde erst vor kurzem gebracht. Seither wartet sie. Auch eine kleine weiße Bolonka wartet. Sie wurde abgegeben, mit der Begründung man wolle ins Ausland gehen. Kann sein oder auch nicht – aber die kleine Hündin ist schwer nierenkrank und braucht ärztliche Behandlung, die es auch in Bulgarien nicht umsonst gibt…

Sie stirbt drei Wochen später.

 

Die kleine Pinschermixmaus dagegen die im nächsten Auslauf herumtobt und von der ich entweder den Schwanz oder die Nase oder Teile des Rumpfes fotografiert bekomme, ist überaus kommunikativ. Offenbar hat man versucht ihr das Lebenslicht mit einem Axthieb auszupusten, was vermutlich nur aufgrund ihrer Wendigkeit misslungen ist – aber sie hat eine dicke Narbe im Genick. Sie soll kastriert und wieder ausgesetzt werden – eine zweite Chance für den Axtmörder? Niemals!

„Die“, verkünde ich radebrechend dem mich begleitenden Doktor, „wird reserviert! Die geht to Germany! Äh – and her name is – ähhh - Fini!“ worauf er folgsam nickt und ich mich frage ob und wie dieses soeben getaufte Tier zu bewegen sein könnte wenigstens eine halbe Klick-Minute an einem Ort stehen oder sitzen zu bleiben, damit ich ein halbwegs erkennbares Foto von ihr schießen kann, aber es ist nix zu machen – zumindest nicht in der Zeit die mir zur Verfügung steht.

Aber Foto oder nicht Foto – sie kam nach „Germany“ und wurde gut vermittelt – und auch die alte Dackeldame fand hier noch ein spätes Glück.

Und da ist das große Gehege mit den Alten und Behinderten – denen, die wohl nie ein anderes Zuhause haben werden, als dieses Stückchen mit Kies durchsetztem Gras, und nie ein anderes Dach über dem Kopf als das ihrer Hütte. Das sind die, denen das Schicksal noch gnädig gewesen war und sie hierher gebracht hatte, statt sie da draußen, außerhalb dieser Zuflucht, elend zugrunde gehen zu lassen.

Da ist die alte, blinde Schäferhündin, die im Schatten einer Hütte liegt; genau dort hatte sie auch schon im April gelegen, an derselben Stelle, so als hätte sie sich seither nicht vom Fleck bewegt.  Sie war gefunden worden, als sie hilflos an der Ausfallstraße herumirrte – ist also sehr wahrscheinlich keine Streunerin, sondern eine alt und krank gewordene Kettenhündin, die man hinausgeworfen hatte. Möglicherweise ist sie auch taub, denn sie reagiert nicht auf meinen Zuruf – aber vielleicht will sie es auch nicht.

Da ist ein dunkler Labradormix, dem ein Viertel seines Hinterlaufes fehlt. Er steht aufrecht, als wollte er die einzige Würde verteidigen, die ihm noch geblieben ist.

Dahinter humpelt eine uralte Grauschnauze mit gekrümmter Hinterhand. Etwas weiter weg steht noch ein Dreibein… und noch eins … da ist noch ein Blinder… und dann kommt Tschavo an den Zaun. Ich erinnere mich an ihn; er war einer von denen, die im April einen Namen von mir bekommen hatten. Seine Wirbelsäule ist verkrümmt, die Hinterhand offenbar gelähmt. Er schleift die Läufe nach, aber er kommt und sagt freundlich „hallo“, unbeeindruckt von seiner Behinderung. Zumindest scheint es so.

Ich erinnere mich an den kleinen, rotbraunen Finnenmix, den ich – eben deshalb – Fynn genannt hatte, und finde ihn im hinteren Teil des Geheges. In seiner Nähe liegt ein anderer, ebenso auffälliger, Rüde an den ich mich erinnern kann. Sein linker Vorderlauf ist verkümmert und schlenkert ziemlich nutzlos herum, der rechte ist verkürzt und er läuft – soweit ich mich erinnere – sehr unrund und holperig. Den hatte ich – für die Homepage – Basti getauft, und er hatte auch einen Paten gefunden.

Jetzt liegt er da hinten, in dem wenigen Gras, und sieht aus als würde er Selbstgespräche führen. 

 

Aber es ist Fynn auf den ich schaue. 

Ich weiß nicht was ihm fehlt. Er sitzt an den Zaun gelehnt, und ein Zittern scheint ihn wellenartig zu überkommen. Also tippe ich auf überstandene Nervenstaupe, denn dieses zeitweilige Körperzittern kenne ich von anderen Hunden, die diese Krankheit überlebt hatten. (Allerdings hätten mir seine blendendweißen Zähne etwas anderes sagen können – aber so genau kenne ich mich mit den möglichen Symptomen dieser Krankheit nicht aus.)

Er hebt den Kopf und schaut zu mir herüber; das Zittern hört auf und er setzt sich in Bewegung, kommt an den Zaun, in einer merkwürdig hoppelnden Gangart. Aber er schleift die Läufe nicht nach, also ist er nicht gelähmt. Entweder ist er von Geburt an behindert oder die Staupe hat diese Auswirkungen gehabt; ich weiß es nicht.

Jetzt ist er am Zaun, klebt förmlich seine Schnauze ans Gitter – zieht die Lefzen zurück, zeigt die Zähne (blendend weiß, wie gesagt), und lacht. Er lacht mich an – und dennoch: es wirkt nicht fröhlich, eher herzzerreißend.

Und ich erinnere mich an dieses Lachen; schon im April hat er es gezeigt. Ich glaube er will mir etwas sagen und ich glaube er will mich hereinholen, um es mir sagen zu können, in aller Ruhe, sozusagen unter vier Augen… er bettelt förmlich.

Aber ich habe keine Zeit, der Bus zurück nach Sofia geht in einer knappen Stunde – und ich muss Maxima begraben. Deshalb bin ich hergekommen, und am Tor fährt soeben der Wagen von Dr. Lüpcke vor… ich muss gehen.

„Hör zu, Kleiner“, sage ich. „ wenn du mich verstehen kannst – ich komme wieder. Versprochen. Beim nächsten Mal habe ich Zeit für dich. Beim nächsten Mal – jetzt muss ich gehen.“

Sein Lachen erlischt.

Nur ganz kurz? fragt er. Nur einen ganz kleinen Augenblick?

Was heißt schon beim „nächsten Mal“? Er kann nicht in die Zukunft sehen. Sein Leben findet hier und jetzt statt, in diesem Augenblick, und diesen Augenblick erbittet er von mir.

Aber er bekommt ihn nicht.

Ich habe keine Zeit für ihn – nicht einmal einen kleinen Augenblick.

 

Und ich bin auch nie zurückgekommen. 

Ein Jahr darauf war ich noch einmal in Sofia, aber ich fuhr nicht nach Shumen. Die Probleme im ehemaligen Isolator Losenetz, der jetzt Tierheim Nadeshda hieß, waren groß und ausfüllend genug; da blieb kein Platz für Ausflüge von 600 km; und es blieb auch kein Platz in meinen Gedanken für einen kleinen rothaarigen Hund, dem ich versprochen hatte beim „nächsten Mal“ Zeit für ihn zu haben.

Schließlich war er nicht in Lebensgefahr – und was hätte ich schon für ihn tun können? Er war sicher aufgehoben, wurde gut versorgt und niemand würde ihm ein Leid zufügen. Dass er jemals ein Zuhause finden könnte – oder ich eines für ihn – hielt ich zu diesem Zeitpunkt für ziemlich ausgeschlossen. Er war doch behindert, auf welche Weise auch immer, und auch nicht mehr der Jüngste – wer würde schon einen solchen Hund wollen? Das Beste was jemals für ihn zu erhoffen gewesen war hatte er bereits: einen sicheren Platz bis an sein Lebensende.

Und zu gewährleisten dass dieser Platz tatsächlich sicher war – nicht nur für ihn, sondern für die ständig anwachsende Zahl seiner Artgenossen, die in den vier Tierheimen eine Zuflucht gefunden hatten - dafür waren erhebliche Anstrengungen nötig, denn diese Sicherheit stand und fiel mit der Fähigkeit die dafür erforderlichen Mittel aufzutreiben, die ebenso kumulativ anwuchsen wie die Anzahl der Hunde.

Dennoch – es gab einen Winkel in meinem Herzen in dem er saß und an meinem Gewissen nagte; ich hatte ihm ein Versprechen gegeben und noch nicht eingehalten.

 

Im Dezember desselben Jahres stieg ich aus dem Verein aus und die achtjährige, enge Zusammenarbeit kam mehr oder weniger zum Erliegen. Andere übernahmen meine Arbeit, und ich widmete mich in zunehmendem Maße dem allgemeinen Tierschutz.

Dort machte ich dann eine bemerkenswerte Entdeckung: wann immer ich einen Notruf durch den so genannten „Internet -Tierschutzverteiler“, der zehn Jahre zuvor von einer engagierten, äußerst „taffen“ (was immer dieses seltsame Wort auch bedeuten mag - auf Claudia scheint es zuzutreffen)  jungen Frau ins Leben gerufen worden war, schickte – es waren häufig die Alten, Behinderten, die Elenden, die bevorzugt ein Zuhause fanden, so als würde ihr Leid die Herzen schneller und unmittelbarer erreichen.

Die Verblüffung darüber wich der Euphorie – und diese dann wiederum einer gewissen Ernüchterung, wenn festzustellen war, dass spontanes Mitleid nicht ausreicht, um langfristig für ein geschundenes Geschöpf die Verantwortung zu übernehmen. Mindestens so wichtig waren auch die finanziellen Mittel für die medizinische Versorgung die in den meisten Fällen notwendig wurde – und ein langer Atem.

Rollis für HD- kranke Hunde oder gar für gelähmte waren damals gerade erst im Kommen – heute sind sie nahezu selbstverständlich.

Teuer sind sie immer noch.

Dabei hätte ich es eigentlich besser wissen können, denn die erste die so ein Wägelchen bekam war Lia – und das war 2005! Die kleine Terriermaus war auf der Straße in Varna gefunden worden – mit abgehackten Hinterläufen. Ich lief fast Amok als ich das Foto des geschundenen Geschöpfchens sah und stellte einen verzweifelten Notruf in die Homepage – auf den drei Tage später eine Antwort kam. Zwei Wochen später war Lia hier und fand ein Zuhause von dem ich mich auch liebend gerne hätte adoptieren lassen. Sie bekam zwei Rollwagen – falls einer zur Inspektion musste – ein parkähnliches Anwesen, zwei Katzen zum Spielen und später noch zwei weitere Notfallhunde als Gefährten – subalterne, selbstverständlich, denn die kleine Maus wurde unumstrittener Chef im Ring. Die Gassigänge wurden für ihr Frauchen ein gehöriges Fitnesstraining, da sie mit einem wahren Affenzahn durch Feld, Wald und Flur rannte – und sie wurde der Schrecken der Jogger und Biker, denen sie mit Vorliebe nachsetzte.

Aber damals hielt ich Lias Volltreffer noch für einen absoluten Glücks- und Ausnahmefall.

Nichts was sich auf die vielen versehrten Seelen in den vier – damals noch drei – Tierheimen anwenden ließ.

 

Dennoch – die Annahme dass es für die Behinderten der db-tierhilfe nie ein anderes Zuhause geben würde als die Tierheime war irgendwann zwar nicht hinfällig, aber überprüfungswürdig geworden - und damit war die Möglichkeit diesen armen Notschnauzen zu einem eigenen Sofa zu verhelfen um einiges näher gerückt – wenn auch nicht im eigenen Land. 

Fido, mein Herzenshund aus Sofia, kam 2008 nur deshalb aus dem Tierheim heraus, weil sich ein Zuhause für Sila gefunden hatte, seine Gefährtin – und die war behindert.

Eine Untersuchung durch einen Orthopäden in Sofia hatte ergeben, dass ihr Leiden inoperabel und sehr wahrscheinlich angeboren war; sie lief in Knickhaltung, mit verkrümmter Wirbelsäule – das aber ziemlich schnell. Ich hatte Fido herausholen wollen, davon ausgehend, dass der ausdrucksvolle, junge, gesunde und überaus intelligente Rüde eine größere Chance auf Vermittlung hatte als Sila – an der er allerdings sehr hing. Möglicherweise war sie seine Mutter, wenn ich mich auch frage, wie die Hündin mit dieser Behinderung jemals hätte Welpen zur Welt bringen können – aber sie hatte mit dieser Beeinträchtigung schließlich schon mehrere Jahre auf der Straße überlebt und war alles andere als ein Underdog. Ich hatte sie „Sila“ genannt – das bulgarische Wort für „Kraft“, denn die hatte sie reichlich.

