Die Lasten der anderen tragen...

3. Januar 1889: Ein Mann umarmt ein Pferd und weint. Es ist ein eleganter Mann. Mit Schnauzer, Goldbrille und seidengefüttertem Paletot. Das Pferd ist ein Droschkenpferd und steht eingespannt am Stand auf der Piazza in Turin. Der Mann hängt dem Tier am Hals und schluchzt ganz jämmerlich. Leute bleiben stehen und stoßen sich an, Gaffer glotzen, Kinder kichern.

Was ist passiert?

Der Kutscher hat den Gaul geprügelt und der Mann ist hinzu gelaufen und hat das misshandelte Tier umarmt.

Statt den Kutscher zu prügeln.

Vielleicht wäre er dann nicht wahnsinnig geworden….

 

Die Rede ist von Friedrich Nietzsche.

Vielleicht sind sie die vom Menschen am meisten ausgebeuteten Tiere der Erde. Vor Pflug, hochbeladene Wagen oder Kutschen gespannt, als Lasttiere, zur Jagd oder im Krieg eingesetzt, oder den Göttern geopfert – ein Leben ihrer Art gemäß führen konnten sie wohl nicht mehr, seit der Mensch sie sich zum eigenen Nutzen gefügig gemacht hat.

 

Aber so wenig wert wie heute waren sie wohl noch nie, denn anders kann ich mir die Vielzahl an Schlachttransporten, die gesunde, noch junge, teilweise sogar trächtige Pferde buchstäblich wie auf Schinderkarren quer durch Europa zu den billigsten Schlachthöfen karren, nicht erklären. (jährlich rund 11.000 deutsche Pferde!)

Gar nicht erst zu reden von den „Reiterhöfen“ wo zappelnde Kinder auf den durchgerittenen Rücken der Ponys Runden drehen – immer dieselben.

Oder die Miniponys, für kleine Mädchen angeschafft und dann jahrelang vergessen bis zu den Knien im Dreck stehend – davon können viele Tierfreunde ein langes, trauriges Lied singen.

 

Und last but not least – der unselige Reit-und Springsport…

 

 

Und die Esel? Die trugen immer schon Lasten, die vergleichsweise nur noch die Ameisen bewältigen – nur dass die freiwillig schleppen.

 

Hungrig, durstig, unterernährt und struppig, unglaubliche Bürden auf den kleinen Rücken, ziehen sie der Wege, die nicht die ihren sind, mit der sprichwörtlich gewordenen Geduld der Esel.

 

Aber vielleicht ist es nicht Geduld, sondern nur noch Hoffnungslosigkeit.

 

Alfredo

23 Jahre stand er in einem Gehege von (Sozial)Wohnzimmergröße, einsam im Wald und ohne Heide - oder Wiese. Und ohne Kontakt. Einzelhaft für ein sozial geselliges Geschöpf, weil die Menschen denen er gehörte, sich niemals die geringsten Gedanken um ihn und die Einsamkeit machten, zu der sie ihn verdammt hatten.

 

21 Jahre dauerte es bis ihn jemand fand und verstand.

Und zwei Jahre dauerte es bis man ihn herausgab, bis man ihn für 100 € verkaufte, den 23 jährigen Eselhengst.

Ob er weinte, wie Raju, der Elefant, nachdem er von seinem 50 jährigen Elendsdasein erlöst wurde? 

 

Ich habe keine Ahnung - aber ich weiß, dass er schnurstracks in den Anhänger marschierte, der ihn abholte um ihn in ein neues Zuhause und ein neues Leben zu bringen. Das hat er offenbar sofort begriffen, denn  sein Abgang hatte etwas von: „nichts wie weg hier!“…

 

Sein neues Zuhause – das war die Eselsbrücke Vogtlandhttp://www.eselsbruecke-vogtland.de/ein alter Vierseitenhof, auf dem 7 (jetzt 8) Esel, 15 Alpakas, 2 Hunde, 13 Katzen und 6 Hühner leben. 

Dort steht:

„Der Esel ist ruhig, besonnen, loyal und tolerant. Esel sind ausdauernd, zäh und duldsam bis zur totalen Erschöpfung, was ihnen oft mehr Leid als Freude eingetragen hat. Gewinnt der Mensch das Vertrauen eines Esels, findet er in ihm einen feinfühligen, treuen und zutraulichen Freund. Der Esel ist ein sehr vernünftiges Tier, das nicht zu vorschnellen, unvorsichtigen oder panischen Reaktionen neigt. Das macht ihn zu einem verlässlichen sicheren Partner. Er ist neugierig, intelligent und hat einen ausgesprochenen Sinn für Humor.“

Das schreiben sie. Und sie bieten 5000 qm Weide für die humorvollen Esel …

Was ich von Eseln bisher kannte, waren die abgekämpften Elendsgestalten des Südens, vor allem Ägyptens. Aber wie es aussieht muss man nicht sehr weit über unseren deutschen Tellerrand lugen…

 

Alfredo ist, nach Ankunft,  zunächst herum galoppiert, hat sich im Gras gewälzt und dann Kontakt aufgenommen…

Er war 23 Jahre alt und hat – im Gegensatz zu seinen Gefährten in den südlichen Ländern – nie bis zur völligen Erschöpfung und Ausbeutung Lasten schleppen müssen.

Er war immer nur einsam.

 

Ein Dankeschön an die, die ihn fand, verstand und zwei Jahre um ihn kämpfte – und ihm nun ein neues Leben schenkte. Und an die Eselsbrücke die ihn aufnahm.

Ihm blieben 3,5 Jahre, in denen er glücklich sein durfte. Ein Minimum, gemessen an seiner Lebensspanne - aber alles was er hatte. 

Nun ist er gestorben. 

Genaueres weiß ich noch nicht, denn die Eselsbrücke hat sich bisher auf ihrer Homepage nicht geäußert.

 

Vielleicht gibt es ja ein Regenbogenland nur für Esel. Wo er nie wieder einsam sein wird. 

 

Um ein anderes Wesen zu verstehen,
musst du in ihm leben, bis in seine Träume hinein.

 

Indianische Weisheit