Dimitrovs machten die Vermittlung Fidos von einer für Sila abhängig – und es war Sila die ein Zuhause fand. Fido durfte mitfahren – als vorläufige Aufnahme in einer Pflegestelle.

Dort sitzt er immer noch.  Der Marktwert eines ausdrucksvollen, jungen, gesunden und überaus intelligenten Rüden ist offenbar weitaus geringer als der einer versehrten, älteren Hündin.

Aber Sila hat, neben ihren sonstigen unbestreitbaren charakterlichen Vorzügen, noch die riesigsten Ohren  - und niemand der dieses Gesicht mit dem Fledermauslook einmal gesehen hat, wird es je vergessen noch mit einem anderen verwechseln können.

Aber vielleicht war auch dies Schicksal. Fido hätte sich vermutlich niemals von den Hundefängern, die ihn und Sila 2006 nach Losenetz in die Tötung gebracht hatten, einfangen lassen; einen intelligenteren und mit allen Wassern der Straße gewaschenen Hund habe ich nie erlebt. Aber Sila konnte ihnen nicht entkommen und vermutlich hat er sie nicht verlassen wollen.

Ich holte sie damals beide aus dem Todeszwinger und er wich nicht von ihrer Seite. Bis heute nicht.

Daher sein Name – Fido, der Treue.

 

 

 

Update:

Nun hat er sie doch verlassen...

Am 21.4.2017 erhielt ich via facebook die Nachricht, dass Fido drei Wochen zuvor gestorben war.

Er hatte Darmkrebs.  

Sila wird - so schreibt Rita - sie vermutlich noch überleben. Ihre Kraft scheint unerschöpflich...

 

Fido, der Treue, der Wundervolle, hat den Weg zu den Sternen angetreten.

Ende des Jahres 2009 schaute ich nach langer Zeit wieder einmal in die Homepage des Vereins, suchte nach Fynn – und fand ihn. 

 

Es ist meine dunkelste Stunde…

Ich bin jetzt ganz allein. Man hat mich aus dem großen Gehege geholt und in das Haus gebracht. Es ist so groß und leer und ich kann die Sterne nicht mehr sehen, denn hier gibt es keinen Himmel mehr. Um mich herum sind nur Gitter und von einem Ende des Gitters zum anderen zu kommen fällt selbst mir nicht schwer – eigentlich brauche ich nur den Hals zu strecken. Irgendwo in den anderen Käfigen höre ich das schwere Atmen von Gefährten die krank zu sein scheinen; ihr Geistlicht ist schwach und sie hören mich nicht.

Ich war schon einmal hier – damals, als man mich hergebracht hatte. Da lag ich ebenso wie die Gefährten jetzt da in der Dunkelheit und glaubte, ich könnte nie wieder aufstehen. Aber ich konnte es doch – und selbst als ich merkte dass von meinem Lauf ein großes Stück fehlt und ich immer umgefallen bin – ich bin doch wieder und wieder aufgestanden. Es gab immer ein Licht zu dem ich hin wollte…

Jetzt glaube ich dass ich es nie erreichen kann – ich laufe schon zu lange hinterher…

Vielleicht liegt es doch daran, dass ich nicht so laufen kann wie früher? Dass ich so langsam geworden bin und das Licht immer weiter von mir weg geht?

Ich bin schon so lange hier – und niemals ist jemand zu mir gekommen um mir zuzuhören. Es wird auch niemand kommen, das weiß ich nun. Vielleicht hat es einmal einen Grund gegeben warum ich auf der Welt bin… es wäre schön wenn ich ihn erfahren hätte. Vielleicht würde ich mich dann nicht so unwichtig fühlen.

Ich weiß dass ich krank bin. Die Schmerzen sind immer da gewesen, sind schon ein Teil von mir geworden. Im Augenblick sind sie sehr stark. Vielleicht bin ich deshalb hier. Vielleicht soll ich nicht da draußen sterben, wo die anderen über mich herfallen würden.

Laufen kann ich hier nicht. Es ist glatt, ich kann nur rutschen – und wo sollte ich auch hin?

Sterben ist nicht schlimm, glaube ich. Ich gehe wohl einfach an einen anderen Ort – und wer weiß? Vielleicht bekomme ich dort mein Bein zurück. Vielleicht kann ich dann wieder laufen so wie ich es früher einmal konnte. Vielleicht könnte ich dann sogar wieder rennen. Und vielleicht ist dort drüben jemand der mir zuhört.

Wenn ich wieder unversehrt bin.

 

Es ist so dunkel hier.

Ich glaube, es ist die Stunde vor der Morgendämmerung.

Dann ist es wohl dieses Licht zu dem ich gehen muss. 



Dezember 2009

 

Ich starrte die Fotos an und konnte mir nicht einmal für eine Millisekunde einreden dass dies ein anderer Hund sei – ich wusste, dass er es war. Es war Fynn – aber nicht der Fynn den ich vor drei Jahren gesehen und verlassen und – ein wenig – auch vergessen hatte.

Ich sah das kleine, elende Gesicht eines Hundes der unerträglich litt, die Augen leer vor Schmerz, und ohne Hoffnung – eine Hoffnungslosigkeit die ich schon einmal gesehen hatte – zehn Jahre zuvor, am Goldstrand.

In diesem Augenblick konnte ich fast spüren wie Misa nach meinen Hacken schnappte um mir zu sagen: kommst du jetzt endlich auf die Pfoten, verflixt noch mal??? Der hat schon fast alle Läufe bei uns drüben – was also gedenkst du zu tun??? Lässt du ihn einfach gehen?

 

Nein – ich lasse ihn nicht gehen – nicht wenn er noch da ist! Ich muss anrufen – ich muss Dimitrovs anrufen.

Die Fotos sind im Juni entstanden; und im Juni waren Vereinsmitglieder in Bulgarien gewesen und hatten für die Homepage fotografiert. Ich hatte sie damals darum gebeten, nach ihm zu schauen und mir zu sagen wie es ihm ging – aber keine Antwort bekommen.

Warum nicht? Dieses Gesicht – sie müssen es doch gesehen haben, sie müssen doch diese Augen gesehen haben, sie müssen doch auch gesehen haben dass es fünf vor zwölf ist!

Wie konnten sie dann die Bilder in die Homepage stellen ohne Alarm zu schlagen???

Mir dämmert, dass Sehen und Sehen nicht immer ein und dasselbe ist – und dass Fynn nicht gesehen wurde. Nicht wirklich – und vielleicht noch nie.

Im Juni – jetzt haben wir Mitte Dezember…

St. Franz – sei mir gnädig! Lass ihn noch am Leben sein, tu mir das nicht an!!!

Ich muss sofort Dimitrovs anrufen…

…und was soll ich ihnen sagen? Ich hab Fotos von Fynn gesehen und es geht ihm miserabel – oder ist er vielleicht schon tot??? Würden Sie mal nachfragen, bitte schön? Und sollte er eventuell noch leben – gestatten Sie mir dann ihn rauszuholen…???

Tolle Idee! Unser Verhältnis ist ein wenig unentspannt, um es nett auszudrücken; genau genommen hatten wir uns gefetzt wie die Kesselflicker  und zwischen den Jahren der engen Zusammenarbeit und dem jetzigen Status quo liegen zwei Jahre Nordpolarkreis; das Schifflein unserer gegenseitigen Beziehungen verharrt ziemlich bewegungslos im Packeis.

Und kein Eisbrecher in Sicht.

Die lassen mich abfahren, mutmaße ich. Fido habe ich nur über drei Ecken rausgeholt, und nur zusammen mit Sila – und ich habe getrickst wie Ronaldo – das klappt nicht noch mal.

Und sie werden mir einfach nicht glauben – nicht nach allem was ich ihnen dazumal so zielsicher an den Kopf geworfen hatte, sauer wie ich war…

Verflucht!  Sie werden mich eher auf Briefmarkengröße zusammenfalten!

Aber ein paar Ressourcen habe ich trotzdem: zwei Reikimeisterinnen und eine Tierkommunikatorin; vermutlich werden sie weitaus besser und genauer feststellen wie es ihm geht – und ihm notfalls auch helfen können.

Das konnte ich augenblicklich erledigen und bekam auch sofort die Zusage tätig zu werden – und wenige Tage später die erste Antwort von der Tierkommunikatorin:

„Fynn, der kleine Mann hat wirklich keinen Lebensmut mehr, er möchte lieber tot sein, als so zu sein, wie er ist..,
kann man ja irgendwie verstehen, er möchte so gerne rennen, aber das ist nicht das Wichtigste für ihn, er möchte sich ausdrücken können,
er ist stumm… wird nicht verstanden, dazu reagieren die anderen Hunde auch nicht gerade freundlich ihm gegenüber...,
er will sich äußern können, er ist so alleine,
ich versuche in der nächsten Zeit, ihn öfters zu kontaktieren, einfach, dass er spürt, es denken Menschen an ihn,
weiß aber nicht, ob ihm das reicht, und er dadurch wieder anfängt zu kämpfen...,
er müsste stark sein, in die Zukunft schauen, das kann er nicht, er sieht nur seinen Augenblick, der sich natürlich nicht gut anfühlt,
er wünscht sich nichts sehnlicher, als vier gesunde Beine, er möchte so richtig sichtbar mit dem Schwanz wackeln können, sich zeigen können, einfach normal sein.
Er weiß, wenn er sterben könnte, hätte er diese Möglichkeit und das gibt mir irgendwie zu denken! alles Liebe

Brigitte

In der ausschnittweisen Vergrößerung dieses Fotos ist deutlich zu erkennen, dass er eine Verletzung im Gesicht und am Ohr hat - sehr wahrscheinlich eine Bisswunde. Das heißt, er wurde attackiert und vielleicht deshalb aus dem Zwinger geholt und im Haus untergebracht.


Wenn er sterben könnte – Heiliger Franz, hilf! Aber das heißt zumindest dass er noch lebt – und solange Leben ist, ist Hoffnung… ich rufe Renate an, frage ob sie Kontakt zu ihm hatte.

Sie bejaht, zögert aber deutlich und rückt erst auf mein Drängen mit ihrer Wahrnehmung heraus.

„Ich weiß nicht, “ jammert sie, „ ich bin mir nie so sicher und wenn ich was Falsches sage dann richte ich doch mehr Schaden an … also wirklich, das ist ohne Gewähr…!“

„Keine Sorge“, sage ich grimmig. „ich habe bereits Infos und wenn sie anders sind als deine, werde ich es sagen. Also raus damit!“

„Es sieht nicht gut aus“, platzt sie los. „Ich habe eine schreckliche Dunkelheit gesehen und da war er irgendwo… also – ich glaube er ist noch am Leben, aber … aber nicht wirklich. Ich meine – ach entschuldige, das ist so ein Gestotter, aber ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll… er ist noch da - glaube ich… aber irgendwie geht er weg… er wollte mir auch nicht zuhören… also wenn ich so sagen soll: ich denke, es geht ihm sehr schlecht!“

Agi ist noch sehr viel deutlicher: „ Der will nicht mehr, der ist am Ende. Wenn du noch was tun willst dann beeil dich. Ich bleib an ihm dran, aber ich kann nicht hexen. Ich gebe ihm positive Energie – aber ich weiß nicht, ob er sie noch haben will.

Also was immer du tun willst – tu es schnell!“

Tu es schnell – Himmelnochmal – ich kann auch nicht hexen und einszweifix ein Zuhause für ihn aus dem Hut zaubern!

„Mädels“, schreibe ich verzweifelt, „ ihr müsst mir Zeit verschaffen. Sagt ihm wir tun alles, sagt ihm, er wird ein Heim bekommen und Menschen nur für ihn allein, ein eigenes Körbchen und einen Rolli, damit er wieder rennen kann – er muss nur noch ein bisschen durchhalten – bis zum Frühjahr! Jetzt gehen keine Flieger von Varna und bis zum April habe ich was für ihn! Versprochen!!!“

Jaaaaa -  versprochen!  – ich hab ihm schon mal was versprochen und nicht gehalten – aber das, denke ich zähneknirschend, war was anderes. Ich hab versprochen zurückzukommen, aber ich habe nicht gesagt wann – also: das gilt nicht. Und wenn ich nicht zurückkommen kann, dann muss es eben anders gehen – aber ich brauche Zeit. Bis April.

„Und die“, erklären mir die Damen unisono, wenn auch unabhängig voneinander, „hat er möglicherweise nicht mehr. Also such nach einer anderen Möglichkeit. Wenn du kannst.“

 

(„Aber Mama, du sagst doch immer“ – und ich weiß genau, was jetzt kommt – „dass es immer eine Möglichkeit gibt. Man muss bloß lange genug nachdenken! Und du hast noch nicht mal angefangen nachzudenken!“ -  Originalton meine  Tochter Adele, zehn Jahre zuvor...)

 

Ja doch! Ich suche ja! Und ich rufe auch Dimitrovs an und mache Kotau, wenn’s sein muss –aber was immer derzeit an Engeln herumflattert und verfügbar ist – seid bei ihm! Bittäääää!

 

Ich nähere mich dem Telefon, misstrauisch wie einem schlafenden Drachen. Noch bevor ich drei Tasten gedrückt habe klingelt es.

Das Display zeigt an: Dimitrov.


 

Mir ist, als wäre jemand hier gewesen. Mir ist als hätte mich jemand berührt und zu mir gesprochen. Es kann ja nicht sein – es ist doch niemand hier – niemand den ich sehen kann. Und warum sollte jetzt jemand zu mir kommen und mit mir sprechen?

Vielleicht… vielleicht ist es jemand der hinter der Morgenröte auf mich wartet? Der mir sagt wie es mir dort gehen wird, wenn ich komme?

Ich will ja kommen – nur weiß ich nicht so recht wie. Vielleicht muss ich einfach nur auf dieses Licht zugehen, immer weiter, bis ich dort bin … bis jemand zu mir sagt, dass ich angekommen bin.

Es war jemand hier… es war eine Berührung wie von einer leichten, warmen Decke, die über mich gelegt wurde und ich habe mich auf einmal nicht mehr so sehr allein gefühlt.

Es war jemand bei mir und hat zu mir gesprochen…


Das erste was ich denke, ist: ihr seid ja echt auf Draht, ihr Engel!

Dann drücke ich die Hörertaste und vernehme die Stimme von Frau Dimitrov, die sich überaus höflich nach meinem Ergehen erkundigt, was ich ebenso überaus höflich beantworte und als Frage zurückgebe. Offensichtlich geht es uns allen sehr gut… nun ja – man wird älter. Zipperlein hier und Zipperlein dort, die vier Tierheime verschlingen Unsummen, die aufzubringen immer schwieriger wird, und der Hunde werden immer mehr. Inzwischen sind auch Katzen dazu gekommen … nun ja – die Personalsituation ist auch nicht einfach, die Kosten steigen. Natürlich. Das tun sie überall.

Vereinsmitglieder haben einiges an Arbeit übernommen, das Team ist gewachsen, und es werden viel mehr Hunde vermittelt und herüber geholt … was allerdings auch nicht immer gut geht… ja.  Nun ja.

Es dauert keine fünf Minuten und wir reden  miteinander, als hätte es nie zwei Jahre Eiszeit zwischen uns gegeben.

„Es geht um Misas Stern“, erläutert sie. „Wir haben nur noch wenige Exemplare und wollten Sie fragen, ob Sie es gestatten, eine Neuauflage drucken zu lassen?“

Heiliger  St. Franz – (auch wenn das doppelt gemoppelt ist) – wie schaffst du das, in all dem Chaos in dieser Welt stets ein langes Ohr in meine Richtung zu halten um meine stolpernden Bitten zu hören – und danach zu handeln????

Sie wollen etwas von mir – und ich von ihnen.

 

Sie wollen das Buch – und ich will Fynn.

 

Und was sie von mir wollen kann ich ihnen fast sofort geben – denn:

es existiert seit nahezu anderthalb Jahren ein nigelnagelneues Cover zu dem Buch – (erstellt von Jasmin Ruhland, die mit gespenstischer Genauigkeit gewusst hatte was ich haben wollte) – welches in den Tiefen meines PC schlummerte und darauf wartete in einer Neuauflage zum Einsatz zu kommen.

Das erste Titelbild hatte ich vor fast zehn Jahren selbst gezeichnet – und es war nicht mal annähernd das geworden was ich wollte. Nur das was ich konnte. Was als Originalzeichnung noch recht ansprechend wirkte, tat es allerdings im Druck bei weitem nicht – die Farben waren mal zu blass, dann wieder zu rot oder zu grün, denn meine gepinselten, gestrichelten und schraffierten Farbnuancen  waren eine zu große Herausforderung für den Computer des Druckers gewesen. Ich hingegen war  computertechnisch ein Affe im Flugzeugcockpit – ich konnte nur solide Handarbeit. Dass das Buch damit dennoch zwei Auflagen erlebt hatte ist für mich heute noch ein Wunder – aber jetzt – jetzt! – konnte es mit dem Titelbild erscheinen, das ich damals so deutlich vor Augen gehabt, aber nicht hatte verwirklichen können!

Ansprechende Bildseiten für das Script zu erstellen – das hatte ich inzwischen gelernt. Und eine Aktualisierung konnte es auch geben – immerhin waren zehn Jahre vergangen und es gab Neues über die fünf verwaisten Pelzbällchen zu berichten, die ich damals nach Berlin mitgenommen hatte.

 

Ein Versprechen an eine sterbende Mutter, das ich gehalten hatte…

Ich taste mich ran, frage nach Basti und Tschavo, weil ich von beiden keine neuen Bilder gefunden habe. Von Basti gibt es tatsächlich eine ganz neue  Fotoserie, die ich deshalb nicht finden konnte, weil ihn die Fotografen einfach umgetauft hatten. Er heißt jetzt Maximilian, ein Name der ungefähr so gut zu ihm passt wie ein Chapeau claque auf einen Entenkopf – doch er lebt und es scheint als freue er sich seines Lebens.

Aber Tschavo ist tot. Und mir rutscht das Herz irgendwohin, wo es einen Eisklumpen bildet.

Mit etwas vibrierender Stimme frage ich, ob sie sich an ihn, an Fynn, erinnern – ja, das tun sie. Er ist durchaus keine unbekannte Größe, nicht einmal unter den annähernd inzwischen 500 Hunden in Shumen.

Dimitrov weiß auf Anhieb, dass er noch lebt, aber nichts davon dass es ihm nicht gut geht.

„Sein Hinterlauf wurde amputiert“, erklärt er mir. Davon wusste ich bislang nichts – ich wusste überhaupt nicht welche Art Behinderung er hatte, sondern war immer davon ausgegangen er habe die Nervenstaupe gehabt.

Und so nehme ich an, dass die Amputation erst vor kurzem stattgefunden hat – im Juni vielleicht? Das würde sein elendes Aussehen erklären.

„Nein“, sagt Dimitrov, der offensichtlich ein Gedächtnis wie ein Elefant hat. Nach seinen Angaben – beruhend auf den Aussagen des Tierarztes Dr. Dankov – war Fynn vor sechseinhalb Jahren nach einer Autokollision ins Tierheim gebracht worden. Er war hinten gelähmt und wurde zunächst einen Monat mit Nivalin behandelt (ein Mittel, das in solchen Fällen stets verabreicht wird und in Bulgarien aus dem Extrakt von Schneeglöckchen gewonnen wird), sodann zehn Tage lang mit Kortison und Vitamin B-Komplex.

„Nach etwa vier Monaten war er wieder aufgestanden und benutzte da zum ersten Mal seinen rechten Hinterlauf  in der Art wie er es jetzt auch tut. Den linken Hinterlauf hielt er von Anfang an unter seinem Bauch versteckt. Nach ca. zwei Jahren wurde festgestellt, dass dieser Lauf abstirbt und sich entzündet und es bildete sich wildes Fleisch, daher hat der Doktor ihn dann zur Hälfte amputiert…“

„Zur Hälfte???“ zürnt es aus dem Hintergrund. „Warum zur Hälfte?? Das weiß doch jeder Pferdedoktor in jedem Kuhdorf dass man einen Lauf total abnehmen muss, nicht nur zur Hälfte!“

Und vielleicht hat er deshalb nie gelernt auf drei Beinen zu laufen – aber möglicherweise ist auch der rechte Lauf zu schwach gewesen und daher hat er sich diese hoppelnde Gangart angewöhnt, mit der er seit nunmehr fast sechs Jahren läuft.

Das erklärt also nicht seinen fatalen Zustand.

Ich bitte sie, sich die Bilder in der Homepage anzusehen und höre wie Frau Dimitrov nach Luft schnappt.

Auch sie kann es sehen.

„Um Himmels Willen!“ sagt sie. „Um Himmels Willen – der muss sofort raus!!“

Ganz meine Meinung…dann wäre nur noch die Kleinigkeit zu erledigen, ein Zuhause für ihn zu finden.

Inzwischen regt sie sich lautstark darüber auf, dass bisher für den Hund nichts unternommen wurde: „Es waren doch genug Leute da unten! Im Juni! Da wurden diese Fotos gemacht! Warum hat das keiner gesehen???“

„Weil“, erregt sich ihr Mann, „die gerade mal zwei Tage da unten waren – ich auch, wenn du dich erinnerst! – und in diesen zwei Tagen sind sie hunderte von Kilometern gefahren, haben drei Tierheime abgegrast, mit allen Mitarbeitern gesprochen und tausende Fotos geschossen und zugeordnet! Ich dachte ich bin in einem Hurrikan, so sind diese jungen Frauen da durchgefegt! Überhaupt keine Rücksicht auf mich…ich bin schließlich kein solcher Hüpfer wie die…“

„Ja, und warum hat der Doktor Dankov das nicht gesehen???“

„Du redest als hättest du keine Ahnung von der Situation da unten! Drei Leute und der Doktor – und hunderte Hunde!!!!... Außerdem ist er schon gar nicht mehr in dem Auslauf draußen – sie haben ihn reingeholt, ich weiß aber nicht genau aus welchem konkreten Anlass…“

„Also wissen sie doch dass es ihm schlecht geht!!!!“

„Ja - und was sollen sie tun??? Sie haben ihn ins Warme geholt!“

Ich halte den Hörer ein wenig auf Abstand, nuschele zwischenzeitlich begütigendes „hhhrrrrrrrrrrrrrmffff“ dazwischen und fühle mich wie in alten Zeiten.

Und ein bisschen wieder wie zu Hause…

Wir einigen uns dass ich sofort einen Notruf für Fynn über den Verteiler schicke; und was den Transport angeht:  es fliegt Anfang Januar ein Vereinsmitglied nach Sofia. Er könnte dorthin gebracht werden –  und wenn es ein Angebot für ihn gäbe  würde er mitfliegen können.

 

Wenn es bis dahin ein gutes, ein ernstzunehmendes Angebot für ihn gibt.

Der Notruf geht am selben Abend noch hinaus. Und ich schreibe einen Nachruf für Tschavo. Mehr habe ich nicht für ihn tun können.

Wohl aber für Basti – für ihn fand sich wenige Monate später ein Zuhause; und er hatte ebenso lange darauf warten müssen wie Fynn.

Es ist der 31. Dezember 2009.

 

Am Neujahrstag erschlägt mich eine Flut von Antwortmails; es scheint als wäre jeder Tierfreund, anstatt Böller zu zünden, Fynns wegen heißgelaufen.

Eine Flugbegleiterin erklärt sie würde ihn persönlich holen – mit der Lufthansa. Alle Foren und sämtliche Tierschutzportale, plus Homepages stellen ihn auf ihre Seiten; jeder fragt jeden, der seinerseits auch jeden fragen soll, nach einem Platz für ihn. Eine deutsche Tierschützerin die ein Tierheim in Italien unterhält, bietet an ihn auf jeden Fall und unter allen Umständen aufzunehmen, wenn sich sonst niemand findet. Ein Gnadenhof in der Schweiz will ihn übernehmen, einschließlich sämtlicher Kosten für seine Behandlung, inklusive Rollator.  Andere haben im Netz recherchiert, um günstige Rollatoren-Angebote zu finden, oder schicken Adressen, an die wir uns wenden sollen.

Dabei habe ich nur sehr wenig geschrieben (zumindest für meine Verhältnisse) – sondern nur die beiden Fotos eingestellt; von 2006 – und das andere vom Juni 2009.

Und auf diesem Foto vom Juni 2009 wird Fynn gesehen.

Und verstanden.

Am 2.Januar bekomme ich eine Mail von einer Frau Marita L. die mich vorsichtig fragt, ob ich der Meinung sei, dass Fynn auch ein paar Stunden allein bleiben könne?

Ein paar Stunden? Er war doch sein Leben lang allein – obgleich es einen Unterschied gibt zwischen allein und einsam – aber ich kann unmöglich voraussagen wie er sich verhalten wird. Zu viele unbekannte Faktoren spielen eine Rolle: Verwirrung in einer neuen, völlig fremden Situation und Umgebung, Angst vor neuem Verlust, Transportstress – wie soll ich wissen wie und ob er das verkraften wird? Ein bisschen Zeit muss man ihm wohl zugestehen, bevor man ihn allein lässt… ich antworte höflich und vergesse die Anfrage.

Denn es kommt noch ein Angebot.

 

 

Ich bin unruhig … so lange war ich allein mit mir und plötzlich sind Bilder da und Stimmen, so als wollte der Himmel selbst mit mir reden… sie rufen mich bei einem Namen den ich nicht kenne – was wollt ihr von mir? Ich hatte mich doch abgefunden, ich war ganz ruhig und wollte nur noch zu dem Licht gehen, das hinter dem Dunkel der Nacht auf mich wartet.

Die Stunde vor der Morgendämmerung  ist immer die dunkelste, das weiß ich; ich habe sie ja oft und oft erlebt. Es gab so viele Nächte in denen ich auf das Grau des Morgens warten musste, so viele in denen ich mit den Sternen gesprochen habe, weil mir niemand sonst zuhören wollte, und wo das Seufzen des Windes der einzige Laut war der mir Antwort gab. Jetzt sind die Sterne fort und den Wind höre ich nur leise murmeln – da draußen, wo die anderen sind. Und doch bin ich nicht allein – aber wer seid ihr? Und wo seid ihr? Und wo seid ihr gewesen in der langen Zeit, in der ich am Zaun auf euch gewartet habe?

Ich höre eure Stimmen in meinem Kopf und ihr wollt mir helfen …aber ich verstehe es nicht.

Ich bin unruhig, denn ihr facht eine Sehnsucht an, die ich schon begraben hatte…ich dachte zumindest, ich hätte sie begraben.

Aber vielleicht kann man nichts begraben - vielleicht kann man eine Sehnsucht nie vergessen.

Vielleicht kann man sie nur mit sich nehmen, wenn man für immer geht. Wird sie dann immer noch da sein?

Ich weiß es nicht… aber ich höre euch… vielleicht schicke ich noch einmal einen Ruf? Vielleicht wird der Wind ihn tragen…der Wind, der da draußen ist.

Vielleicht. 

 

Sie findet ihn am 1. Januar im Internet, bei ihrer Suche nach einem pflegeleichten Hund, der in ihre Drei-Frauen-WG passen könnte. (Vier, wenn man die Katze mitzählt.)

Aileen, ihre Tochter, hatte dem Wunsch nach einem größeren Exemplar Ausdruck verliehen - „der mitkommen kann zum Reiten und nebenher laufen!“ Die Freundin hatte sich nicht festgelegt – aber es sollte eine arme Seele aus dem Tierschutz  sein, da waren sich alle einig. Ausgenommen vielleicht Pünktchen.

Die Katze.

Also blättert sie die Internetseiten durch, Seiten und Seiten und Seiten, Hunde über Hunde, Schicksal um Schicksal… und plötzlich ist er da, sein Bild und seine Geschichte - und sie bricht in Tränen aus.

Ihre Frauen kennen ihre Anfälligkeit – sogar die Katze – und haben ihr schon nahe gelegt diese Gebiete des Internets doch vielleicht besser zu meiden; sie selbst kennt sie auch und ist eigentlich stolz auf sich, die vielen Seiten voll trauriger Schicksale und hoffender Hundeaugen in relativer Stabilität überstanden zu haben – bis sie auf ihn gestoßen ist.

„Er lebt seit fast sechs Jahren im Auslauf der behinderten Hunde im Tierheim Shumen der Deutsch-Bulgarischen Straßentier-Nothilfe e.V., der behinderte Fynn, der seinen Namen seinem nordischen Aussehen verdankt. Jedes Mal wenn Besuch kam hoppelte er erwartungsvoll an den Zaun und lachte hindurch, voller Hoffnung auf ein paar Streicheleinheiten, denn er liebt Zweibeiner. Inzwischen kann er das kaum noch – selbst das Hoppeln fällt ihm schwer und das freudige Lachen wohl auch….“

Das steht da und noch so einiges mehr. Dass er kastriert ist, dass er ein Bein verloren hat, dass er einen Rollator braucht, dass er verträglich ist und keine Katzen jagen kann. Und dass er dringend ein Zuhause braucht … und das kann sie sehen, denn die Bilder die ihn zeigen sagen es ihr. Sie wusste bislang nicht einmal, dass es behinderte Hunde gibt, geschweige denn wie das Leben eines solchen Hundes aussehen könnte, und der Begriff Rollator ist ihr allenfalls im Zusammenhang mit gehbehinderten Senioren bekannt – nicht als Laufhilfe für Hunde.

In der Nacht träumt sie von ihm und wacht mit der plötzlichen Gewissheit auf dass er zu ihr gehört, dass er kein weiteres Jahr in diesem Tierheim verbringen sondern bei ihr sein und ein gutes Leben haben wird. Dass er nicht umsonst all die Jahre um sein Leben gekämpft haben soll, um es jetzt an die Hoffnungslosigkeit zu verlieren. Das ist ihr Entschluss – aber von der Richtigkeit desselben muss sie ihre beiden Mitbewohnerinnen erstmal überzeugen.

Und die Katze.

Die Tochter wirft einen Blick auf das rothaarige Kerlchen und nickt sofort.

„Bulgarien?“ fragt sie. „Das ist gut …habe ich dir eigentlich mal die Geschichte von dem Straßenhund am Sonnenstrand erzählt?“

 

„Sonnenstrand? Da, wo du vor zwei Jahren im Urlaub warst? Ich glaub nicht – was war da?“

„Hhhum – wahrscheinlich hättest du dich entsetzlich aufgeregt, darum hab ich’s wohl lieber gelassen… also – wir sind eines Nachts aus der Disco gekommen und irgendwie waren da so komische Gestalten unterwegs. Sonst war das nie so, wir haben den Weg ja eigentlich jede Nacht genommen, aber da war uns ein bisschen mau zumute… jedenfalls – auf einmal war der Hund da. Ist aus dem Nichts aufgetaucht und mit uns zum Hotel gegangen – und als wir angekommen waren ist er verschwunden. Wir haben ihn nicht mehr wieder gesehen – aber ich dachte damals schon, dass er uns beschützen wollte. Wie ein Schutzengel… also – ich bin für jeden Hund den du aus Bulgarien holen willst – absolut.“

 

Sie starrt die Tochter an, mit einem Gefühl als würde ihr Quecksilber das Rückgrat auf und ab rollen – oder als hätte sie das sanfte Raunen von Flügeln vernommen, die soeben an ihr vorbei geweht sind.

 

Von Engelsflügeln.

 

 

Der Freundin serviert sie ihren Wunsch mit folgenden Worten: „Du, ich würde gern einen Behinderten aufnehmen!“ und erntet einen verdutzten Blick.

 „DU WILLST WAS??? Wo soll denn hier noch ein Behinderter wohnen??"

 „Bei mir…"

„Hast du einen Knall oder was hattest du zum Frühstück?"

„Es ist ein Hund..."

„Ein behinderter Hund??? Ein behinderter Hund!!! Oh… Oh nein, was hast du denn jetzt wieder für eine Idee???“

Sie zeigt ihr den Hund, blendet ihn vor die ungläubigen Augen, die zunächst sie mit ratloser Verzweiflung anschauen, weil geargwöhnt wird, dass offenbar wieder einmal ihr soziales Gewissen die Kontrolle übernommen hat,  und dann die Pelznase betrachten.

 „Ich sag es mal so!“ Sagt sie dann. „Ein Hund. Ja. Hatten wir ja überlegt. So im Frühjahr. Oder im Sommer. Einer der mit Aileen über die Koppel rennt. Richtig bis hierhin?“

„Ja, nun…“ 

„Ein Hund aus dem Tierschutz – in Ordnung. Völlig einverstanden. Es gibt Tierheime. Da wollten wir hingehen. Bis hierher – alles okay.“

„Ja nun, aber…“

„Bisher waren wir noch nicht einig was für einen Hund wir wollen – wir haben ja auch noch Zeit. Oder wir hätten noch Zeit – und jetzt erzählst du uns von einem Hund aus  - woher? – aus Bulgarien, der alt ist und krank und behindert – und aus Bulgarien???? Von dem wir nix wissen – noch nicht mal wie zum Teufel er hierher kommen soll! – oder ob er bissig ist und am liebsten Katzen verspeist - “ (Pünktchens Schnurrhaare zucken nervös) – „ oder ob er stubenrein ist und alleine bleiben kann – also wirklich, Marita! Du kriegst Internetverbot –meinst du das wirklich ernst????“

„Er ist nicht bissig.“ Marita hält sich an eine Frage die sie beantworten kann – ohne allerdings zu wissen oder erklären zu können, woher sie das weiß. Müsste sie erklären was in ihr vorgeht könnte sie nur sagen, dass etwas an diesem Bild auf dem Bildschirm ihr Herz berührt hat. Ein kleines leidendes Gesicht und verzweifelte Augen – und ein Schmerz, den sie fast körperlich spüren kann, über Zeit und Raum hinweg. Das Wissen um eine verlorene, weinende Seele und das immense Bedürfnis sie zu retten; Mitleid – ja. Aber da ist noch mehr. Ein Gefühl, das sie wirklich nicht erklären kann … die Gewissheit gerufen zu werden, von einem Geschöpf, dessen Momentaufnahme, die vielleicht Wochen oder Monate alt ist,  sie ansieht, und ihr sagt, dass es zu ihr gehört. Und dass es sie braucht.

Später sagt sie: „Ich weiß nicht warum, aber es war als würde sein Leid in meine Seele kriechen und als müsste ich die Tränen weinen, die er nicht weinen kann...“

 

Sie hebt sich jeglichen Erklärungsversuch für später auf: „Ich schreibe da hin und frage nach, ob man mir mehr über ihn sagen kann!“ – und macht damit gleichzeitig klar, dass sie „es“ tatsächlich ernst meint, während die Freundin murmelt, dass sie „das“ erstmal überschlafen müsse.

Aber da hat sie schon geschrieben.

 Die Katze bleibt derweil unverbindlich, sitzt mit anmutig um die Pfoten geschlungenem Schweif - und wienert sodann sorgfältig die ausgefahrenen Krallen.

Eine höfliche Antwort kommt sofort, die sie wiederum mit der Bitte beantwortet, die vielen Fragen die sie hat telefonisch klären zu wollen  – und erhält zwei Tage später eine weitere Mail, die besagt, dass eine Stelle für den Hund gefunden worden sei und er am 10. Januar über Sofia ausreisen werde. Vielen Dank für Ihr Interesse „und schauen Sie doch mal auf die  Seite der db-tierhilfe – dort werden Sie noch viele Notnasen finden, die dringend ein Zuhause suchen!“

Ihr erstes Gefühl ist Enttäuschung; gefolgt von Verwirrung und dem Gedanken, dass der Hund dort sechs Jahre in diesem Tierheim gesessen hat, ohne dass ihn jemand wollte – und sich nun plötzlich offenbar alles und jeder um ihn reißt.

Und dass sie ihn nicht bekommen wird.

Nun – sie freut sich für ihn. Er wird ein Zuhause haben und wird bald glücklich sein.

 

Hoffentlich. 

Ja, vielleicht wird sie sich die Homepage dieses Vereins ansehen – später. Im Augenblick bereitet ihr die Vorstellung von „vielen Notnasen“ die sie mit traurigen Augen anschauen eher Unbehagen – und außerdem ging es ja um ihn, um Fynn. Er hat sie berührt und er ist nicht einfach gegen einen anderen Unglücksraben austauschbar, so verständlich das Bemühen der unbekannten Schreiberin auch ist, einen anderen Bewohner dieser bulgarischen Arche an Land zu bringen.

Und die vielen Seiten, die sie durchgeblättert hatte, bevor sie Fynn gefunden hat – sie sind voller verlorener Seelen, die mit herzzerreißenden Gesichtern in Kameras schauen, die versuchen die flüchtigen Augenblicke der Not und Verzweiflung einzufangen, die in diesen Augen zu lesen sind.

Sie würde sie gern alle retten, so sie könnte – und doch ging es um diesen einen.

Warum? Das weiß sie nicht.

Sie weiß nur, dass sie gerufen wurde. 

Renate hat die Adresse an mich weitergeleitet – eine Interessentin, die sich für einen ihrer Hunde aus Patras beworben hatte, der aber bereits anderweitig vermittelt werden konnte.

Ich schreibe sie an und sie schreibt zurück, dass sie Fynn sofort und jederzeit aufnehmen könne – als Dauerpflegestelle mit Bleibeoption für den Hund – schildert ihre Verhältnisse (kleines Haus mit Garten, keine Treppen, immer jemand zu Hause, ein eigenes, älteres, absolut friedliches Hündchen, Futter selbst gekocht, kompetente Tierklinik in der Nähe) – ein Sechser im Lotto war ein Hühnerklacks dagegen. Die Erwähnung der Tierklinik verursachte allerdings ein mentales Zucken, ähnlich einem kurzen Stromstoß, und ich ringe ihr die Zusicherung ab, Fynn unter keinen wie auch immer gearteten Umständen in einer solchen Klinik allein zu lassen; sie erwidert vehement das täte sie auf keinen Fall.

Sehr gut. Wunderbar. Ich glaube alles. 

Sie telefoniert mit Frau Dimitrov; die glaubt es auch.

Ich organisiere im Hui eine Vorkontrolle über einen in der Nähe ansässigen Tierschutzverein, die umgehend stattfindet, und die uns berichtet, dass die Interessentin mehr als geeignet sei, Erfahrung mit behinderten Hunden habe und auch offenbar schon alte Hunde aus Spanien aufgenommen hatte. Die inzwischen gestorben seien. Das Umfeld jedenfalls sei für einen behinderten Hund optimal.

Wunderbar!

Größere Kosten für seine medizinische Behandlung, die unumgänglich sei, könne sie nicht  übernehmen; auch nicht für einen Rollator. Dies wird – wie viel zu häufig für die angespannte Vereinskasse – der Verein tragen, welcher hofft die Ausgaben durch  Spenden hereinholen zu können.

Wird gemacht, ich sitze schon am PC und schreibe den Spendenaufruf, zusammen mit der Entwarnung und einem herzlichen Dankeschön an alle die ihre Hilfe angeboten hatten; an Frau L. schreibe ich gesondert, in der vagen Hoffnung, dass sie sich vielleicht einen anderen Nothund in der Homepage ausguckt.

 

Dann informiere ich die Reikimeisterinnen, nebst Tierkommunikatorin, damit sie ihn auf die Ausreise vorbereiten. 

Plötzlich kann ich die Sterne wieder sehen, obwohl ich noch immer in dieser Halle liege und ich sie gar nicht sehen dürfte, denn hier gibt es doch keine – aber sie sind dennoch da. Und ich sehe Bilder von einer Wiese voller gelber Blumen, durch die ein Freund hindurch läuft, der ein seltsames Gefährt mit Rädern an seinen Hinterläufen befestigt hat… ich kann erkennen dass ihm ein Lauf fehlt – aber er rennt und er ist schnell…so schnell… er rennt durch diese Wiese voller Blumen und es sieht ganz anders aus, als alles was ich bisher gesehen habe. Er ist allein auf dieser Wiese und er rennt… und er rennt zu einem Napf mit frischem Wasser … das ist nur für ihn allein, er kann trinken soviel er will, denn es ist niemand da, der ihn wegstößt… und dann sehe ich ein Lager, mit weichen Decken, das ist auch nur für ihn, damit er ungestört schlafen kann… wenn er dort liegt hat er keine Räder mehr an seinen Hinterläufen; das wäre wohl auch schwierig, vermute ich; und zum Schlafen braucht er sie ja nicht.

Und ich sehe Hände die ihn streicheln, warme, gute Hände, die Liebe geben und Fürsorge…

Ich werde wieder unruhig… das sind so wunderschöne Bilder, die mich sehnsüchtig machen… ich weiß es jetzt sicher – da ist jemand der zu mir spricht und der sie mir schickt.

 

Aber warum? Die Bilder kommen  nicht vom Jenseits der Morgenröte – das glaubte ich, weil sie so schön waren, schöner als alles was ich je erlebt habe; aber jetzt weiß ich dass dies nicht der Ort ist von dem sie kommen. Es ist ein anderer Ort – ein Ort zu dem ich gehen kann, auch wenn ich nicht weiß wie… es kommen Bilder von einer riesigen Maschine, die ich auch noch nie gesehen habe… es ist laut darin… das will ich nicht sehen, ich will wieder die Wiese mit den Blumen sehen…

Aber sie, die mir die Bilder schickt, beharrt darauf, ich soll sie ansehen, denn es ist ein Weg den ich gehen soll – den ich gehen werde…

Und dann verstehe ich – oder ich meine zu verstehen… der Gefährte der dort läuft – er ist kein Fremder… er ist mein Schattenbild…

Du, wer immer du bist, die mir die Bilder schickt… was willst du mir sagen? Ich werde laufen können? Rennen? Ich?

Du schickst mir Bilder … aber hörst du mir auch zu? Und kann ich dir glauben?

Darf ich dir glauben?

 

„…und dann hat  er mich das erste Mal angeschaut, so richtig, nicht vorbei, oder hindurch, sondern richtig fixiert... ob ich die Wahrheit sage…  das fragt sein Blick, ob er mir glauben kann.... macht es bitte wahr, ich habe es ihm hiermit versprochen!!!!“

 

Schreibt Brigitte.

 

Nein, nein – alles klar! Dieses Versprechen wird gehalten – in sechs Tagen geht er auf die Reise, selbst sein Transport vom Flughafen zum Bestimmungsort ist schon geklärt; er wird in Frankfurt abgeholt und bis vor die Haustür gefahren – die Adoptantin ist unmotorisiert.

 

 Januar 2010

 

In den frühen Morgenstunden des 10. Januar 2010 bringt man ihn von Schumen nach Sofia – und direkt zum Flughafen. Es ist Sonntag – und  seit eben diesen frühen Morgenstunden hocke  ich mit rotgeäderten Augen vor dem PC, die Startseite des Airport auf dem Monitor, die mir um 11.20 Uhr kundtut, dass sich die Abflugzeit um eine Stunde verzögert. Es herrscht ein wahres Sauwetter in Frankfurt, Schneestürme, inklusive Verwehungen allerorten – und wenn es bei nur einer Stunde bleibt werde ich eine Dankeskerze anzünden und mich sicherheitshalber noch gen Mekka verbeugen…

Bis dahin sitze ich auf einem Haufen aufgebrachter roter Waldameisen.

 

Meinen letzten Rückflug aus Sofia hatte ich im Gewitter erleben dürfen, inklusive aller Feinheiten, wie jähem Absacken, taumelnder Stewardessen, kreischender Sitznachbarn und interessanter Würgegeräusche, die mich beklagenswerterweise davon abgehalten hatten dem grandiosen Naturschauspiel außerhalb der kleinen Blechdose, in der ich herumschaukelte, die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen – und nur heilfroh, dass kein Hund im Frachtraum diesen Widrigkeiten hilflos ausgeliefert war. Seit dem Desaster um Fritzi, der im Anschluss an einen Horrorflug sein Leben verloren hatte,  ist mein Nervenkostüm jedes Mal restlos geschreddert, wenn eines „meiner“ Kinder auf die Reise geht – schon unter normalen Umständen.

Aber dies sind keine normalen Umstände, denn Tief „Daisy“ fegt durch Deutschland und beschert unter anderem auch dem Airport Frankfurt – den ich zu meiner weiteren Erbauung aufrufe – bereits 85 Flugausfälle, und zwar sowohl bei Starts als auch bei Landungen. Von vereisten Autobahnen und unpassierbaren Landstraßen gar nicht erst zu reden – denn von Frankfurt  bis zum Ziel sind es noch schlappe 400 km nordwärts… und „Daisy“ tobt sich aus!

Airport Sofia erleuchtet mich mit nervtötender Gründlichkeit über jede weitere Stunde Verspätung, die ebenso penetrant in Frankfurt bestätigt wird. Der Sturm heult über ganz Deutschland, auch andere Flughäfen melden Verspätungen und Flugausfälle –  und Fynn sitzt seit Stunden im dunklen Frachtraum.

Was wird wenn er nicht in Frankfurt landen kann, wo die Tierfreunde warten, die ihn abholen und weiter transportieren wollen? Wenn Sofia keine Starterlaubnis gibt muss er wieder ausgeladen und nach Nadeshda gebracht werden, das er nicht kennt, ganz abgesehen davon, dass die Mitarbeiter benachrichtigt werden, ein Fahrzeug nebst Fahrer auftreiben und sich durch den täglichen Höllenstau der Großstadt kämpfen müssen – das wäre zwar unangenehm, aber noch keine logistische Katastrophe. Sollte er allerdings statt in Frankfurt  in München oder Düsseldorf oder sonst wo landen sieht die Sache anders aus… der Ameisenhaufen unter meinem Achtern vergrößert sich synchron mit allen Horrorszenarien die ich im Geiste abspule.

Aber dieser spezielle Abflug findet statt, allen Widrigkeiten zum Trotz, wenn auch mit kapitalen vier Stunden Verspätung, in denen ich am Rande eines ebenso kapitalen Nervenzusammenbruchs entlang spaziere;  hier ist es 15.30 Uhr, als Sofia endlich erklärt dass der Jet gestartet sei – dort ist es schon eine Stunde später. Der Kleine hat inzwischen bereits einen Monstertag hinter sich, der den meinen mit Sicherheit in den Schatten stellen dürfte – aber das Schlimmste für ihn kommt jetzt erst: der Höllenlärm im Frachtraum und die Schubumkehr bei der Landung – die, wie ich mich entsinne, auch Kuckuckskinder zum Heulen bringen kann.

Bedauerlicherweise kann ich außer beten und hoffen, dass alle Kontaktpersonen ihn mental stützen, gar nichts machen – aber ich rühre mich auch nicht vom PC weg, und erfreue das Tierschutzverteilervolk mit stündlichen Updates darüber was sich tut, bzw. eben nicht tut… vielleicht in der Hoffnung, dass viele, viele positive Gedanken, auf die ich meine vielen unbekannten Freunde da draußen an den vielen anderen PCs einschwöre,  bei ihm ankommen und ihn mit einem Schutzschirm umgeben – diesen einen, den zu retten für mich in diesem Augenblick die Welt rettet…

Dann, nach gefühlten tausend Jahren,  meldet Frankfurt dass der Jet im Anflug sei.

Um 18.08 zeigt der Monitor an, dass die Maschine aus Sofia, „Daisy“ trotzend, gelandet und auf Position ist – und ich sende augenblicklich einen Jubelschrei in Großbuchstaben durchs Internet… anders freuen ist nicht möglich und sich allein freuen ist ohnehin das ödeste von der Welt; und ich kann die Eruptionen förmlich spüren, die das Abwärtspoltern gigantischer Felsbrocken von sensiblen Tierschützerherzen auslöst – mein eigenes nicht ausgenommen. Irgendwo knallen sogar die Sektkorken habe ich mir sagen lassen… und Claudia schickt folgende denkwürdige  Mail herum:

er ist raussssssssssssssssssssssss -

Nach all den Jahren!!!!!!!!! Die Verteiler sind geil, wir sind allllle supppper – ich mach das hier weiter auch noch im Pflegeheimmmmm!!!! Danke euch alllllen!!!! Claudia 

 

 

Die Tierschutzkollegen, die nahezu vier Stunden in Frankfurt gewartet haben, nehmen ihn in Empfang – wohlbehalten, wie ich per Handy erfahre – und machen sich daran ihn vierhundert Kilometer durch „Daisys“ ungebrochenes Wüten an seinen Bestimmungsort zu bringen – nach Hause.

Dort landet er kurz nach Null Uhr, müde, erschöpft, verängstigt – und sehr hungrig.

Es war eine lange Reise…20 Stunden --- und ein ganzes Leben bis nach Hause; alle Engel waren mit ihm – und eine Menge ohne Flügel…

 

Und dennoch ging es schief.

Mein eigenes Unbehagen wurde – zunächst unmerklich, bzw. zurückgedrängt – von einer Bemerkung ausgelöst, die Frau Dimitrov gemacht hatte – aber das ihre kam postwendend, und wurde weder zurückgedrängt noch war es unmerklich.

Die Adoptantin schickt eine Mail herum, in der sie ihre ersten Eindrücke von Fynn schildert – flapsig-lustig, mit merkbarer und wiederholter Betonung auf seinem entsetzlichen Atem, der „sie fast K.O. gemacht“ habe – und in der sie zudem ihr Bestreben offenbart, ohne Säumen alle erforderlichen ärztlichen Behandlungen umgehend in Angriff zu nehmen.

Es klingt nicht direkt unfreundlich, doch die Tonart wirkt wie ein rotes Tuch auf Dimitrovs, die, zum einen, sich kritisiert fühlen und zum anderen den Hund in ein schlechtes Licht gerückt, ja schlimmer noch, nämlich zur Zielscheibe des Spottes gemacht sehen. Man hatte ja nun wirklich keinen Hehl aus seinem Zustand gemacht, auch nicht, dass es sich um einen älteren Hund handelt, für den man schließlich die Behandlungskosten übernehmen würde – also kein Grund für ein derartiges Gedöns, noch dazu öffentlich!

Man gerät telefonisch aneinander, was in der Aussage der Adoptantin mündet, man habe sich schließlich sechs Jahre nicht um den Hund gekümmert und wolle ihr jetzt doch wohl keine Vorschriften machen!!!

 

Das Ergebnis ist absehbar.

Unterdessen sitze ich vor einer Mail, die mich darauf hinweist, dass es in Fynns neuem Zuhause in den letzten anderthalb Jahren zwei ältere Hunde gegeben habe, die beide nicht mehr am Leben seien.

Ja. Das hat sie berichtet. Sagte ja schon die Vorkontrolle und sie hat es auch Frau Dimitrov erzählt. Sie muss sogar erwähnt haben, dass sie einmal einen Hund zurückgegeben habe, da er bissig gewesen sei. Hatte ich verdrängt – denn schließlich: ältere Hunde können sterben, vor allem, wenn sie ein schlimmes Leben hinter sich haben.

Dennoch hätte  diese Information ein wenig genauer hinterfragt werden müssen –  und zwar von mir.

Hier steht dass ich weiteres telefonisch erfahren könne. Also rufe ich an und vernehme, dass einer der Hunde eingeschläfert worden sei, knapp zwei Wochen nach der Übernahme, und zwar gegen den Willen der Vermittlungsorganisation, die ihn hatte zurückholen wollen. Ein Tierarzt habe – so die damalige Begründung - geäußert, alles andere laufe auf eine unnötige Quälerei des Tieres hinaus.

Von dem anderen Tier wusste man nichts, der müsse von einer anderen Vermittlung stammen.

So etwas habe ich schon einmal gehört – als Maxima getötet worden war. Die damalige Pflegestelle fühlt sich noch heute völlig im Recht, diesen „Akt der Gnade“ initiiert zu haben.

Die schlagartige Vorstellung, dass diese Adoptantin genauso handeln könnte, sofern sie sich im Recht fühlt, zieht mir buchstäblich den Boden unter den Füßen weg und Panik lässt mich minutenlang unkontrolliert zittern. 

Ich weiß wie Auslandshunde allzu häufig von hiesigen Veterinären angesehen werden – wandelnde Keim-und Bazillenträger, Seuchenüberträger, die ungeimpft, mit getürkten Pässen illegal über Grenzen geschleust werden – und beim geringsten Anzeichen einer Krankheit wird Staupe gemutmaßt. Fritzi, ein einjähriger, gesunder, junger Hund aus Dobrich, war wegen der Verspätung des Jets, stundenlang  im stickigen Frachtraum eingesperrt gewesen, hatte darauf mehrere Starts und Landungen durchgemacht und wurde bei der endlichen Ankunft in seinem Zuhause von der dortigen Hündin angegriffen und verletzt – seine daraufhin einsetzenden Krämpfe diagnostizierte man als Staupe, worauf man ihn in der Tierklinik einschläfern wollte. Man verweigerte Dimitrov, der umgehend dorthin gerast war, zunächst die Herausgabe – und er berichtete, ihn in einem Käfig angebunden, in seinem Urin liegend, vorgefunden zu haben. Er starb unmittelbar darauf und Dimitrov durfte dann den toten kleinen Hund mitnehmen. Eine nachfolgende Obduktion ergab keinen Hinweis auf Staupe – aber er war tot und er war elend und einsam gestorben.

Fynn ist kein junger, gesunder Hund - und er ist behindert! Ich schätze, fünf von zehn deutschen Tierärzten würden angesichts seiner Fortbewegungsart kopfschüttelnd zur „Erlösung“ raten…

Ich laufe zähneklappernd durch meine Wohnung, völlig außerstande einen klaren Gedanken zu fassen – außer dem einen, der sich in meinem Kopf dreht wie ein Schwingdeckel: „was habe ich getan… mein Gott, was habe ich getan???“

 

Und was soll ich jetzt tun??? Meine fliegenden Anfragen an mehrere Verteilerfreunde helfen mir auch nicht weiter; die einen sagen „sofort rausholen!“, die anderen raten zum ruhigen Abwarten, wieder andere machen sich erbötig hinzufahren und die Situation auszuloten – nützt mir alles nichts. Es hatte ja eine Vorkontrolle gegeben – nicht nur jetzt, wegen Fynn, sondern auch damals, von dem anderen Verein -  und jedes Mal war sie positiv verlaufen… und es gibt nichts, was ich mit absoluter Sicherheit sagen könnte, nichts was begründen würde, den Kleinen im Schnelllauf herauszuholen, außer meiner Angst …ich zwinge mich zur Ruhe. Und rufe Dimitrovs an.

 

Die sagen mir, dass die Adoptantin sie zwischenzeitlich aufgefordert hat, den Hund umgehend wieder abzuholen – was Dimitrov morgen auch umgehend tun wird.

Offenbar sind die Unstimmigkeiten innerhalb weniger Stunden eskaliert und Fynns wunderbares neues Leben hat sich in Rauch aufgelöst…

 

Ich bin sowohl erleichtert als auch fassungslos. „W…was?? Sie setzt ihn vors Loch? Sofort??“

„Nun – nicht direkt. Aber mehr oder weniger. Wir sollen schnellstens eine Alternative für ihn finden. Also hole ich ihn morgen ab!“

„Und wo bringen Sie ihn hin???“

„Ich bin noch am Verhandeln!“

„Ich schicke sofort einen Notruf raus – aber der muss erstmal rumgehen! So drei Tage muss man einrechnen…“

„Nein. Ich hole ihn morgen!“

Ich lese die Mail durch, die die Adoptantin geschickt hat und komme zu dem Schluss, dass es sich hier möglicherweise um einen taktischen Versuch handelt über Dimitrov die Oberhand zu gewinnen – und wie eine solche Aktion enden würde hätte ich ihr vorher sagen können; aber mich fragt ja keiner.

Ich schicke den Notruf dennoch los – und kopiere die Frau Marita L. mit ein. Es sind nur knappe 120 km von Fynns jetzigem Aufenthaltsort bis zu ihr – und man kann ja nie wissen.

Am nächsten Morgen informiert mich Frau Dimitrov seufzend, dass ihr Mann losgefahren sei um Fynn abzuholen. Die „Kleine Arche Straelen“ (in Straelen) nimmt ihn auf. Sie haben etliche behinderte Hunde und kennen sich aus. Dort wird es ihm gut gehen.

Das heißt: Dimitrov fährt jetzt 400 km um den Hund abzuholen, dann 200 km um ihn nach Straelen zu bringen, sowie anschließend 299 km zurück nach Homberg.

 

Ich könnte es nicht – und ich bin mal eben schlappe 20 Jahre jünger als er.

 

Das ist eine Höllentour – für ihn und für Fynn. Und für den Kleinen ist es schon die zweite, innerhalb von drei Tagen.

Am späten Abend – heil und gesund zurück – schickt  mir Dimitrov die ersten Fotos, aufgenommen unmittelbar nach der Ankunft in Straelen; sie zeigen einen kleinen, verunsicherten und absolut unglücklich – und auch resigniert - blickenden Hund.

Es tut mir weh; es war nicht das, was ich für ihn gewollt hatte – aber es ist wie  es ist und ich finde mich ab.

Und er muss es auch.

 

 

Manchmal geht es schief…“

 

Das steht da.

Fynn sucht wieder, er muss sofort abgeholt werden. Und es ist nicht seine Schuld – das steht da auch. Ausdrücklich.

Sie liest es und reagiert ohne weiteres Überlegen – das kommt erst anschließend. Fynns Not ist groß – vielleicht sogar noch größer als vorher. Also ruft sie den Familienrat wieder zusammen. Aileen ist ohnehin einverstanden – war sie ja schon vorher; Pünktchen sitzt wie die Heilige Katze Bastet auf der Sofalehne und schaut Sphinxmäßig – und die Freundin nagt an dem Problem herum, überlegend was und wie viel davon sie verdauen kann.

„Also“, sagt sie schließlich, „es hängt auch davon ab, wie schwer er behindert ist. Wenn der hinten auf der Erde schleift – also ich glaube nicht, dass ich das aushalten kann – dazu bin ich zu neu was behinderte Hunde angeht. Also ruf da an und kläre das – und  wenn dein Herz so daran hängt, dann in Gottes Namen, hol ihn! Ruf an, frag nach - und sag, wir nehmen ihn!"

 

Inzwischen ist Fynn bereits nach Straelen umquartiert worden. 

Dimitrov ist am Telefon.

„Ich habe Fynn schon vor zwei Tagen abgeholt. Er befindet sich jetzt in einer sehr guten Pflegestelle, die auch Erfahrung mit behinderten Hunden hat, und ich denke er sollte nicht…“

Weiter kommt er nicht und ebenso wenig Zeit bleibt ihr mehr zu denken als: „das glaube ich doch jetzt nicht!“

„Geht’s um Fynn? Gib her – die will ich sprechen!“

Frau Dimitrov entreißt dem Gatten den Hörer und übernimmt. Und examiniert.

Drei Frauen?

Drei Frauen. Zwei davon mittleren Alters. Und eine Katze. „Meine Tochter macht demnächst Abitur, ihre Schule ist gleich gegenüber…“

Wohnsituation?

„Kleines Haus …rotgeklinkert…äh… kleiner Garten. Ruhige Gegend…Badeteich ist fast vorm Haus…“

Arbeitszeit?

„Ein paar Stunden muss er schon allein bleiben, aber Aileen, meine Tochter, kann zwischen den Unterrichtsstunden immer nach ihm schauen…wie gesagt, die Schule liegt gegenüber…“

Also eine Einzelstelle?

„Eine Einzelstelle. Abgesehen von der Katze…meinen Sie er würde…“

„Die Katze jagen? Er ist behindert. Die Katze wäre immer schneller als er. Umgekehrt ist es wahrscheinlicher. Eine Einzelstelle…“erfreutes hmmmmmmmmmm! „Das wäre schön. Das wäre besser – viel besser!“

„Und wie ist er sonst so … was können Sie über ihn sagen? Zum Beispiel über seine Behinderung?“

„Hrrrrrmmmmmmm – ich habe ihn nie gesehen… wissen Sie was? Rufen Sie die Arche an! Da ist er seit zwei Tagen, die können Ihnen sehr viel mehr über ihn sagen! Ich melde Sie an und frage was die davon halten ihn eventuell nochmals umzuquartieren.“

Die Arche hält eine Menge davon – ein guter Einzelplatz wäre für den Hund das Beste, das Größte, das absolut Optimale, so wie ein Sechser im Lotto…also ruft sie dort an – und findet überaus freundliche, hilfsbereite Gesprächspartner. Sie schildern Fynn als liebenswerten, bescheidenen und sehr freundlichen kleinen Gesellen, einen echten Anfängerhund, der keine Katzen jagt und auch allein bleiben kann ohne in schrilles Wehgeheul auszubrechen. Seine Gangart wird als eine Art Hoppeln beschrieben, wie es ja auch in den Berichten über ihn schon erwähnt wurde.  Nein, er schleift die Hinterläufe nicht nach; er hopst. Er ist nicht gelähmt – aber möglicherweise hat er Schmerzen. Ja, eine Einzelstelle wäre wirklich schön für ihn; hier müsste er sich die Aufmerksamkeit wieder mit anderen teilen – und er erschiene ihnen etwas sehr bedürftig was Zuwendung anginge. Ein nochmaliger Wechsel sollte aber bald erfolgen, damit er sich nicht erst einlebt. Falls sie sich für ihn entscheidet solle sie wissen, dass sie jederzeit um Rat bei ihnen nachfragen könne – man habe mehr als genug Erfahrung, auch mit gelähmten Hunden, was Fynn ja – wie gesagt - durchaus nicht sei!

Sie hat gar keine Erfahrung – aber jetzt stürzt sie sich ins kalte Wasser und sagt zu, plagt sich anschließend zwei schlaflose Nächte mit den Folgeängsten ihrer Entscheidung herum, erscheint hohläugig zum Frühstück und wird von der Tochter mit den markigen Sätzen zurecht gestutzt:  „Mensch, jetzt hör auf zu grübeln, wir haben uns entschieden und basta! Wehe du machst jetzt einen Rückzieher!!"

Unbekümmerte Kühnheit der Jugend, die, sofern sie überhaupt Probleme sieht, keinen Grund erkennt, diese nicht umgehend aus dem Weg baggern zu können … und, ja – sie hat Recht. Hat sie. Die Entscheidung ist gefallen, sie ist genau genommen schon vor zwei Wochen gefallen, und dass der kleine Rufer aus der Wüste nun über drei Ecken und Umwege schließlich doch bei ihr landen soll kann kein Zufall sein.

Sondern Schicksal. Was immer das auch sein mag.

Oder wer.

 

 Und Fynn geht erneut auf die Reise. 

Diesmal sind es dreihundert Kilometer, von denen die Betreiber der Arche knapp die Hälfte entgegenkommen. Dimitrov wurde von Gattin und Arche überstimmt – mich hat erst gar keiner gefragt – lehnte es aber verzeihlicherweise ab nochmals eine derartige Tour auf sich zu nehmen.

Der 18.Januar bietet, was das Wetter angeht, alles auf, was das Wetter um diese Jahreszeit so aufzubieten hat – also in erster Linie Schnee und Eis, glatte Straßen und Verwehungen, aber die Übergabe an einer Raststätte in Münster klappt reibungslos.

Dann sieht sie ihn zum ersten Mal.

Der Schwager fährt und sie sitzt hinten, mit dem kleinen Asylanten, dem Schiffbrüchigen einer gnadenlosen Welt in der er misshandelt und verstümmelt worden war, und den sie jetzt und für immer aus der See gezogen hat, die ihn fast schon verschlungen hatte.

„Der arme kleine Kerl saß mit mir auf dem Rücksitz und war soooo aufgeregt. Nicht mal Leckerchen konnte er fressen. Ist nur immerzu hin- und hergehüpft. Aber, und das ist mir bis heute ein Phänomen, zwischendurch hüpfte er auf meinen Schoß und gab mir ein Küsschen, obwohl er überhaupt nicht wusste, was ihm nun schon wieder passiert!“

 Aber er wusste es durchaus – er hatte sie ja gerufen und nun war sie da und alles war endlich gut…

 

Innerhalb eines Tages hat er ihre Welt auf den Kopf gestellt, denn er ist der Fixstern um den sie sich plötzlich dreht.

Er begrüßt alle Familienmitglieder mit rührender Freude, die lediglich von Pünktchen mit Ungnade und übellaunigem Fauchen beantwortet wird. Es stört ihn nicht; er erweist ihr seine höfliche Reverenz und wird es auch in den kommenden Wochen an Respekt nicht fehlen lassen. Sie gefällt ihm, er mag sie – er mag überhaupt jeden Bewohner dieses Hauses, das jetzt auch das seine ist – sie wird sich schon an ihn gewöhnen.

Er schläft tief und fest in Maritas Zimmer, akzeptiert problemlos dass sie ihn morgens verlässt um arbeiten zu gehen, bleibt auf seiner Decke in ihrem Zimmer und wartet auf sie. Nur das Auftauchen der Freundin, die, in eine dunkle Männerjacke gehüllt, erscheint um ihn in den Garten zu lassen, versetzt ihn in Panik und er versteckt sich furchtsam. Da er am Abend zuvor freudig auf sie zugehüpft war vermutet man richtig, dass es diese dunkle Männerjacke war, die ihn in Angst versetzt hat; man weiß nicht, welche höllischen Erinnerungen er in sich trägt – aber dies ist offenbar eine davon.

Auch die Fahrt am Nachmittag zur Tierärztin erfüllt ihn mit Entsetzen; er klammert sich verzweifelt an Marita und ködelt vor Angst; es ist die fünfte Autofahrt innerhalb einer Woche und jedes Mal befand er sich anschließend an einem anderen Ort. Sie versteht sein verzweifeltes Betteln und tut ihr möglichstes ihn zu beruhigen – nein, er wird nicht mehr fortgebracht und sie wird bei ihm bleiben, aber der Tierarztbesuch muss sein und sie will ihn nicht aufschieben. Es geht ihm nicht gut, sie sieht es.

Die Tierärztin sieht es auch und gibt ihm eine Spritze gegen Schmerzen und mutmaßliche Entzündungen. Seine Zähne sind in üblem Zustand und müssen umgehend saniert werden, aber zunächst soll er sich einige Tage eingewöhnen und die Wirkung der Spritze muss beobachtet werden. Sie ist ganz zuversichtlich was seine Behinderung angeht, meint, dass er mit entsprechender Physiotherapie  vielleicht sogar lernen kann auf seinen drei verbliebenen Beinen zu laufen – aber das müssen eingehende Untersuchung und Röntgen zeigen.

Die Wirkung der Spritze zeigt sich schon beim Nachhausekommen: er tobt glückselig durch den Schnee, hoppelt vergnügt durch das Haus und legt sich dann zu ihren Füßen nieder, den ersten Kauknochen seines Lebens knabbernd.

 

Er hat keine Schmerzen mehr - und er ist angekommen. 

Nach Jahren zum ersten Mal wieder gänzlich ohne Schmerzen zu sein hat ihn vor Glück fast durchdrehen lassen; aber natürlich ist die Wirkung zunächst nicht von Dauer. Sie beobachtet ihn, sieht, wie er wieder in Schonhaltung verfällt und macht sich Sorgen. Frau Dimitrov ruft fast jeden Tag an und erkundigt sich nach seinem Ergehen – in Compagnie mit nahezu dem gesamten Tierschutzverteiler, den ich allerdings schriftlich auf dem Laufenden halte. Er bekommt Medikamente, die ihn großteils schmerzfrei halten sollen, wird kostenlos homöopathisch behandelt und bekommt nach drei Wochen seine umfassende Zahnsanierung, die ihn eines Teils seiner Zähne beraubt, aber auch die schlimmen Entzündungsherde beseitigt, die sein Befinden übel beeinträchtigt hatten. Es geht täglich bergauf mit ihm, er gewinnt an Kraft, aber auch an Selbstvertrauen:

„Er will unbedingt so viel wie irgend möglich allein machen. Er lässt sich von uns nicht mal mehr über die kleine Schwelle an der Terrassentür heben. Da macht er einen Aufstand. Fängt an zu jaulen, als würden wir ihm wehtun, läuft weg, dreht sich um die eigene Achse, nur damit wir ihn nicht hochheben. Er will unbedingt allein raus -und reingehen. Ich habe es jetzt so gelöst, dass ich ein Handtuch über die Schwelle lege damit er sich nicht verletzen kann. Dann darf er darüber hoppeln und ist zufrieden und schaut mich immer an als wolle er sagen, schau, ich kann alles allein... Er ist so ein stolzer Hund...“

Ja; stolz, faszinierend, klug – und überaus kommunikativ, so als wollte er all die Jahre des Schweigens, in denen er sich niemandem mitteilen konnte im Schnelldurchlauf wettmachen und vergessen, alles nachholen, um die Zeit auszulöschen in der er unsichtbar für andere war – und sich damit auch seine Würde zurückholen. Er ist eine außergewöhnliche Seele mit einer ungeheuren Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeit  die nie einer verstanden oder gehört hat; und er scheint sich seiner Situation in einer Weise bewusst zu sein, die für sich genommen schon sehr ungewöhnlich ist – jedenfalls für einen Hund. (Allerdings, wie ich fürchte, auch für sehr viele Mitglieder der Spezies homo sapiens.)

Die Katze, die er bislang mit größter Rücksicht behandelt (und übersehen) hat, holt sich ihr Terrain zurück, nachdem sie feststellen konnte, dass dieser Konkurrent, den man ihr da fieserweise vor die Schnurrhaare gesetzt hat, es mit ihr an Fixigkeit nicht aufnehmen kann – was er aber dann tatsächlich doch versucht. Man hat ihn futtermäßig ein wenig auf Halbsold platziert, weil er etwas abspecken soll, aber er hat binnen kurzem gecheckt, wo sich der Napf der Dame versteckt und auch, wie er die Tür zu der Lokalität aufbekommt hinter der er sich befindet – und er kann es sich nicht verkneifen sie, als sie gegen den Mundraub protestiert, ein bisschen zu jagen, oder ihr zumindest jovial in den Achtern zu zwacken.

 

Das trägt ihm einen Anpfiff von Aileen ein, die anschließend fassungslos ihrer Mutter berichtet,  dass er doch tatsächlich eine Diskussion mit ihr angefangen hat, offenbar um sich zu verteidigen…

 

„„Also, das glaubst du nicht! Er hat wirklich mit mir geredet! Immer wenn ich was gesagt hab, wie: he, das darfst du nicht, die Katze war zuerst hier, du darfst ihr nichts tun… hat er Widerworte gegeben – mit „grummel“ und „fieps“ und ähnlichem geantwortet und mir dabei direkt in die Augen gesehen! Ich hätte mich wegschmeißen können!

Ich hatte das Gefühl er wollte erklären dass er bloß ein bisschen Spaß machen wollte - ich sag dir, der Hund ist unglaublich!“

 

Die Tierärztin begutachtet die Röntgenaufnahmen und ist überrascht. Er hat keine Arthrose und auch keine ernsthafte Schädigung der Wirbelsäule... Selbst das rechte Bein scheint nicht wirklich defekt zu sein, trotz seiner jahrelangen Fehlhaltung.

„Sie meinte, mit Training und Geduld und auch Rolli könne er üben es wieder gerade zu benutzen!!!! Ohhhh... ich wusste es!!! Ich wusste, dass er ein echter Kämpfer ist und er wird das hinbekommen!! Ich bin mir soooo sicher. Sie sagte auch, dass er, seit sie ihn das erste Mal gesehen hat, viel klarer und aufgeweckter wirke.  Na ja, vor drei Wochen hatte er ja auch gerade eine ziemliche Odyssee hinter sich, kein Wunder also, das er nur verängstigt und panisch wirkte...“

Er bekommt ein Aufbaupräparat aus Muschelextrakten, um die Schmerzmittel allmählich reduzieren zu können.

Seine Jahre scheinen von ihm abzufallen; er wirkt  jung und verspielt, so dass sie, wenn sie  auf der Straße seinetwegen angesprochen wird – was häufig der Fall ist – gefragt wird, ob er noch ganz jung sei…
Man merkt ihm seine Jahre ja auch wirklich nicht an. Er ist neugierig auf alles und verspielt wie ein junger Hund. Und man merkt ihm an, dass er jetzt endlich das Leben und die Welt entdecken möchte. Und das ist genau das, was wir ihm nun hoffentlich, soweit es geht, ermöglichen wollen. Er soll ein „ganz normaler Hund" werden. Der mit seinen Frauchen im Wald spazieren geht, der neue Menschen und Tiere kennen lernt, der mitkommen darf zu Freunden und Verwandten, der im Garten herumtobt. Eben alles, was andere Hunde auch so machen. Und er soll seinen wundervollen starken Charakter behalten. Ein besonderer Hund wird er sowieso bleiben...
Ein guter Anfang ist ja schon gemacht. Wir gehen jetzt täglich ein kleines Stück an unserer Straße spazieren und jeden Tag ein kleines Stückchen weiter. Fynn liebt das. Da kommen Hunde vorbei mit denen er eine Runde spielen kann, da kann er an jedem Baum „Zeitung lesen". Er setzt sich zwischendurch dann immer einen Moment hin und ruht sich aus und dann geht es weiter. Auf dem Hinweg ist er immer kaum zu bremsen. Und bald wird er wie all die anderen Hunde rund um den Flötenteich spazieren können... " 

Am 19. Februar wird sein Rolli ausgemessen, bei dem Orthopädiemechaniker Ausmeier in Schortens. Er bleibt völlig gelassen und ist sehr freundlich zu den Leuten, die da an ihm herumziehen, seinen Lauf strecken und den Stumpf, den er doch immer versteckt  gehalten hat, anfassen und begutachten. So als wüsste er wozu das Ganze gut sein sollte – und vielleicht wusste er das auch wirklich. Schließlich war es ihm ja gesagt worden, damals in der dunklen Einsamkeit seines Wartens und der Selbstaufgabe.
Man stellt fest, dass er wohl immer etwas schief bleiben wird, selbst wenn er tatsächlich wieder auf drei Beinen laufen lernen sollte, da er sich in dieser Fehlhaltung schon zu lange bewegt und die Muskeln sich dadurch etwas verschoben haben.

Und er gewinnt wieder einen neuen Fan – den 11 jährigen Sohn der Familie, der noch während der Untersuchung eine Geschichte über ihn, mit der Überschrift: Fynn, der tapferste Hund der Welt... schreibt.

Auch die Freundin betätigt sich literarisch und erfindet eine Geschichte, in der er ein verschollener, superkluger Königshund ist…

 

Und am 27. Februar bekommt er dann schließlich seine Räder… 

Fynn hat heute die ersten Runden mit Rolli gedreht!!

Oh was war er stolz und wir erst....
Er hatte es ruckzuck raus, wie das läuft und trippelte ganz munter mit uns los.
Was muss das für ein Gefühl sein, wenn man nach über 6 Jahren das erste Mal wieder gerade laufen kann????
Wenn Sie ihn gesehen hätten... Er sah soooo zufrieden und fröhlich aus... Seine Ohren hochgestellt, den Kopf gerade und dann mal los. Wir hatten Tränen in den Augen, so stolz sah er aus... 
Wir sind dann durch den Garten zur Straße, dorthin, wo er auch sonst schon mitgehoppelt ist. Die paar Meter, für die wir sonst ca. ne halbe Stunde gebraucht haben, mit Schnüffeln und Ausruhen, haben wir heute dann in Nullkommanix bewältigt. Ich weiß gar nicht, wer mehr gestrahlt hat, Fynn oder wir... Endlich, endlich konnte er wirklich ganz bis zum Flötenteich laufen und mit zur großen Wiese, wo immer all die anderen Hunde rumtoben und es soooo viel zu schnüffeln und zu sehen gibt. Da wo er immer so sehnsüchtig hingeschaut hat, aber die einfach zu weit für ihn war, solange er keinen Rolli hatte. 

Und siehe da, wir hatten besonderes Glück, es war ein gaaaaanz netter anderer Hund dort. Genau in Fynns Kragenweite. Der kam gleich neugierig auf ihn zu und es interessierte ihn überhaupt nicht, dass Fynn Räder hatte. Ach, was war Fynni stolz, dass er endlich mal mithalten und auch hinterher rennen konnte!  Nicht mehr traurig sitzen bleiben und zusehen, wenn andere hin- und her rennen, sondern mitlaufen. Chiko musste nur ein wenig auf seine Pfötchen aufpassen, sonst wären die überrollt worden. Es war einfach toll Fynn so glücklich zu sehen. Er konnte sogar mit den Vorderpfoten kratzen ohne umzufallen. Das hat ihm Spaß gemacht. Er hat so gekratzt, dass wir zur Seite gehen mussten, damit wir nicht den ganzen Dreck abbekamen.
Jetzt ist er redlich k.o. Wenn es nach ihm gegangen wäre hätten wir noch mal losziehen können. Aber es ist genug für einen Tag.  Das Tolle ist, als ich eben noch mal mit ihm draußen war, ist er trotz der Anstrengung des Tages sehr gut mit seinem Bein gelaufen. Er bewegt es auch gut mit im Rolli. Es kommt ganz leicht auf den Boden, aber nicht ganz. So streckt er es dann auch, was ganz sicher nur gut für das Bein ist, damit es nicht immer so geknickt benutzt wird.

 

Und dann hat er mir noch bei der Gartenarbeit „geholfen"... lach... Sie hätten ihn sehen sollen!! Ich holte die Harke um das Beet mal von Laub usw. frei zu harken und ein paar Blumen umzusetzen. Er schaute sich das an, kam hinzu, stellte sich neben mich und fing an zu buddeln... und wie er gebuddelt hat... Zwischendurch schaute er mich an als wolle er sagen: habe ich dir nicht fein geholfen?? und grinste richtig erfreut.  Ich musste so lachen, das konnte ich ihm nicht verbieten,  SOOO stolz wie er auf sein Loch war. Da er sich ja nicht so gut auf seinem Hinterteil halten kann, plumpste er manchmal selbst in das Loch, da es ganz schön groß wurde, krabbelte wieder raus und weiter ging es. Er sah aus wie ein kleines Schweinchen, schwarz von der Gartenerde, aber glücklich... Ich habe das Gefühl, er kommt mit jedem Tag, den er hier verbringt mehr zu Hause an. Er ist einfach ein echter kleiner Sonnenschein!

Gestern ist der Lümmel übrigens noch ausgebüchst! Ich fürchte, er hat der Katze gut zugeschaut wie man sich gaaaanz dünne macht um durch eine kleine Ecke im Zaun zu kommen... Ich war drinnen mit einer Freundin und Fynni wollte endlich spazieren gehen. Aber er sollte sich noch ein wenig gedulden. Also habe ich ihn, bei offener Terrassentür in den Garten gelassen, damit er dort spielen oder liegen konnte. Kurz darauf klingelt es an der Haustür und ein junger Mann aus der Nachbarschaft steht davor und fragt mich: ist es ok, wenn er allein draußen rum läuft? Ich schaue ihn völlig verdutzt an und frage: wenn WER allein draußen rum läuft?? Er: na Ihr Hund!
Ich gehe mit ihm um die Ecke in den Vorgarten und wer steht dort und grinst mich breit an?? Ja, Fynni... Zum Glück ist er in der Straße bekannt wie ein bunter Hund, der er ja auch ist mit seinem blauen Rolli-Porsche... So hatte der junge Mann gleich geschaltet als er Fynn allein und ohne Rolli Richtung Flötenteich tapsen sah. Er meinte, Fynn hätte sich wohl eh gerade auf den Rückweg machen wollen und sei dann brav hinter ihm hergekommen als er ihn gefragt hat ob er ihn nach Hause bringen dürfe.
So ein Frechdachs! Und freut sich auch noch ´nen Keks, dass er schon mal allein spazieren gegangen ist! Noch vor einer Woche wäre ihm das nicht eingefallen, aber heute hat ihn wohl der Hafer gestochen...

 

Heute hat meine Tochter ihn dann beobachtet wie er versuchte wieder zu entwischen und so die Lücke gefunden. Also habe ich dann heute Abend noch mal alles verrammelt und verriegelt. Er hat mir dabei zugesehen und fand das gar nicht toll…“

Der Frühling eines neuen Lebens…

 

"Ich habe nie gewusst dass es so etwas wie Glück gibt. Ich wusste nicht, wie es ist glücklich zu sein – oder wenn ich es jemals wusste, dann hatte ich es vergessen, in der langen Zeit des Wartens am Zaun.

Hier ist nun mein Himmel - und er trägt dieselben Sterne die ich immer schon gesehen habe; und doch ist alles ganz anders. Ich bin nicht mehr allein und ich bin wichtig, denn ich habe eine Aufgabe. Ich beschütze mein Heim und mein Rudel und ich tue es mit allen Kräften die ich habe. Sie, die mich rief und mir Botschaft brachte, hat die Wahrheit gesprochen; ich kann rennen, so schnell wie jemals zuvor. Mir gehört ein Lager mit weichen Decken  und mein Napf ist immer voll frischem Wasser – und er gehört mir allein. Dort draußen ist die große Wiese mit den gelben Blumen und ich bin hindurch gerannt, wie verrückt vor Freude.

Ich habe alles wovon ich jemals geträumt hatte - und es ist noch viel schöner es zu erleben als davon zu träumen! Da wacht ja man irgendwann wieder auf und alles ist wie vorher - aber nun wache ich auf und der Traum geht immer noch weiter!Jetzt habe ich hinten Räder, bin schnell wie der Wind und kann mit allen anderen Freunden – ja, die habe ich jetzt auch! - herumsausen und Fangen spielen; ich kann Löcher buddeln ohne umzufallen und ich kann mit dem Wind der die Blätter jagt um die Wette rennen. Ich muss ihn nicht mehr rufen um meine Bitten davon zu tragen…

Und ich habe ein Zuhause auf das ich aufpassen darf, mit vier Mädchen darin, die mich brauchen – so wie ich sie brauche. Sie sagen mir jeden Tag wie sehr sie mich lieb haben und dass sie sich keinen Tag mehr ohne mich vorstellen können. Und es ist wahr, ich weiß es. So schön war nie ein Traum - weil ich jetzt weiß, dass ich einschlafen und wieder aufwachen kann - und all das ist immer noch da!

Und – ich kenne jetzt meinen Namen.

 

Ich heiße Fynn - und ich bin glücklich."

„Wie ich damals auf seine Seite gekommen bin, das weiß ich überhaupt nicht. Plötzlich war er da und ich konnte nicht mehr vorbeischauen... Da ich null Ahnung von behinderten Tieren hatte und ebenso wenig Ahnung davon, wie ein Tier aus dem Ausland zu einem kommt, war ich ja mehr als unsicher... Ich erinnere mich so gut an meine schlaflosen Nächte, weil ich nichts weiter über ihn wusste, ihn nie vorher kennen gelernt habe usw. und Mega-Angst hatte, dass ich womöglich nicht mit ihm klarkommen würde...  Es sollte aber für uns beide so sein und so bleiben. Dank Fynn habe ich sehr viel lernen dürfen, auch über die Schicksale der armen Tiere im Ausland… Am 18. Januar vor einem Jahr  war sein Einzug bei uns und dann wird sein neunter (geschätzter) Geburtstag gefeiert.
Er ist einfach mein kleiner Sonnenschein und vom ersten Tag an hatten wir eine enge Verbindung zu einander, die noch stärker geworden ist. All meine Ängste sind in Rauch und Schall aufgegangen. Er ist einfach soooo ein toller Kerl!! Ich hoffe er wird uralt!“

 

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Und ich?

Ich würde sagen – ich bin mit einem blauen Auge davon gekommen; Fynn, der Vergessene, Unbemerkte, der fast schon Verlorene, wurde noch rechtzeitig gesehen und gefunden. Sein Tod lastet nicht auf meiner Seele, sondern ich darf mein Herz an seinem Glück wärmen.

Und ich hatte soviel Hilfe, für die ich sicherlich gar nicht dankbar genug sein kann – aber vielleicht liest ja der eine oder andere von seinen Engeln seine Geschichte…

Ich weiß ja, liebe Engel, dass ihr keinen Dank braucht und wollt, aber ich will euch dennoch sagen, das ich euch liebe und dass ich froh bin, dass es euch gibt… irgendwo da draußen – und an den vielen PCs, mit denen umzugehen ihr inzwischen alle so fleißig gelernt habt…und dass ihr da wart als ich euch gerufen habe, für eine verzweifelte Seele die Hilfe brauchte.

Doch die Existenz der Engel
Die bezweifelte ich nie:
Lichtgeschöpfe sonder Mängel,
Hier auf Erden wandeln sie.

 

Heinrich Heine


Ab  Januar 2017 begann es ihm schlecht zu gehen. Er baute rapide ab und alle ärztliche Behandlung in den folgenden Wochen, einschließlich einer OP, konnten das Ende nicht abwenden - es kam unausweichlich.

Am 4. April musste Marita ihn gehen lassen.

Sie gab ihm noch einen wunderschönen Tag mit den Menschen und Tieren die er geliebt hatte, an den Orten wo er glücklich gewesen war, vor allem seiner Wiese am Teich.

Und sie gab ihm das große Glück von sieben glücklichen Jahren, die ihm alles zurückgaben was die Jahre davor ihm genommen hatten.

 

Agi, die ihn über die Brücke schickte, sagte, er sei von einem großen Rudel freudig empfangen worden. Sie nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn mit sich - und verschwanden dann hinter einer Nebelwand, so als wollten sie deutlich machen dass seine Existenz in unserer Welt beendet war und dass die, die er nun betreten hatte, uns nichts mehr anging.

 

Der Tod ist nicht das Ende.

Er ist es nur für uns, die wir zurückbleiben.